Grenze zwischen Italien und Österreich

Der bizarre Versuch, Flüchtlinge am Brenner zu stoppen

Am Brennerpass holt die Polizei täglich Flüchtlinge aus dem Zug, die ohne Papiere aus Italien weiter nach Deutschland reisen wollen. Helfer versorgen die Gestrandeten mit etwas zu essen oder warmer Kleidung. Unser Korrespondent hat sich die absurde Szenerie angesehen.

Norbert Mappes-Niediek
7 Min
Der Grenzbahnhof Brenner zwischen Österreich und Italien.

Der Grenzbahnhof Brenner zwischen Österreich und Italien.

© imago stock&people Lizenz

Wenigstens der allein reisende Junge aus Somalia, der ein paar Worte Englisch spricht und schon 20 Jahre alt sein will, wäre kurz vor der Abfahrt sicher noch durch eine Tür in den Zug geschlüpft. Aber wozu Ärger riskieren? Zeit spielt hier auf dem Brenner keine Rolle. Morgen ist auch noch ein Tag. Etliche Regionalzüge fahren von hier nach Innsbruck oder Kufstein, und in die verirrt sich kein Polizist.

Alessio hat die Szene beobachtet. Der junge Helfer steht mit einer Thermoskanne am Bahnhof, er arbeitet für einen sozialen Notdienst mit Namen Volontarius. Alessio kennt sich aus, er könnte dem Jungen vielleicht einen Tipp geben. „Aber das darf ich nicht“, sagt er. „Das wäre Fluchthilfe.“

Behutsam, ratlos, hilflos

Freund und Feind, wohlmeinende Helfer auf der einen, scharfe Polizisten auf der anderen Seite, so etwas gibt es hier nicht. Helfer, Flüchtlinge, Beamte umschleichen einander. Behutsam, ratlos, hilflos sind sie alle drei.

Ruhig und ein bisschen melancholisch geht es zu am Brenner. Im italienischen Grenzdorf, das zum größten Teil aus Bahngelände besteht, und am Bahnhof von Bozen kommen täglich zwischen 150 und 200 Flüchtlinge an auf ihrem Weg weiter nach Norden. Freiwillige schenken ihnen auf dem Bahnsteig Tee aus, geben ihnen etwas zu essen und versorgen sie zur Not mit Jacken, besonders oben auf dem Brenner, wo es erst sehr allmählich wärmer wird.

„Wenn wieder ein Boot aufgegriffen wurde, ist das ein paar Tage später hier zu spüren“, sagt Sonja Cimadom, eine engagierte junge Frau, die die Hilfe koordiniert. Die Bahnsteige sind dann voller, die Kontrollen werden dichter. Bozner kommen und bringen Kleidung. Seit Jahresbeginn sind nach den Zahlen der italienischen Regierung schon 24.000 Menschen über das Mittelmeer gekommen.

Einen schmalen Jungen mit großen Augen hat die Grenzpolizei an diesem Morgen aus dem Frühzug nach München geholt. Alessio hat ihn wenig später aufgegabelt. „Austria, Germany“, antwortet der Junge auf die Frage, wohin er will. Pass hat er keinen, kein Gepäck, Handy auch nicht. „Nicht einmal Geld“, sagt Alessio. „Aber er wird ankommen.“ Irgendwie, irgendwann.

Ratlose Menschen auf den Bahnsteigen

Seit Mitte November steigen täglich italienische, deutsche und österreichische Grenzpolizisten in Trient gemeinsam in Fernzüge Richtung Brenner, kontrollieren Pässe und weisen Reisende ohne Papiere aus dem Zug. Danach stehen regelmäßig Dutzende Syrer oder Afrikaner ratlos auf den Bahnsteigen. „Viele wissen nicht, in welchem Land sie sind“, sagt Kathrin, eine junge Helferin am Bahnhof in Bozen, die in ihrer Freizeit die gestrandeten Reisenden betreut, „und schon gar nicht, dass hinter dem Brenner erst einmal Österreich kommt und noch nicht Deutschland.“

Der somalische Junge wird es beim ersten Mal kaum schaffen, prophezeit der Helfer Alessio. Wenn er allein in einem Zug nach Deutschland sitzt oder auf dem Bahnhof in Innsbruck herumsteht, werden die Österreicher ihn nach Italien zurückschicken, formlos. Das erlaubt ihnen ein bilaterales Abkommen. „Und dann geht das Spiel von vorne los.“

Dass er schon zwanzig ist, sieht man dem schüchternen kleinen Somali nicht an; er ginge auch für sechzehn durch. Zwanzig zu sein hat hier aber seinen Sinn. „Wird ein Minderjähriger aufgegriffen, schicken wir ihn nicht nach Italien zurück“, sagt Peter Gantioler von der Grenzpolizei in Innsbruck. „Einmal hatten wir vier zwölf-, dreizehnjährige Eriteer. Die mussten wir regelrecht zwingen, in Österreich Asyl zu beantragen.“ Dass das widersinnig war, weil die Jungen wahrscheinlich in Deutschland erwartet wurden, ist dem Polizisten völlig klar. „Aber wir konnten die Kinder ja nicht einfach so weiterreisen lassen.“

An der Treppe zum Bahnsteig in Bozen lehnen fünf junge Männer. Dieudonné heiße er, sagt der erkennbar älteste von ihnen, ein kräftiger Kerl mit einem brüllenden Löwen auf dem T-Shirt. Aus Sizilien kommen sie, davor aus Libyen, davor aus Guinea. Wie lange es von Sizilien hierher gedauert hat? „J’ai oublié“, sagt er einsilbig, er habe es vergessen.

Auf keinen Fall „Asyl“ sagen

Die Männer wollen nach Deutschland. Was sie sagen dürfen und was nicht, wissen die fünf Guineer genau. Über den Fluchtweg ist zu schweigen. Fotos gehen gar nicht, denn sie könnten deutschen Behörden später einmal als Beweis dienen, dass die Gruppe über Italien eingereist ist. Auf keinen Fall dürfen die Männer „Asyl“ sagen. Dann nämlich kommen sie ins italienische oder österreichische Asylverfahren. Und hängen dann hier fest wie Faisal, der 37-jährige Somalier, der heute in Bozen lebt und auf dem Bahnhof für die Flüchtlingshelfer übersetzt. „Meine Frau und mein neunjähriger Sohn sind in Norwegen, meine Mutter ist in England“, berichtet er. Gesehen haben Mutter und Sohn, Frau und Kind einander seit acht Jahren nicht. Faisal lacht bitter.

Einen rechten Buhmann in Sachen Flüchtlinge kann niemand ausmachen. Die Helfer auf dem Bahnhof, die meisten wurden von einer losen Facebook-Gruppe mobilisiert, beschweren sich ein wenig über die Südtiroler Landesregierung, die für die Gestrandeten keine Infrastruktur bereitstellt.

Eine Regierungssprecherin verteidigt sich: „Die Leute wollen ja eh nicht in Bozen oder auf dem Brenner bleiben.“ Außerdem seien sie so misstrauisch – ein Vorwurf, der nicht von der Hand zu weisen ist. „Man weiß auch nicht genau, wo die Flüchtlingshilfe aufhört und die Fluchthilfe anfängt“, sagt die Helferin Kathrin und schielt zu den italienischen Polizisten hinüber, die ihrerseits angestrengt über ein Grüppchen auf dem Bahnsteig sitzender Nigerianer hinwegschauen. „Darf ich noch verraten, wann der nächste Zug zum Brenner fährt?“, fragt sich Kathrin. „Oder wie eine Polizeiuniform aussieht?“

Die Carabinieri auf dem Bahnhof machen nicht den Eindruck, als wollten sie Nothelfer der Schlepperei überführen. Auch ihre österreichischen Kollegen drüben auf der anderen Seite, die hauptsächlich Schlepper jagen, wollen nicht die bösen Bullen sein. Vor allem für Flüchtlinge, die in Vans oder auf Lastwagen aufgegriffen wurden, haben sie im Gebäude der Autobahnmeisterei eine Etage als kleines „Betreuungs- und Anhaltezentrum“ eingerichtet. Es gibt Gitter vor den Fenstern und keine Türklinke. Eingerichtet haben die Beamten die Räume aber mit aller Aufmerksamkeit, zu der eine Behörde fähig ist – mit Spielsachen, Windeln, Kuscheltieren.

Sisyphus lässt grüßen

Die Flüchtlinge bleiben hier höchstens eine Nacht, dann werden sie nach Italien zurückgeschickt. Illegaler Grenzübertritt ist nach österreichischem Gesetz eine „Verwaltungsübertretung“ und mit mindestens 100 Euro Strafe zu ahnden. „Aber wir nehmen ihnen kein Geld ab“, sagt Polizei-Oberleutnant Günther Salzmann, der hier ständig im Einsatz ist. „Auch den Syrern nicht, die manchmal viel Geld bei sich haben.“

Abgenommen werden ihnen nur die Fingerabdrücke, zur Abgleichung mit der Fahndungsliste. „Viele weigern sich“, sagt Salzmann. Sie fürchten – zu Unrecht, aber woher sollen sie das wissen? –, dass sie dann in der Datenbank der Schengen-Staaten registriert werden und in Österreich bleiben müssen. „Aber was sollen wir tun, wenn sie sich weigern? Ihnen die Finger brechen?“

„Eine Sisyphusarbeit“ sei das, sagt Günther Salzmann, der das hier seit Jahren macht und bald in Pension darf. Dass irgendwann alle Flüchtlinge ihr Ziel erreichen, wie die Helfer in Südtirol erzählen, will der Polizist mit den traurigen Augen gar nicht bezweifeln.

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