Mit 20 stand ich auf Wacht für den Frieden. Das hatte mit meiner politischen Schizophrenie zu tun: Ich wollte am „Roten Kloster“ in Leipzig sozialistische Journalistik studieren, aber weder in die Partei eintreten noch mich zu drei Jahren Wehrdienst verpflichten. Als sie mich dann bei der Musterung fragten, ob ich denn an die Staatsgrenze zur BRD gehen würde, hatte ich das Gefühl, nun kein Nein mehr frei zu haben. Zudem kannte ich einen, dessen Cousin als Mot.-Schütze, vulgo: Mucker, bei einem Manöver in der Sowjetunion umgekommen war. Die Aussicht, als gemeiner Grenadier versehentlich von einem beschwipsten Russen umgenietet zu werden, erschien mir missvergnüglich genug, um darüber zu verdrängen, an der Grenze womöglich selbst jemanden erschießen zu müssen.
Viele Politiker appellieren für Öffnung der Grenzen
Aber wieso erzähle ich das jetzt noch? Es gibt doch keinen Erklärungsbedarf mehr. Ja, früher, da kamen schon Fragen: Und? Hättest du geschossen? Aber aus gegenwärtiger Sicht war das doch eine Grenze wie viele andere, oder? Beim jüngsten Mauerbau-Jubiläum jedenfalls fühlte sich die Berliner Turbostaatssekretärin Chebli zuvörderst an heutige Mittelmeertote erinnert, an „Zehntausende, die wegen unserer Grenzen starben“. Die Berliner Linken-Chefin Schubert sah sich aus selbigem Anlass gemahnt, „Grenzen nicht zu befestigen, Geflüchtete willkommen zu heißen“. Schuberts Bundesvorsitzende Kipping assoziierte zum Tag, an dem Ungarn den Zaun nach Österreich öffnete: „Diese Zivilcourage brauchen wir angesichts von Trump und Orbán auch heute.“ Das Doofe an der DDR war also, dass nicht alle hineindurften.
Ich diente an einer Grenzübergangsstelle im Eichsfeld. Wir saßen zu dritt im Postenhaus. Unter uns schlummerte der „Jumbo“, ein Doppel-T-Träger auf Rädern und Schienen. Jede Nacht um halb drei wurde das Ding probeweise mobilisiert. Der Postenführer zog am Hebel, die Kraftfahrzeugsperre rollte auf die Straße. Wir gingen dahinter in Stellung, die Kalaschnikow im Anschlag, Richtung Osten. Von dort erwarteten wir den Feind, ob nun in Gestalt eines durchbrechenden Tanklasters oder gepanzerten Trabants 601 Deluxe.
Die Berliner Mauer lässt sich nicht mit den Sperrwerken an der Grenze Israels vergleichen
Die Erkenntnisse der zitierten Damen sind erstaunlich, gerade für mich als Zeitzeugen. Mein wahrer Kampfauftrag war demnach, Bottroper Armutsflüchtlinge und durch die Kohl-Junta Verfolgte daran zu hindern, das Arbeiter-und-Bauern-Paradies zu überrennen. Diese Information muss ich verarbeiten. Denn für mich macht es derzeit noch einen Unterschied, ob man ein anderes Haus nicht ohne weiteres betreten darf oder aus der eigenen Wohnung nicht herauskommt, weil Vati abgeschlossen und den Schlüssel weggeworfen hat. Die Kontrolle darüber, wer das eigene Territorium betreten darf, ist ein Grundmerkmal funktionierender Staaten. Die Ausreisefreiheit dagegen gehört zu den universellen Menschenrechten. Insofern ist es auch drollig, wenn die ARD-Tagesschau in einem Atemzug mit der Berliner Mauer die Sperrwerke zwischen Israel und dem Westjordanland nennt, so, als sollten diese die Juden daran hindern, ihrem Staat zu entfliehen.
Und? Hätte ich geschossen? Es gibt Ex-Grenzsoldaten, die das für sich ausschließen. So sicher wäre ich meiner gern. Keine Ahnung. Ich kam nicht in die Verlegenheit, etwas beweisen zu müssen. Glück gehabt.
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