Berlin - Die Frühjahrsoffensive begann in diesem Jahr schon im Februar. Erst waren es die Haselpollen, die den Angriff führten, dann kam die Erle, gefolgt von der Birke und den Gräsern. Zurzeit führen die Beifußpollen einen erbitterten Krieg gegen die Nasenschleimhäute. Experten vom Polleninformationsdienst (PID) haben für 2016 eine deutlich höhere Belastung für Berliner mit Heuschnupfen prognostiziert. Hinzu kommen noch andere Allergieformen wie Asthma, Insektenallergie, Kontaktekzem und Nahrungsmittelallergie. Über 35 Prozent der Berliner haben schon mal unter einer allergischen Erkrankung gelitten, das liegt ein Drittel über dem Schnitt einer Kleinstadt. Ist Berlin die heimliche Allergie-Hochburg Deutschlands?
Nebeneffekt Allergie
„Keineswegs“, sagt Prof. Dr. med. Dr. h. c. Torsten Zuberbier, Vorstand der Europäischen Stiftung für Allergieforschung (ECARF) mit Sitz an der Berliner Charité, „die durchschnittliche Rate der Allergien ist in allen Großstädten deutlich höher als auf dem Land. Das liegt zum einen an der dort lebenden Bevölkerung, zum anderen aber auch an der entsprechenden ,Großstadtluft‘.“ Und die sollte man keinesfalls als Standortnachteil werten, denn neben der weniger verkeimten „Berliner Luft“ werden laut einer Studie des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI) von 2013 auch noch höhere Bildung und höheres Einkommen für mehr Allergien verantwortlich gemacht. Die Antwort liegt darin, dass Allergien – so eine populärwissenschaftliche These – oft ein unerwünschter Nebeneffekt eines gesteigerten Hygiene-, Pflege- und Modebewusstseins sind.
Mütter, die ihre Kinder nicht im Dreck spielen lassen, Erzieher, die sich nach jedem Händedruck die Hände waschen, Frauen und Männer, die sich mit Duftstoffen und Kosmetika bewaffnen. Doch wer daraus den Schluss ableitet, ähnlich wie es manche Impfgegner tun, der eine oder andere Infekt sei zu tolerieren, spielt mit dem Feuer. Zuberbier: „Weniger bekannt ist, dass die Keime, die einen vorbeugenden Effekt auf die Ausbildung von Allergien haben, keineswegs die sind, mit denen man seine Kinder gerne spielen lassen möchte. Beispielsweise sind das Tuberkulosebakterien.“ In der Summe war „eine bessere Hygiene der wesentliche Faktor, der die Kindersterblichkeit verringert und die Lebenserwartung des Menschen verlängert hat“.
Wichtige Unterscheidung
Besonders betroffen sind laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts Berlinerinnen zwischen 30 und 39. Bei 60 Prozent von ihnen wurde eine Allergie diagnostiziert. Doch Zuberbier gibt zu bedenken: „Man unterscheidet die sogenannte Sensibilisierung, bei der das Immunsystem einen Stoff als fremd und allergen erst einmal nur erkannt hat, von der tatsächlich krankmachenden Reaktion des Körpers, wie zum Beispiel einem allergischen Schnupfen. Das heißt, es sind deutlich mehr Menschen auf Allergene sensibilisiert als an einer Allergie wirklich erkrankt.“
Doch was können die Berliner, also die Großstädter tun? Wirklich sicher kann man Allergien nicht verhindern, egal, ob man auf dem Land oder in der Metropole wohnt, aber es würde schon viel helfen, wenn man ein paar Grundsätze beherzigt. In der Schwangerschaft und in der Gegenwart von Kindern sollte beispielsweise nicht geraucht werden. Und neben der Primärintervention, die dafür sorgt, dass eine Allergie gar nicht erst auftritt, sollte bei der Sekundärprävention auf Schadensminimierung geachtet werden. „Leider erleben wir immer noch, dass circa 90 Prozent der Betroffenen sich nicht oder nur unzureichend behandeln lassen“, so Zuberbier. „Das ist in jedem Fall schlecht, da sich durch die fehlende Behandlung nicht nur die Lebensqualität und die Leistungsfähigkeit in Schule und Beruf verschlechtern, sondern auch die Gefahr besteht, dass die allergischen Reaktionen mit der Zeit stärker werden.“
In allen Zivilisationsgesellschaften nehmen die Allergien zu. Hintergrund ist, dass die Neigung zu dem evolutionsgeschichtlich besseren Immunsystem, das die Grundlage von Allergien darstellt, bei mehr als 50 Prozent der Bevölkerung in der Genetik verankert sei, so der Professor. „In der Evolutionsgeschichte hatte ein besseres Immunsystem einen großen Vorteil, da Menschen mit diesem genetischen Hintergrund seltener krank sind, weniger schwere Infektionskrankheiten haben, weniger Krebserkrankungen haben, insofern wollen wir dieses gute Immunsystem auch keineswegs verlieren.“
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