Silke Fischer initiierte 2003 das Myfest rund um die Kreuzberger Oranienstraße. Das Konzept, den Randalierern am 1. Mai das übliche Betätigungsfeld zu nehmen, ging auf. Allerdings hat sich das Myfest inzwischen von einem Anwohnerfest zu einem übervollen, bierseligen Massenevent gewandelt. Das nervt viele Anwohner.
Monika Herrmann, die Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, hat das Fest in seiner jetzigen Form infrage gestellt. Können Sie das nachvollziehen?
Ich verstehe die Sorgen sehr gut. Und Monika Herrmann hat die Verantwortung als Veranstalterin des Bezirksamtes für das Myfest. Sie ist die Person, die einen Gesamtblick auf das Myfest hat und für die Sicherheit von Bewohnern und Besuchern verantwortlich ist.
Wie haben Sie das Myfest in diesem Jahr erlebt?
Es gibt ein großes Sicherheitsproblem. Stellen Sie sich vor, einer der vielen selbst gebauten Grills kippt um und die Leute in der Oranienstraße fangen an zu rennen. Das wäre schrecklich. Hinzu kommt ein massives Lärmproblem durch die vielen Bühnen, die zu eng nebeneinander stehen. Außerdem viel Müll, viel Urin. Und über allem steht ein ökonomisches Interesse. Die etwa 20 Bühnenbetreiber verkaufen Bier an mehreren Ständen, überall werden Grills angeschmissen, und es werden Riesenmengen an Alkohol hervorgeholt, der eigentlich nicht verkauft werden soll.
Wie könnte ein neues Konzept für das Myfest aussehen?
Mehr Fläche, weniger Stände. Wir sollten darüber nachdenken, das Myfestgebiet auszuweiten. Dann würde sich alles nicht so sehr in der Oranienstraße drängeln. Die Besucher, die in diesem Jahr nicht mehr aufs Myfest reingekommen sind, haben den Festbereich ja schon faktisch ausgeweitet. Gleichzeitig wäre die Zahl der Stände auf den Gehsteigen erheblich zu reduzieren. Nötig ist es auch nicht, vier Bühnen auf 350 Quadratmetern zu haben. Der Alkoholausschank sollte eingeschränkt werden. Es muss doch nicht sein, dass jeder Bühnenverantwortliche, dessen Bühne aus Steuergeld finanziert wird, noch ein bis vier Bierstände dazu betreibt.
Am Spreewaldplatz in Kreuzberg startet die "Revolutionäre 1. Mai Demo" - und außerdem wird auf der Bushaltestelle getanzt.
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Gibt's hier was umsonst? Besucher des Myfests drängen sich im Görlitzer Park.
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Da wollten wohl ein paar Leute ihre Ruhe - Besucher des Myfests sitzen am Görlitzer Park auf einem Dach.
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Viele Menschen machen viel Müll. Da platzt so manch ein Mülleimer einfach aus allen Nähten.
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"Fuck gegen Gentrifizierung, Überwachung, Hass IV, Rollkoffer" steht in großen Lettern auf einer Straße in Kreuzberg.
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Auf dem MyFest in Kreuzberg drängen sich die Menschen dicht an dicht.
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Ungefähr 40 000 Besucher feiern auf dem Myfest. Einige U-Bahnhöfe mussten aufgrund des Andrangs bereits gesperrt werden.
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Wer woanders keinen Platz mehr zum Sitzen findet, holt seine eigene Couch.
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Auch auf der Oranienstraße feiern die Menschen dicht gedrängt.
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Die Zugänge am Kottbusser Tor sind dicht.
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"Keine Revolution auf leeren Magen!"
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Deswegen gibt es auf dem Myfest auch jede Menge zu essen.
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Und auch vorm Brandenburger Tor wird gefeiert. Um 11 Uhr fand hier die DGB-Kundgebund statt, nun läuft ein Kinder- und Familienfest.
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Teilnehmer der 1. Mai-Demonstration des Deutschen Gewerkschaftsbundes DGB vor dem Brandenburger Tor.
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Das Wetter spielt auch mit. Vorm Brandenburger Tor kann man sich auf Schautafeln über die letzten Kriegsjahre des Zweiten Weltkriegs vor 70 Jahren informieren.
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Wer soll denn noch Alkohol ausschenken dürfen?
In erster Line die gastronomischen Einrichtungen, die auch Steuern entrichten. Man könnte auch Bierwagen bestellen, die dann einen Beitrag entrichten müssen, der wiederum ins Sicherheitsbudget fließt.
Wäre das gegenüber den Bühnenbetreibern durchsetzbar?
Das ist schwierig. Die Bühnenverantwortlichen sagen ja jetzt schon, dass dann die Gewalt wiederkomme. Sie haben natürlich ein ökonomisches Interesse daran, weiter Bier zu verkaufen. Für mich grenzt das an Erpressung. Es ist beängstigend, dass gleich mit neuer Gewalt von einzelnen Bühnenbetreibern gedroht wird, wenn etwas verändert werden soll.
Wie viele Bühnen sollten es denn noch sein?
Wenn ich radikal wäre, würde ich eine große Bühne pro Straße aufstellen. Das würde auch die Kosten runterfahren. Und ich würde die Geschäftsleute in der Oranienstraße bitten, ihre Läden an dem Tag aufzumachen. Dann könnten die Besucher die Vielfalt von SO36 viel besser kennenlernen. Die Anwohner hätten nicht mehr die Beschallung von vier Bühnen auf einmal. Wenn die Gehwege weitgehend frei sind, könnten sie auch wieder aus ihren Häusern raus. Wichtig ist aber, dass eine Ausweitung des Myfestgeländes nicht zum Anlass genommen wird, die 1.-Mai-Demonstration zu verdrängen. Demonstrieren ist ein Grundrecht, das auch immer wieder neu verteidigt werden muss.
Einige sagen, das Myfest habe sich überlebt?
Diese Aussage steht mir nicht zu. Nur weil ich das Konzept dafür entwickelt habe, habe ich nicht das Recht, aufgrund der starken inhaltlichen Veränderung, das Fest grundsätzlich infrage zu stellen. Aber wenn es eine Bürgerbefragung unter den Anwohnern gäbe, würde sich die große Mehrheit gegen das aktuelle Myfest aussprechen. So genervt sind viele. Auch die politische Dimension spielt keine große Rolle mehr. Myfest heute heißt: Tanzen, küssen, trinken, Spaß haben. Fast schon international. Aber es handelt sich immer noch um ein multikulturelles Musik-Event. Von daher gibt es auch so etwas wie eine politische Grundlage, die neu gefunden werden muss.
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