Nun ist Günter Grass doch noch vom Nobelpreis erreicht worden, nun ist es also sein Jahrhundert geworden. Seit 1972, als Heinrich Böll ihn erhielt, galt er als Kandidat; doch als noch einmal ein deutscher Schriftsteller geehrt wurde, 1981, war es der in London lebende Elias Canetti. Grass musste weiter warten. Es wird ihm schwer gefallen sein, wie schwer, das verriet er im letzten Jahr, als er nach der Bekanntgabe des Preisträgers Saramago mitteilen ließ, er sei froh, nicht gestört worden zu sein. Sein neues Buch liegt mittlerweile vor, jetzt kommt die Ehre richtig: "Ich empfinde Freude und Stolz. Ich habe mich spontan gefragt, was wohl der letzte deutsche Preisträger, Heinrich Böll, sagen würde. Ich habe das Gefühl, er wäre damit einverstanden gewesen. Dieser Preis ist eine große Genugtuung für mich." Das Gefühl, auf die Zustimmung des toten Böll rechnen zu dürfen, ist nicht pure Eitelkeit. Als Böll seinerzeit den Preis erhielt, soll er spontan gefragt haben, ob nicht auch Grass den Preis erhalten habe, obwohl die Teilung des Literaturnobelpreises nicht üblich ist. Und tatsächlich waren die beiden die gleichberechtigten Repräsentaten des literaischen Nachkriegsdeutschlands West. Es gehört zu den Eigentümlichkeiten der gegenwärtigen Situation, dass die Rolle des Repräsentanten im künstlerischen und geistigen Leben nicht mehr besetzt ist. Einzig Böll und Grass hatten und haben noch auf je eigene Weise - die repräsentative Statur, wie sie Gerhard Hauptmann oder Thomas Mann besaßen. Das hat nicht allein mit dem Rang ihrer literarischen Arbeiten zu tun, das gründet auch in der Art und Häufigkeit ihres öffentlichen Auftretens. Wohl liegt im Begriff des künstlerischen Repräsentanten ein Widerspruch. Der Künstler ist seit Anbruch der Genieperiode im 18. Jahrhundert, die bei allem Spott ja nie wirklich beendet wurde, ein Einzelner, der Repräsentant aber ist die Figur des Allgemeinen. Heinrich Böll wurde zum literarischen Hauptvertreter der neuen Westrepublik, weil er bei allem Abscheu vor der Wirtschaftswundergesinnung und dem Adenauerschen Machtkalkül literarisch den rheinisch gelassenen Ton sprach, der die alte Bundesrepublik so lange prägte. Aber was ist es, das die bemerkenswerte Rolle des Günter Grass ausmacht? Mit einem Schlag berühmtObwohl er schon 1956 einen ganz ausgezeichneten Gedichtband ("Die Vorzüge der Windhühner") veröffentlicht hatte, wurde er einer breiteren Öffentlichkeit erst 1959, da allerdings mit Wucht, durch seinen ersten Roman bekannt, sein bis heute berühmtestes Buch, jenes Werk, das auch die Schwedische Akademie am stärksten beeindruckt hat: "Die Blechtrommel". Im Herbst 1958 hatte er vor der Gruppe 47 aus dem Manuskript gelesen und wie selbstverständlich den Preis erhalten. Als das Buch im folgenden Jahr erschien, war sein Autor mit einem Schlag berühmt, vor allem dank der Vorbehalte konservativer Natur. Wie immer wurde Anstoß genommen an den Darstellungen der Sexualität, die nach den Maßstäben der fünfziger Jahre zu drastisch waren. Sehr sprechend für die Zeitstimmung: Der Literaturpreis der Hansestadt Bremen sollte 1960 an Grass gehen, der Bremische Senat aber verweigerte der Jury die notwendige Zustimmung, und so wurde der Preis gar nicht vergeben. Gern schaut man sich heute Fotos an, auf denen erregte Bürger ihre Transparente zeigen: "Kunst oder Schweinerei?" Doch selbst Benno von Wiese, der seinerzeit prominenteste Germanist des Westens und eine entschieden bürgerliche Figur, hatte sich schon von diesem Konservatismus abgewandt und vertrat das Recht einer so ungewöhnlichen artistischen Erscheinung.Die "Blechtrommel" war in der Tat ein großer Wurf. Ihr anhaltender internationaler Erfolg beruht auf der selten glücklichen Verschmelzung vitalen Erzähltemperaments mit sorgsamer Konstrukteursgesinnung. Oskar Matzerath, Held und Ich-Erzähler des Romans, gibt sich gleich im ersten Satz als "Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt" zu erkennen. Aus seinem Zimmer und dem Gitterbettchen heraus erzählt er seine Geschichte und die seiner Familie vom Anfang des Jahrhunderts bis ins Jahr 1954, vor allem aber während des Nationalsozialismus. Zum dritten Geburtstag hat Oskar eine Blechtrommel bekommen, mit der er sich künftig ausdrücken und erinnern wird. Zugleich hat er an diesem Tag den Entschluss gefasst, nicht weiter zu wachsen, sich also der Welt der Erwachsenen auf die denkbar radikalste Weise zu verweigern. Der Rückzug in die Anstalt ist nur die letzte Konsequenz. Regelmäßig hat man das Grasssche Werk als "barock" bezeichnet, meist, um seine Fülle, seinen Überfluss an Personal, Motiven und Sprachgesten zu bezeichnen. Bedeutsamer aber ist die tatsächlich barocke Lust an der Groteske wie der Geist vollständiger Weltverneinung, der den Rückzug des Oskar Matzerath ausmacht wie den des Simplicissimus in Grimmelshausens Roman, jenem Vorbild für Grass, mit dem sein Roman die Freude an der prallen Schilderung der Welt teilt und die Erkenntnis ihrer heillosen Verderbtheit. Grass selbst ist Danziger, seine Eltern besaßen (wie die Matzeraths) im Vorort Langfuhr ein Lebensmittelgeschäft, und die Erinnerung an seine Heimat hat ihn nie verlassen. Irgendwelchen Träumen von einer deutschen Wiedergewinnung Westpreußens hat er früh und fest widersprochen, was seinen Danzig-Büchern nie im Wege stand: Die Erinnerung an das nun einmal Verlorene ist eine Hauptbeschäftigung von ihm, wie Peter Rühmkorf fand: Seine Themen sind Totentänze und Apotheosen. In den sechziger Jahren begann sich Grass in die Politik einzumischen und für die SPD und namentlich Willy Brandt Wahlkampf zu führen. Zunächst richtete sich sein Engagement nur gegen die Konservativen, bald aber auch gegen die sich bildende radikale Linke, die in der SPD nichts als den Reparaturbetrieb des Kapitalismus sah und verachtete. Der ehemalige Bürgerschreck wurde zum Bürger, der den langsamen Gang der Reform gegen die Ungeduld der Revolutionäre verteidigte, in seinen politischen Reden und Schriften wie in dem Roman "Aus dem Tagebuch einer Schnecke" (1972). Grass überzeugte seine neuen Gegner nicht, nicht in der Sache und nicht als Person. Peter Rühmkorf, der seinerzeit viel in die Sache einer neuen Linken investierte, sah bei Grass eine "kleinbürgerische Einzelhändler-Denkungsart" und ein "zunehmend unerträglicher werdendes Besserwissertum". Gewiss aber sprach für Grass die Bereitschaft, sich immer für die unterlegene Sache einzusetzen. Erst 1982 trat er in die SPD ein, als sie aus der Regierung schon ausgeschieden war, um gleich wenige Jahre später, nach dem "Asylkompromiss", wieder auszutreten. Der politische RednerNie aber nahm Grass so starken Einfluss auf die öffentliche Debatte wie mit seinen Beiträgen zur deutschen Einigung. Sein wichtigstes Argument war historisch: "Das unter dem Begriff Auschwitz summierte und durch nichts zu relativierende Verbrechen Völkermord lastet auf diesem Einheitsstaat", insofern erst die Reichseinigung 1871 Auschwitz ermöglicht habe. Grass jedenfalls sah in dem Einheitsbestreben des Jahres 1990 einen neuen deutschen Größenwahn entstehen und ein Unrecht gegen die Bevölkerung der DDR wie gegen die Nachbarn, vor allem Polen. Eine Reihe seiner Einwände sind einstweilen widerlegt wie die Prophezeiung schwerer Konflikte mit Polen. Andere Befürchtungen, vor allem die wirtschaftliche Not im Beitrittsgebiet betreffend, haben sich bestätigt.Die deutsche Einigung und ihre Fehler verarbeitete Grass recht unmittelbar in "Ein weites Feld", seinem Versuch, den von der Großkritik lang ersehnten großen deutschen Gegenwartsroman zu schreiben. Die Wiederbelebung Fontanes durch den exakt hundert Jahre später geborenen Theo Wuttke, einen Bewunderer des Schriftstellers, der sich derart in diesen hineinlebt, dass er von Kollegen des Fontane-Archivs nur noch "Fonty" genannt wird, diese Wiederbelebung ermöglicht es, Mauerfall und Wiedervereinigung zwischen Dezember 1989 und Herbst 1991 in den Vorgängen von 1870/71, in Gründerzeit und Wilhelminismus zu spiegeln. "Hab ich ja gesagt, im Prinzip ändert sich nichts", sagt Fonty auf den letzten Seiten des Romans. Darin ist Grass zum Dichter der Nachkriegszeit geworden. Auf die jähen geschichtlichen Bewegungen der Epoche mit ihrem zerstörerischen Potenzial hat er mit der Beschwörung der Vergangenheit geantwortet. Daher wohl auch die Lust an der Natur, an der Kraft des Ahistorischen: Katz und Maus, Butt, Rättin, Totes Holz. Und natürlich an Oskar, der Verneinung der Entwicklung, die nur eine zum Schlechten sein kann. Das Kind, das nicht wachsen will, wurde zum Selbsterkennungszeichen des stillgestellten Deutschlands. Was für seinen Schöpfer eine Reaktion auf den Verlust der Heimatstadt Danzig gewesen sein mag, wurde seinem Publikum zum geistigen Fluchtort einer zunehmend unheimlicher werdenden Welt. Grass jüngstes Buch "Mein Jahrhundert" bietet 99 kurze Erzählungen zu jedem Jahr von 1901 bis 1999. Es sind Bilder aus der deutschen Vergangenheit, erstaunlicherweise am lebhaftesten für jene Jahre, die der Autor nicht selbst bewusst miterlebt hat. In ihnen versöhnt sich der milde gewordene Autor mit seinem Volk: den vielen kleinen Leuten, die er als Opfer und Getäuschte der großen Geschichte zu Wort kommen lässt. So stimmen zum Jahrhundertende Autor, Publikum und internationaler Ruhm noch einmal klangvoll zusammen.
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