NEU DELHI. Am Morgen danach gibt es wenigstens keinen Stechmückenalarm. Guido Westerwelle (FDP) sitzt vor einem gewaltigen Gemälde, das den Nationalhelden Mahatma Gandhi zeigt. An seinem Tisch in einer Säulenhalle der Gandhi-Gedenkstätte in Neu-Delhi ist ein halbes Dutzend der einflussreichsten Intellektuellen Indiens versammelt. Der Außenminister aus Deutschland hat die heikle Aufgabe, seine Kanzlerin interpretieren zu müssen. Wie Frau Merkel das denn gemeint habe mit ihrem Satz, wonach der Multikulti-Ansatz in Deutschland gescheitert sei, will etwa Amitabh Mattoo wissen, einer der politischen Vordenker des Subkontinents.Es ist der letzte Tag von Westerwelles erster Indien-Reise als deutscher Außenminister. Und Westerwelle darf gerade jetzt nicht patzen, das weiß er auch. Also interpretiert er die Kanzlerin nur indirekt, in leisem Ton, in relativ flüssigem Englisch: Die derzeit in Deutschland heftig ausgetragene Debatte habe nichts damit zu tun, dass Ausländer ihre Traditionen und ihre Kulturen dort nicht ausleben dürften, sagt er. Allerdings müssten sie schon die deutschen Regeln befolgen und die deutschen Werte akzeptieren. So verstehe er den Begriff Multikulti.Es ist in diesem Moment nicht ersichtlich, ob seine Tischnachbarn ihm inhaltlich folgen wollen. Sie kommen schließlich aus einem Land, in dem Dutzende Religionen und Dutzende Ethnien nebeneinander existieren. Also schiebt Guido Westerwelle noch eine Einladung nach Deutschland nach und sagt dann, ganz im Stile eines Weltpolitikers: "Im Übrigen, die Multikulti-Debatte gibt es überall auf der Welt. Und ich war bislang in wahrscheinlich mehr als 60 Ländern dieser Welt." Das soll heißen: Es ist die Aufregung, die Merkels Äußerung in der Medienwelt Indiens ausgelöst hat, nun wirklich nicht wertWesterwelle ist jetzt seit fast einem Jahr Außenminister der Bundesrepublik. Er wollte den Posten nach dem schwarz-gelben Wahlsieg dringend haben, und er hat in den ersten Monaten den Stolz darüber, das Amt führen zu dürfen, ganz und gar nicht verheimlicht. In Neu-Delhi ist nun ein sehr leiser Guido Westerwelle zu beobachten. Einer, der den Wechsel von der scharfen bis verletzenden Rhetorik in der Innenpolitik zur besänftigenden Wortwahl im außenpolitischen Geschäft mittlerweile beherrscht.Am Montagabend zuvor hatte Westerwelle beweisen müssen, dass zu seinem Amt zwingend die Fähigkeit gehört, Contenance in widrigen Situationen zu bewahren. Im Innenhof eines Fakultätsgebäudes des Indian Institute of Technology hielt er vor vielen Dozenten und wenigen Studenten eine Rede: "Gemeinsame Herausforderungen, gemeinsame Antworten - wie wir die Chancen des 21. Jahrhunderts gemeinsam nutzen können", ein wuchtiger Titel. Allerdings gingen einige der Thesen im Lärm von Flugzeugen unter, die einen - wie es hinterher hieß - unüblichen Korridor zur Landung in Neu-Delhi nutzten. Noch dazu wurde Westerwelle an seinem Freiluft-Rednerpult das Opfer von Stechmücken, die den Minister im Licht eifrig attackierten. Der Werbespruch "Incredible India", den sich die indische Tourismusbehörde ausgedacht hat, bekam für Westerwelle an diesem Abend eine ganz neue Bedeutung.Es ist ein Lernprozess, den der Deutsche in den knapp 55 Stunden durchläuft, die er in der indischen Hauptstadt verbringt. Er erfährt, dass deutsche und indische Regierungsvertreter nicht unbedingt dasselbe meinen, wenn sie miteinander über die Globalisierung und ihre Folgen reden. Und er lernt, dass Deutschland mit seinen gut 80 Millionen Einwohnern im Vergleich zu Indien mit seinen knapp 1,2 Milliarden Menschen vielleicht nicht ganz so bedeutend ist. Indiens Premierminister Manmohan Singh und sein Außenminister Sommanahalli Mallaiah Krishna erbitten sich von Deutschland Hilfe beim Kampf gegen den Terrorismus, sie wollen deutsche Waffen und deutsche Hilfe für den Aufbau eines Atomenergie-Sektors. Themen, bei denen der Außenminister mit Zusagen vorsichtig sein. Westerwelle dagegen will über Klimaschutz reden und über nukleare Abrüstung. Themen, die nun wiederum nicht ganz oben auf der Tagesordnung der indischen Regierung stehen.Man einigt sich schließlich auf gegenseitige Unterstützung bei der Arbeit im UN-Sicherheitsrat, dem beide Länder von 2011 an als nichtständige Mitglieder angehören werden. Und man ist sich einig, dass deutsche Experten den 500 Millionen Indern unter 30 Jahren die Vorzüge des deutschen Berufsausbildungssystems näherbringen sollen. Darüber allerdings herrscht schon seit Jahren Einverständnis.In der Gandhi-Gedenkstätte geht der Gedankenaustausch zwischen dem deutschen Außenminister und den indischen Intellektuellen seinem Ende zu. Da fällt Westerwelle noch ein Argument ein, um die von den Indern an diesem Morgen angestoßene Multikulti-Debatte zu bereichern. Es wäre doch vielleicht besser, sagt er, wenn man Indien nicht mit Deutschland, sondern mit Europa vergliche. Sozusagen von Multikulti-Kontinent zu Multikulti-Subkontinent. Nähere Erläuterungen zu dieser These werden aber nicht mehr geliefert. Westerwelles Entourage drängt zum Aufbruch.------------------------------Foto: Guido gedenkt Gandhis.
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