Es ist Freitag vor den Weihnachtstagen. Ganz in Schwarz gekleidet sitzt Gunter Gabriel nach der Show im schmucklosen, mit Zeug vollgestellten Büro von Dieter Puhl, dem Leiter der Bahnhofsmission am Bahnhof Zoo. Winterjacken liegen auf dem Boden. Immer wieder kommen Leute rein, um sie zu holen. Gabriel hat gerade etwas über eine Stunde lang ein Konzert für Obdachlose gegeben. Einfach so, denn einer wie Gunter Gabriel sagt zu sowas natürlich Ja. Den Außenseitern in der Gesellschaft eine Freude machen, da ist der 1,90-Meter-Mann genau der Richtige.
Ein bisschen angedatscht
Er gibt alles für die Show. „Hey Boss, ich brauche mehr Geld“, ruft eine Frau in der ersten Reihe nach seinem größten Hit. „Ach, so ist das?“, fragt er grinsend zurück, greift in sein Portemonnaie und drückt ihr ein paar Scheine in die Hand. Dann spielt er den Song. Er mag alt und ein bisschen angedatscht aussehen, aber er ist ein gnadenloser Entertainer. Das deutsche Pendant zu dem von Mickey Rourke gespielten Catcher Randy Robinson aus Darren Aronofskys Film „The Wrestler“.
Das Konzert am Bahnhof Zoo ist sein Einstand in Berlin, wo er seit ein paar Wochen wieder wohnt. Von 1970 bis 1985 war er schon mal hier. Hamburg, wo er die letzten Jahre auf einem Hausboot gewohnt hat, sei seine Frau, sagt Gabriel. Berlin sei seine Geliebte. Jetzt ist er in Charlottenburg gemeldet. Und wenn sein Freund und Vorbild Johnny Cash im Knast gespielt hat, spielt Gunter Gabriel eben in der Bahnhofsmission. „Das ist nur stimmig“, sagt Dieter Puhl in den Tagen vor dem Konzert.
"Früher haben mich die meisten als Schlagerfuzzi gesehen"
Immer wieder hatte man in den letzten Jahren den Eindruck, dass sich Gunter Gabriel zu einer Art Helmut Schmidt des geschrammelten Country entwickelt hat. Ein alternder, netter Exzentriker, mit dem man sich gerne mal zeigt, weil er allen so schön die Scheiß-Egal-Keule und ein paar Wahrheiten um die Ohren haut. Ob Henryk M. Broder, Markus Lanz oder Ina Müller – alle hatten sie den Rebell gerne dabei in ihren Sendungen.
Dass er für diese Moderatoren und ihre Zuschauer, die völlig frei vom Verdacht des Rebellentums sind, im Grunde nur ein possierlicher Clown sein könnte, ist Gabriel, man ahnt es, relativ scheißegal: „Es geht nicht darum, was die Leute denken. Es ist aber gut, wenn sie mich so wahrnehmen. Früher haben mich die meisten als Schlagerfuzzi gesehen, denen hätte ich gleich aufs Maul hauen können.“
wurde 1942 in Bünde/Westfalen geboren. Er war viermal verheiratet und hat drei Töchter und einen Sohn. Seinen ersten Song komponierte er für Rex Gildo, sein erster eigener Hit war der Fernfahrersong „Er ist ein Kerl“, der ihm den Weg ebnete für deutschsprachige Schlager im Country-Stil. Ein weiterer großer Hit wurde „Hey Boss, ich brauch mehr Geld“.
Gabriel verband eine große Freundschaft mit seinem Idol Johnny Cash. 2003 nahm er in dessen Studio in Tennessee ein Album mit Cash-Liedern auf Deutsch auf.
Man kann ihm nicht böse sein
Sagt es und lacht dieses dreckige und gleichzeitig so entwaffnende Lachen. Das zeigt er auch immer wieder beim Konzert in der Bahnhofsmission. Gunter Gabriel kann sagen was er will, fies oder gar beleidigend sein, danach schickt er sein tiefes Lachen hinterher und man kann ihm nicht wirklich böse sein. Er füllt damit die Stille, wenn einer seiner Sprüche doch nicht so ankommt. Keiner lacht? Dann macht er es eben selbst.
Es ist das Lachen eines Mannes, der zu viel Scheiße durchgemacht hat, als dass er sich noch groß Sorgen um etwas macht. Er ist 71, gleicher Jahrgang wie Lou Reed, Jimi Hendrix und Ian Dury. Er hat sie alle überlebt. Seine Geschichte ist bekannt. Er hat sie immer wieder in Talkshows und bei seinen Konzerten erzählt. Im vergangenen August hat er sie sogar auf die Bühne des Theaters am Kurfürstendamm gebracht. Kriegskind, der Vater Überlebender in Stalingrad, der die Kinder mit Schlägen erzieht. Auflehnung gegen den Vater, Flucht von Zuhause und dann eine Karriere, die von sehr viel Erfolg und großen Pleiten geprägt ist. Gabriel lebt jahrelang im Wohnwagen. 2007 fängt er seine Wohnzimmerkonzerte an, bei denen man ihn für 1 000 Euro buchen kann und mit denen er seine 500 000 Euro Steuerschulden abbezahlen kann. Denn das Arbeiterkind Gabriel hat ein Motto: Machen statt meckern.
Zehn Jahre noch, höchstens
„Letzten Endes ist auch alles eine Frage der Selbstdisziplin. Und eine positive Grundeinstellung, die habe ich natürlich auch.“ Auf seine Lebensfreude ist er besonders stolz: „Meine Astrologin hat mal gesagt: Der Junge in dir wird immer bleiben. Das ist doch großartig. Der kleine, neugierige Junge, der sich über jeden Scheiß freuen kann.“
Gunter Gabriel ist nach Berlin gekommen, weil er ahnt, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt. Zehn Jahre gibt er sich höchstens. Er ist in Berlin, weil er die Menschen hier mag und in Hamburg nicht so gerne. Weil er Pläne hat: „Ich muss jetzt meinen Führerschein wiederkriegen, den haben sie mir hier weggenommen. Ich will neue Songs schreiben. Ich will ein Buch schreiben über meine Wohnzimmer-Tour, was auch verfilmt werden soll. Und spielen. Touren, Clubs. Unterwegs sein. 250 Termine spiele ich jedes Jahr. Vielleicht mach ich jetzt aber mehr vor Ort.“
Er hat sich für die Geliebte entschieden
Wegen des Brandenburger Tors sei er jedenfalls nicht hergekommen. Und die sich in rasantem Tempo verbreitende Spießigkeit, die Berlin heimsucht, mag den ehemaligen Maschinenbaustudenten Gabriel nicht stören. Es werde immer Idioten geben, sagt er. „Ich fühle mich wohl hier, das reicht.“
Ihn interessiert viel mehr, was die Stadt symbolisiert. „Berlin ist eine Fackel der Freiheit. Ein Symbol dafür, dass es möglich ist, aus der Scheiße eines kommunistischen Systems herauszukommen. Auf einmal haben sie es möglich gemacht, dass die Mauer fällt. Wir können diese Freiheit gar nicht schätzen. Das können die Leute in Ägypten und Syrien, auch in Afrika oder in Südamerika. Überall brennt es. Und Berlin ist eine Hoffnungsstadt.“ Die Stadt, die sich immer wieder aufrappelt. Wie Gunter Gabriel. Er hat sich für die Geliebte entschieden.
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