Klassik

Der Tod der Symphonik: Mahlers Musik scheint unverzichtbar

Womit kann man die Mahler-Schwemme in deutschen Konzertsälen eindämmen? Ein Moratorium wäre schade, wie die Berliner Philharmoniker unter Gustavo Dudamel zeigen.

Peter Uehling
Peter Uehling
3 Min
Der venezolanische Dirigent Gustavo Dudamel ist am Donnerstag bei den Philharmonikern für den erkrankten Zubin Mehta eingesprungen.

Der venezolanische Dirigent Gustavo Dudamel ist am Donnerstag bei den Philharmonikern für den erkrankten Zubin Mehta eingesprungen.

© David Zorrakino/Imago

Gustav Mahlers Fünfte Symphonie dauert 75 Minuten, man kann sie mit einem Stück von 20 Minuten kombinieren und dem Publikum dazwischen eine Pause bieten. Der in Berlin lebenden Komponistin Milica Djordjević haben die Berliner Philharmoniker für ihre Uraufführung am Donnerstag lediglich fünf Minuten eingeräumt. Djordjević ist eine der erfolgreichsten Komponistinnen unter 40 Jahren, sie hätte ein ödes Programm aufmischen können. Es zeugt vom Humor der Komponistin, ihrem kurzen Stück einen besonders langen Titel zu geben: „Mali svitac, žestoko ozaren i pretraviljen nesnošljivom lepotom“ – „Kleines Glühwürmchen, grell beleuchtet und erschrocken von unerträglicher Schönheit“.

Mit leisem Schlagzeugdröhnen beginnt eine Art Marsch, aus dem sich verwickelte, mal quietschende, mal leuchtende Streicherklänge entwickeln. Aus diesen wieder entsteht ein trüber Klangbrei mit aufgesetzten Lichtern, in denen man die Harfenterzen aus der Coda des ersten Teils von Mahlers Fünfter erkennt oder den „klagend“ überschriebenen Höhepunkt des Trauermarschs. Am Ende reißt das Stück auf dem Gipfel seiner Steigerung ab.

Die Fantasiefülle von Mahler

Das ist stilistisch nicht unmarkant, aber eben auch nur eine Eskalation. Mahler darf in der Fünften gefühlt 83 solcher Steigerungen vorführen und noch einiges drumherum. Natürlich wirkt diese Musik damit irgendwie interessanter. Allerdings auch nur auf der einen Seite. Was im Pop das Ziel allen Marketings ist – die Feier des Wiedererkennens – bedeutet in der Symphonik den Tod. Wo jeder Takt lediglich wiedererkannt wird, wird der Verlauf nicht mehr erlebt.

Just an diesem Tag arbeitete sich die FAZ an der derzeitigen Mahler-Schwemme ab und forderte ein Moratorium. Zwar waren die Aufführungszahlen in den letzten zehn Jahren rückläufig. Aber offenbar lockten Versuche der Repertoire-Auffrischung mittels Rachmaninow, Vaughan Williams oder des weitgehend insuffizienten Martinů nicht ausreichend Publikum – und tatsächlich ist Mahler der deutlich fantasievollere Komponist –, während man „Alpensymphonie“ und „Zarathustra“ des zeitgenössischen Konkurrenten Strauss gnadenlos in die Abgedroschenheit spielte.

Gustavo Dudamel, der Edeleinspringer für den erkrankten Zubin Mehta, forcierte die überbordende Rhetorik Mahlers nicht und presste der schwachen Melodik keinen Ausdruck ab. Im Adagietto glaubte man hier und da zu bemerken, wie Dudamel aus seiner eigenen Subjektivität heraus das Werk ergriff. Aber durch die vielen Vortragsanweisungen und Akzente behält Mahler den Durchgriff auf die Interpretation und schiebt solchen Ambitionen einen Riegel vor – auch das verhindert wirklich neue Beleuchtungen seiner Werke. Die Philharmoniker begeisterten durch zuweilen allzu lärmende Spielfreude und das souveräne Solo-Horn von Stefan Dohr.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema