Ein paar Schritte auf dem Kies, ein sanfter Blick aus Frauenaugen, ein harter Schnitt - und dann eine schwebende, unglaublich leichte, traumwandlerische Kamera. Sie zeigt einen Klosterpark, der sich als Teil eines Internats für höhere Töchter entpuppt. Und der Blick der immer noch jungen Frau auf eine Parkbank wird, wie eine Madeleine in Marcel Prousts Roman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit", zum Eintrittstor in die Vergangenheit. Denn Therese ist zurückgekommen in jene Klosterschule, in der sie sich einst zum ersten Mal verliebte: in eine Mitschülerin. Sie kann sie, die eines Tages spurlos verschwand, nicht vergessen, und so vibriert diese Geschichte ruhelos im Niemandsland der Erinnerung."Therese & Isabelle" heißt die autobiografische Erzählung der Französin Violette Leduc (1907-1972), einer Gefährtin von Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre, deren gleichnamige Verfilmung durch die sehnsuchtsvolle Bildsprache und einen zwingenden, von ebenso langen wie dynamischen Kamerafahrten bestimmten Stil zu einer Hommage für Max Ophüls wird. Dieser Film passte bestens nach Saarbrücken, wo man das Festival nach dem 1933 in die USA emigrierten Regisseur benannt hat.Nun gilt Saarbrücken als Nachwuchsfestival, doch zur größten Entdeckung wurde in diesem Jahr ein 82-Jähriger! Eben jener Radley Metzger, der Leducs Roman 1967 auf die Leinwand brachte. Seinerzeit erhielt er vernichtende Kritiken; offenkundig rutschte der Film, zwischen europäischem Autorenkino und New-Hollywood, ästhetisch wie moralisch zwischen alle Stühle. Aber kaum einer der Zuschauer, die ihn jetzt in Saarbrücken sahen, konnte das nachvollziehen - auch Filmkritiken können altern. So sah man ein kleines Meisterwerk, das Lust machte auf andere Filme des ziemlich unbekannten US-Amerikaners, der für Bergman, Antonioni und Truffaut als Trailer-Cutter gearbeitet hat und in seiner 30-jährigen Karriere zwischen Pornos und Autorenfilmen so ziemlich alles drehte. "Therese & Isabelle" legte die Latte für die deutschen Regisseure in Saarbrücken erst einmal recht hoch.Das wurde nicht anders durch "Angel Express", RP Kahls Spielfilmdebüt von 1998, den der Regisseur nun in einer neu geschnittenen, zum Teil stark veränderten Fassung herausbringt. Während der Film kein bisschen gealtert ist, ist es die Wirklichkeit, von der er erzählt, um so mehr. "Angel Express" ist Teil jener Welle von Berlin-Filmen, mit denen sich das wiedervereinigte Deutschland eine große schmutzige B-Movie-Metropole herbeifantasierte; es ist eine Momentaufnahme aus jener kurzen Phase zwischen "Aufbau Ost" und dem lauwarmen Bionade-Berlin der Nuller: eine neoexpressionistische Großstadtsinfonie in Mattschwarz - und von einem Stilbewusstsein, an das keine der neuen Arbeiten im Wettbewerb um den gut dotierten Ophüls-Preis herankam.Am vergangenen Sonntag ging das Festival zu Ende. Allen Einwänden zum Trotz war die diesjährige Auswahl stark und bestätigt die Tendenz der letzten Jahre: In der Konkurrenz um Platz zwei der deutsche Filmfestivals kann Saarbrücken zunehmend mit den Hofer Filmtagen gleichziehen. Enttäuschung löste nur die Jury aus, die mit Johannes Nabers "Der Albaner" einen guten, aber doch konventionellen und erwartbar moralisierenden Film über das Elend von Illegalen in Deutschland prämierte - und die ungewöhnlichen, im guten Sinn anstößigen und mutigen Filme konsequent ignorierte.Zu diesen gehörte der hervorragende Wirtschaftsthriller "Das System" von Marc Bauder. Dessen Story kreist, mit dokumentarischen Seitenblicken, um alte Stasi-Seilschaften, Korruption und Erpressung auf Management-Ebene und den Bau der Pipelines für russisches Gas in Westeuropa - Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Verhältnissen sind hier alles andere als zufällig. Mittelbar geht es auch darum, wie nach 1989 so mancher über den Tisch gezogen wurde, und es geht um die Revanche des Ostens am Westen. Bestechend an "Das System" ist der glänzende Auftritt von Bernhard Schütz als Ex-Ost-Agent, der sich zum smarten West-Kapitalisten gewendet hat, dessen Akquise keine Grenzen kennt. - Kaum weniger in Erinnerung bleibt die Neuentdeckung Jacob Matschenz, der bald auf der Berlinale in gleich drei Hauptrollen zu sehen sein wird. Ganz anders, aber auch von großer Qualität war Brigitte Berteles "Der Brand". Bertele erzählt die Passionsgeschichte einer vergewaltigten Frau (gespielt von Maja Schöne). Kein bisschen melodramatisch, sondern sehr nüchtern zeigt der Film das Versagen des Rechtsstaats und der Mitmenschen - bis das Opfer schließlich Vergeltung übt: durch Psychoterror gegen den Täter.------------------------------Foto: Wurde als Siegerfilm ausgezeichnet: "Der Albaner" von Johannes Naber.Foto: Erzählt von Gewalt, Drogen und Rassismus: "Inside America" von Barbara Eder.Foto: Zeigt Menschen in Extremsituationen: "180°" von Cihan Inan.
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