Die Beschäftigten der zehn Berliner Karstadt-Häuser haben seit Tagen damit gerechnet, dass der Mutterkonzern Arcandor Insolvenz beantragt. "Bei uns ist niemand in Tränen ausgebrochen, als das feststand", sagte gestern eine Verkäuferin im KaDeWe. Sie sagte, sie sei fest davon überzeugt, dass es mit dem Haus am Wittenbergplatz weitergehe. "Ich fürchte, die anderen Karstadt-Filialen sind schlimmer dran." Für den Abend waren die Mitarbeiter zu einer Betriebsversammlung geladen.Eine Verkäuferin von Karstadt am Kudamm sprach von einem "sauberen Schnitt". "Die Konzernleitung hat viele Fehler gemacht. Jetzt können wir wieder bei Null anfangen", sagte sie. Ein Kollege gab sich ebenfalls zuversichtlich: "Für uns wird sich nicht viel ändern. Allenfalls der Name." Andere Beschäftigte hingegen wirkten enttäuscht und wütend, wollten sich aber nicht äußern. Die Geschäftsführung hatte die Mitarbeiter am Nachmittag angewiesen, nicht mit Journalisten zu sprechen.Warnung vor "Rosinenpickerei"Nun wird wohl eine Fusion mit Kaufhof angestrebt. Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) sagte, er gehe davon aus, dass Arcandor und die Kaufhof-Mutter Metro ihre Verhandlungen über einen Zusammenschluss von Karstadt und Kaufhof zur Deutschen Warenhaus AG fortsetzen. Metro betreibt fünf Kaufhof-Filialen, vornehmlich in den Ostbezirken, Karstadt ist auf den Westteil der Stadt verteilt. Wolf ist optimistisch, dass die zehn Karstadt-Häuser und die Arbeitsplätze der rund 3 600 Beschäftigten gerettet werden können. "Berlin ist in der glücklichen Lage, dass die Standorte von Karstadt und Kaufhof räumlich aufgeteilt sind und sich ergänzen", so Wolf.Zugleich warnte der Senator den Metro-Konzern, "Rosinenpickerei zu betreiben" und sich nur einzelne, lukrative Häuser aus dem Karstadt-Portfolio herauszusuchen. "Ich plädiere dafür, fair in die Fusion hineinzugehen", sagte der Wirtschaftssenator. Er kündigte Gespräche mit Betriebsräten, Gewerkschaften sowie Vertretern von Arcandor und Metro an.Auch Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbandes, versucht, der Insolvenz positive Seiten abzugewinnen: "Schließungen sehe ich noch gar nicht", sagte er. "Das Insolvenzrecht ist nicht so ausgerichtet, dass es automatisch ins Aus führt. Jetzt gibt es die Möglichkeit, Karstadt neu aufzustellen, zu konsolidieren und bessere Mietverträge abzuschließen", sagte er. "Die Häuser machen gute Umsätze und befinden sich in attraktiven Lagen", so Busch-Petersen."Um ein KaDeWe oder die sanierte Karstadt-Filiale in der Schloßstraße müssen wir uns kaum Sorgen machen. Sie haben ein einzigartiges Konzept", sagte auch Jan Pörksen von der Industrie- und Handelskammer. Es bleibe zu hoffen, dass nur wenige Standorte von einer Fusion negativ betroffen wären.Jedoch stehen dem Vernehmen nach nicht alle Filialen so gut da wie die Vorzeigehäuser von Karstadt. Demnach sollen die Geschäfte der Filialen in Tempelhof sowie in Spandau, wo ein benachbartes Einkaufszentrum Karstadt Konkurrenz macht, nicht besonders gut laufen."Jetzt sind die Arbeitsplätze das Wichtigste", sagte Petra Ringer von der Gewerkschaft Verdi. "Es darf nicht zugelassen werden, dass man ein traditionelles Unternehmen wie Karstadt, das seine Mitarbeiter ordentlich bezahlt, über die Wupper gehen lässt." Während viele Beschäftigte anderswo im Einzelhandel nur noch Stundenlöhne von 5,50 Euro erhielten, bezahle Karstadt mehr als zwölf Euro. 70 Prozent der Beschäftigten seien Frauen, darunter viele Alleinerziehende. Insbesondere die "horrend hohen Mieten" für die Karstadt-Häuser hätten zur jetzigen Situation geführt. "Bei Kaufhof machen sie acht Prozent des Umsatzes aus. Bei Karstadt sind es bis zu 20 Prozent", sagte Ringer. Die 3 600 Karstadt-Beschäftigten erhalten während des Insolvenzverfahrens, dessen Dauer offen ist, weiterhin ihren Lohn. Der Kündigungsschutz ist jedoch auf drei Monate begrenzt. Nicht nur ihre Jobs sind gefährdet, sondern auch die von hunderten Arbeitnehmern, die bei anderen Firmen angestellt und in den Karstadt-Häusern tätig sind. Betroffen sind auch Zulieferer.------------------------------Karte: Karstadt-Warenhäuser und Kaufhof-Filialen in Berlin------------------------------Foto: Karstadt Kurfürstendamm erbaut 1969-1971, hieß bis 2008 Wertheim. Fläche: 33 000 Quadratmeter, Mitarbeiter: 550.Foto: Galeria Kaufhof Alexanderplatz wurde 1972 eröffnet, hat 35 000 Quadratmeter und beschäftigt 706 Mitarbeiter.Foto: KaDeWe am Tauentzien, eröffnet 1907. Seit 1994 in Karstadt Besitz. Fläche: 60 000 Quadratmeter, Mitarbeiter: 2 000.Foto: Galeria Kaufhof Ringcenter ist das jüngste Kaufhof-Haus, eröffnet wurde es 2007. Fläche: 600 Quadratmeter, 75 Mitarbeiter.Foto: Galeria Kaufhof Gropiuspassagen ist 10 300 Quadratmeter groß, hat 89 Mitarbeiter und besteht seit 2002.Foto: Galeria Kaufhof Ostbahnhof besteht seit 1979. Auf 7 500 Quadratmetern arbeiten 179 Angestellte.Foto: Karstadt Carl-Schurz-Straße war ehemals Hertie und hat seit 1999 eine neue Fassade. 15 400 Quadratmeter Fläche.Foto: Karstadt-Sport Joachimstaler Straße wurde 1996 auf 6000 Quadratmetern eröffnet.Foto: Karstadt Wilmersdorfer Straße besteht seit 103 Jahren. Fläche: 14 900 Quadratmeter, Mitarbeiter: 200.Foto: Karstadt Schlossstraße besteht seit 1952 und wurde im März nach dem Umbau neu eröffnet. Fläche: 43 000 Quadratmeter, Mitarbeiter: 400.Foto: Karstadt-Sport Schlossstraße befindet sich im Forum Steglitz im zweiten Stock.Foto: Galeria Kaufhof Lindencenter eröffnete 1994. Auf 6 700 Quadratmetern arbeiten 80 Angestellte.Foto: Karstadt Müllerstraße wurde 1999 umgebaut und verfügt über 20 000 Quadratmeter Fläche.Foto: Karstadt Hermannplatz, 1929 eröffnet, im Krieg zerstört, ab 1951 wiederaufgebaut. Die Nutzfläche beträgt 31 500 Quadratmeter, rund 370 Mitarbeiter arbeiten dort.Foto: Karstadt Tempelhofer Damm hat seit 1991 ein neues Gebäude mit rund 10 000 Quadratmetern. 160 Mitarbeiter.
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