Dabei klingen die Befunde erschreckend genug. In den drei Brandenburger Einrichtungen des Trägers herrsche „kein freundlicher Geist“, sagt Hoffmann. Die oft gewalttätigen Minderjährigen würden mit ihren Schwierigkeiten alleingelassen. Zu häufig und ohne Grund setzten Mitarbeiter der Haasenburg GmbH Zwangsmittel gegen sie ein, etwa Einsperren oder Fesseln auf einer Fixierliege. „Willkür und Bestrafung sind unzulässig ausgeprägt“, so der Kommissionsleiter. Das haben ihm nicht nur Betroffene berichtet, sondern auch die meisten früheren Mitarbeiter.
Zwei Wochen bis zur Stilllegung
Doch aus Hoffmanns Sicht hätten schärfere Auflagen wie ein Verbot von Zwangsmaßnahmen ohne Richterbeschluss oder auch ein Wechsel des Betreibers ausgereicht. Das Personal der Heime könnte teilweise ausgetauscht oder neu geschult werden, die jugendlichen Insassen sollten einen Alarmknopf erhalten, um im Zweifel Hilfe rufen zu können. Nur die vorübergehend stillgelegte Einrichtung in Jessern solle dauerhaft geschlossen bleiben. Was die Rücknahme der Betriebserlaubnis für die Heime in Müncheberg und Neuendorf anbelangt, schlagen die sechs Mitglieder der unabhängigen Kommission nur eine „rechtliche Prüfung“ vor.
Ministerin Münch aber will rasch handeln. Binnen zwei Wochen werde die Stilllegung der Haasenburg-Einrichtungen vorbereitet, sagt sie bei der Vorstellung des Berichts, der sie sehr betroffen gemacht habe. Der Reformbedarf in nahezu allen Bereichen der Heime sei so groß, dass ein Weiterbetrieb weder realistisch noch umsetzbar erscheine. „Ich halte die Einrichtungen der Haasenburg GmbH deshalb für nicht reformierbar“, betont Münch. „Ich sehe keine Alternative zur Schließung.“
Die Haasenburg GmbH ist ein freier Träger der Jugendhilfe. Gegründet hat sie im Jahr 2000 ein Psychologe, der zuvor an einer Klinik in Lübben gearbeitet hat.
Das erste Heim entstand in Neuendorf, wo 2001 sechs Jugendliche untergebracht waren. Vier Jahre später kam Jessern hinzu, wo ein früheres Hotel umfunktioniert wurde. 2008 folgte das Heim in Müncheberg in einer ehemaligen Schule. Die Einrichtung Jessern ist inzwischen geschlossen. In der Vergangenheit soll es angeblich auch Heime in Berlin-Karow und Dresden gegeben haben.
Zum Schluss verfügte die Haasenburg GmbH über 114 Plätze, davon 56 sogenannte geschlossene Plätze mit der Möglichkeit zum Freiheits-entzug. Im Jahr 2009 beschäftigte die Haasenburg GmbH dem Bericht zufolge zur Betreuung von damals 90 Schwererziehbaren 53 Erzieher, Psychologen und Hilfskräfte.
Derzeit sind in den Heimen noch 37 Jugendliche untergebracht.
Selbst aus der Opposition im Landtag erhielt die SPD-Politikerin dafür Beifall. Das Aus für die Haasenburg-Heime hätte schon längst kommen sollen, erklärte Brandenburgs FDP-Fraktionschef Andreas Büttner. Auch die Bündnisgrüne Marie Luise von Halem nannte es beschämend, dass die Behörden trotz jahrelanger Vorwürfe nicht früher gehandelt haben. Sie begrüßte aber die angekündigte Schließung, ebenso wie SPD und Linkspartei.
Die Jugendämter müssen nun für die 37 Minderjährigen, die in den beiden noch geöffneten Haasenburg-Heimen leben, neue Unterkünfte finden. Das Hauptproblem dabei liegt außerhalb Brandenburgs. Nur zwei der Jugendlichen stammen aus der Region, die Mehrzahl aus anderen Bundesländern, die sich nun kümmern sollen. Hamburg etwa hat seine Einrichtungen für schwierige Fälle geschlossen und sich auf die einfache Lösung im Osten verlassen. Alle waren froh, sagt Martin Hoffmann, dass man die Jugendlichen los war. Mit der Schließung der Haasenburg-Heime bekommt das Problem nun wieder seine bundesweite Dimension, die in den Hintergrund getreten war.
Auch deshalb hat Jugendministerin Münch ihre Schließungsentscheidung mit einem Vorstoß verknüpft: Gemeinsam mit anderen Ländern will sie darauf dringen, die gesetzlichen Grundlagen für die Unterbringung von Kindern und Jugendlichen zu überarbeiten, die besonderer Unterstützung bedürfen. So fehle es an bundesweiten Regelungen, wann „freiheitsentziehende Maßnahmen“ zulässig sind. Ein Problem sei die „Zersplitterung der Verantwortlichkeiten“, so Münch. Zudem will sie intensiver über Hilfsangebote für Jugendliche in Problemlagen diskutieren, etwa alternative Betreuungsformen.
Staatsanwalt ermittelt
Über realistische Lösungen allerdings gehen die Meinungen auseinander. Experten haben bisher noch keinen Königsweg gefunden, wie die Gesellschaft am besten mit jugendlichen Aggressoren umgeht: In manchen Fällen sind weder bloße Erziehungsmaßnahmen noch Psychiatrie oder gar Haft angezeigt. Wenn nun noch die Haasenburg-Variante als bequeme Scheinlösung entfällt, sind neue Ideen gefragt.
Trügerische Idylle: das Haasenburg-Heim in Neuendorf am See.
© AKUD/Lars Reimann Lizenz
In Brandenburg hat die politische Diskussion darüber bereits begonnen, zunächst in der rot-roten Koalition. Zwangsmaßnahmen seien schlicht „schwarze Pädagogik“, findet Linken-Fraktionschef Christian Görke: „Freiheitsentzug ist kein Mittel der Erziehung.“ Die SPD dagegen lehnt eine Abschaffung aller geschlossenen Heime ab. „Die Alternative ist Jugendknast oder Psychiatrie“, so ihr Fraktionschef Klaus Ness.
Klar ist immerhin, dass das Konzept und damit die Haasenburg GmbH nach fast 13 Jahren vor dem Ende steht. Die Staatsanwaltschaft Cottbus ermittelt seit längerem gegen Erzieher und Betreiber. Die Behörde rechnet nicht vor Jahresende mit einem Ergebnis zu den etwa 70 Verfahren. Das Unternehmen erklärte am Mittwoch, man werde den Bericht lesen, analysieren und auswerten. Mehr gebe es nicht zu sagen.
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