Am Nachmittag des 11. August liegt ein anderthalb Meter langer Blauhai an Deck eines Fünf-Meter-Boots vor der Südküste Irlands. Sebastian Achim hat ihn gefangen, den Haken gelöst und steht daneben, um seinen Fang anzusehen.
Dann bewegt sich der Hai.
Er trifft die Wade und reißt ein Stück Muskel heraus. Nach Achims Schilderung bis auf den Knochen. Das Blut sammelt sich auf den Planken, die Crew bindet das Bein mit einem Seil ab.
„Ich dachte: Ich schaffe das nicht“
Achim ist 27, stammt aus Rumänien, lebt im irischen Dungarvan und angelt seit Jahren. Auf Blauhai war er an diesem Tag zum ersten Mal, mit vier Freunden an Bord.
Zehn Minuten nach dem Biss wird er ohnmächtig. Jedes Mal, wenn er aufstehen will, kippt er weg, wie er später dem irischen Sender RTÉ erzählt.
Um 16.16 Uhr alarmiert die Küstenwache in Dublin die Seenotretter der RNLI. Das Allwetter-Rettungsboot aus Ballycotton läuft um 16.30 Uhr aus und ist gegen 17.10 Uhr am Kutter, wie der Irish Examiner die Chronologie aufschlüsselt. Da hängen das Schlauchboot aus Youghal und der Rettungshubschrauber „Rescue 117“ bereits daneben.
Achim wird bewusstlos hochgewincht und ins Cork University Hospital geflogen. Aus dem Krankenhaus sagt er dem Blatt The Irish Times: „Ich dachte: Ich schaffe das nicht.“
Der Einsatzleiter aus Ballycotton ist seit über 30 Jahren bei der Seenotrettung. Einen Hai-Biss hatte er nach eigenen Angaben noch nie zu versorgen.
„Der Fisch ist im Recht“: Der Angler nimmt den Hai in Schutz
Einen Tag später liegt Achim nach erfolgreicher Operation auf Station. Ihm fehlen Gewebe und Haut, er braucht Transplantate, das Gefühl im Unterschenkel ist teilweise weg.
Ohne den Hubschrauber, sagt er, wäre er wegen des Blutverlusts wohl nicht durchgekommen.
Bemerkenswert ist, wem er die Schuld gibt: niemandem. Der Fisch sei im Recht gewesen. Man habe ihn schließlich aus dem Wasser geholt, er habe in seinem Überlebensinstinkt gehandelt.
Auf Blauhai geht Achim nicht mehr angeln. Anderen will er es nicht verbieten, nur ans Aufpassen erinnern.
Warum die Hai-Statistik das keinen Angriff nennt
Das International Shark Attack File der Universität Florida führt die weltweite Zählung. Für 2025 prüfte die Datenbank 105 Vorfälle und ordnete 65 als unprovozierte Bisse ein, 29 als provozierte.
Provoziert heißt in dieser Systematik: Der Mensch fängt an. Speerfischen, Anfassen, Füttern – und ausdrücklich auch das Lösen eines Hais vom Haken oder aus dem Netz.
Der Fall vor Waterford fällt damit in die zweite Kategorie. Ein Hai an Deck ist kein Angreifer, sondern ein erstickendes Tier.
Auch vor Irland ist das nicht neu. 2018 wurde ein Mann aus Belfast beim Haiangeln vor Cork am Unterarm schwer verletzt, berichtete die BBC damals. Die Seenotretter sprachen anschließend von einem Angelunfall, nicht von einer Attacke.
Ähnlich liegt der Fall bei den Stachelrochen in Südkalifornien, über die wir im August berichtet haben: Fast alle Stiche passieren, weil jemand auf das Tier tritt.
Blauhai vor Irland: der meistgefangene Hai der Welt
Dass vor der irischen Küste überhaupt Haie schwimmen, überrascht viele. Blauhaie sind dort zwischen Juni und Oktober unterwegs, Sportangler fangen sie seit Jahrzehnten und setzen sie wieder aus. Ein staatliches Markierungsprogramm hat zwischen 1970 und 2013 gut 19.300 Tiere mit Marken versehen.
Blauhaie sind Hochseetiere, schlank, tiefblau, mit übergroßen Brustflossen. Sie werden gut drei Meter lang, der längste vermessene maß 3,83 Meter.
Gefährlich sind eher wir für sie. Die Artenschutzorganisation Pro Wildlife nennt den Blauhai den mit Abstand meistgefischten Hai der Welt, Schätzungen reichen von 10 bis 20 Millionen getöteten Tieren pro Jahr, überwiegend als Beifang der Langleinenfischerei.
Weltweit gilt er auf der Roten Liste als potenziell gefährdet. Für den Nordatlantik steht die schärfere Stufe: stark gefährdet, mit einem Bestandsrückgang von 54 Prozent über drei Generationen.
Welche Haie in Nord- und Ostsee leben
Haie gibt es auch vor der deutschen Küste. In Artendatenbanken tauchen für Nord- und Ostsee mehr als 30 Arten auf, der Blauhai ist darunter.
Regelmäßig heimisch sind nach Angaben des Umweltverbands BUND allerdings nur vier: Hundshai, Weißgefleckter Glatthai, Kleingefleckter Katzenhai und der vom Aussterben bedrohte Dornhai. Alles andere sind Irrgäste, die ein Salzwassereinbruch hereingespült hat.
Angriffe auf Badegäste sind aus Nord- und Ostsee nicht dokumentiert. Wer an der Ostsee Angst haben will, sollte besser an Quallen denken.
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