Street-Art

Legale Graffitis am Nordbahnhof: Warum das erfolgreiche Projekt gefährdet ist

Die „Hall of Fame“, eine von Berlins wenigen legalen Graffiti-Wänden, ist ein Treffpunkt für die Szene. Doch es gibt auch Probleme, besonders mit Müll.

Juno Kolmorgen
5 Min
Graffiti gibt es in der ganzen Stadt – doch Qualität wird durch Legalität zugesichert.

Graffiti gibt es in der ganzen Stadt – doch Qualität wird durch Legalität zugesichert.

© Sabine Gudath

Eine Frau mit silbrig-blauer Haut schaut in die Ferne, neben ihr explodieren geometrische Figuren in Weiß und Lila, halb fertige Buchstaben. Einige Meter weiter steht ein Mann, er sieht so aus, als überlegt er noch, was er gleich auf die leere Wand vor ihm sprühen will.

Überall hier am Park am Nordbahnhof ist das Klackern von Sprühdosen zu hören, das Geräusch der kleinen Kugel in der Sprühdose, die sich hin- und herbewegt. Von nebenan kommen Rufe von den Volleyball-Feldern.

Genau hier wurde vor einem halben Jahr die legale Sprühwand „Hall of Fame“ eingerichtet, damit sich Sprayer hier ganz legal ausprobieren können. Bezirksstadträtin Almut Neumann (Grüne) steht am Sonntag ebenfalls auf diesem Platz, um zusammen mit anderen Bilanz zu ziehen: Was läuft gut, was kann man noch verbessern?

Um Graffiti, die bunten Bilder an den Wand, selbst geht es kaum. Zunächst eröffnet Almut Neumann, die gleichzeitig die Schirmherrin des Projektes ist, das Gespräch mit Optimismus: „Es ist ein voller Erfolg“, sagt sie. Sie freue sich über die vielen Sprayer, die hier aktiv sind – und das ganz legal. Dann kommt sie auf das Hauptproblem zu sprechen: „Das Hauptthema, womit wir jetzt kämpfen, ist Müll.“

Es sei schon seit zwei Jahren Thema, dass die leeren Spraydosen der Graffiti-Künstler nicht einfach so entsorgt werden können. Dafür wünschen sich die Sprayer einen eigenen Container, dass die leeren Dosen einfach wieder mitgenommen werden. Dabei bringt sie auch Japan als Beispiel, denn dort gibt es kaum öffentliche Mülleimer und es funktioniert auch. Neumann steht am Nordbahnhof und sagt: „Ich hoffe auf einen Japan-Effekt.“

Container für die Dosen ließen sich aus verschiedenen Gründen nicht aufstellen: Von den leeren Dosen ginge weiterhin Gefahr aus, denn das Treibgas in ihnen könnte bei hohen Temperaturen drohen zu explodieren. Jurij Padarin, ein Sprecher der Lobby, weiß, dass es im Mauerpark in Pankow auch anders geht: Dort stehen solche Container seit Jahren, ohne dass jemals eine Dose explodiert sei. Er sehe hinter dem Bewegungsunwillen der Verwaltung eher eine politische Agenda. Bei Graffiti ginge es um Freiheit und um „den Dialog, inneren sowie äußeren“.

Die Zahl der aktiven Sprayer wird auf bis zu 20.000 geschatzt

Nur durch legale Wände könne die Qualität der Kunst steigen und Missverständnisse aus dem Leben geschafft werden, sodass Graffiti-Sprüher nicht mehr als Vandalen angesehen werden. Padarin sei seit dem Jahr 1996 in der Szene dabei und helfe seit 2012, legale Wände in Berlin zu erschließen. Für die Sprüher sei man immer noch nicht offen genug, meint er, und fahre in Berlin seit 40 Jahren eine Null-Toleranz Politik.

Laut Vertretern der Lobby gibt es in Berlin rund 6000 bekannte Sprayer, aber wegen der Assoziation mit Kriminalität schätzen sie die wirkliche Zahl auf eher 20.000 aktive Künstler. Illegales Sprühen wird meist mit einer Geldstrafe geahndet, möglich sind auch bis zu zwei Jahren Haft. Erst im März wurde ein Berliner Rapper vom Amtsgericht Tiergarten zu 60.000 Euro Strafe wegen einer Sprühaktion verurteilt. Die Menge an illegalen und unansehnlichen Graffiti in der Stadt soll sich laut Graffiti-Lobby auf die mangelnden legalen Flächen zurückführen lassen. Wer keine Zeit hätte, der schmiere eben, anstatt sich Mühe zu geben.

Soziale Projekte sollen auch in Zukunft mit Graffiti verbunden sein. So ist auch Taima Rinne-Wolf von den präventiven, altersübergreifenden Diensten im sozialen Bereich (PAD) am Sonntag dabei. Er will ein Pilotprojekt zur Abhilfe des Müll-Projektes im Park starten: Wegen illegalen Sprayens straffällig gewordene Jugendliche sollen helfen, als Teil ihrer Sozialstunden aufzuräumen. Die Verbindung zu ihrer Szene soll sinnstiftend sein und eine positive Wirkung für alle Beteiligten haben. Momentan sei dies aber noch in Planung, in Kontakt stehe er mit der Stadträtin seit letztem Freitag.

Bisher blieb diese Arbeit nämlich immer an der Graffiti-Lobby hängen, dabei ist diese eine komplett ungebundene Vereinigung von ausschließlich ehrenamtlichen Mitarbeitern. Marco, einer von ihnen, erzählt von den Irrsinnigkeit ihrer Aufgaben: „Zur Mülltonne bringen es die Sprayer ja, aber die BSR nimmt die Dosen dann nicht mit“, sagt er. „Sie sagen uns Bescheid, aber wir sind dafür ja nicht zuständig.“ Dabei zeigt er auf eine Parkmülltonne, welche mit Kaffeebechern überfüllt ist. Daneben, teilweise gestapelt in Kisten, sind leere Spraydosen. Die Container aufstellen sollte eigentlich keine Schwierigkeit sein, meint er, aber er fasst zusammen: „Der Wille fehlt.“

Im Haushalt des Senats sind für Maßnahmen wie diese Container jedenfalls derzeit keine Ausgaben vorgesehen, sonst müsse man es zum Beispiel beim Bau von Spielplätzen streichen. Stadträtin Almut Neumann, die ihren Vortrag mit so viel Optimismus begonnen hatte, kündigte schließlich doch an: „Im schlimmsten Fall muss man das Projekt abbrechen.“ 

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