Analyse

Hamburgs Finanzsenator: „Bei uns arbeitet die Luca-App bisher reibungslos“

Neuköllner Gesundheitsamt und der Spiegel schimpfen über Luca. Der Hamburger Finanzsenator sieht keine Probleme. Was steckt wirklich hinter der Kritik?

7 Min
Alle gegen Luca-App? Warum tun sich die Deutschen mit Technologie so schwer?

Alle gegen Luca-App? Warum tun sich die Deutschen mit Technologie so schwer?

© imago/Christoph Hardt

Die Wochenendausgabe
Berliner Verlag

Die Wochenendausgabe

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo. Jetzt auch das neue Probe-Abo testen – 4 Wochen gratis

Am 20./21. August 2021 im Blatt: 
Gefängnis Afghanistan: Wie ein Land zurück in die Barbarei fällt

Slavoj Žižek über den Kampf ums Klima: „Wir brauchen begrenzte Gewalt“

Ein Fall für den Burn Boss: Um Waldbrände zu verhindern, muss man Feuer legen

Kiew als neues Berlin: Warum die Cool Kids in die Ukraine reisen – trotz Krieg

Die Hölle frei nach Sartre? Elternabend in einer Berliner Kita. Unser Autor war da

Ulrike Ottingers „Berlin-Trilogie“: Die Filme der Über-Avantgardistin sind zurück − und wie!

https://berliner-zeitung.de/wochenendausgabe

Bald wird sie auf mehr Smartphones installiert sein als die Corona-Warn-App der Bundesregierung. Doch wer die Berichterstattung über die App liest, kriegt es mit der Angst zu tun. Bisher bemängelten Datenschützer vor allem die angebliche Schutzlosigkeit der Nutzerdaten. Doch in der vergangenen Woche kam ein grundlegenderer Vorwurf hinzu: die Luca-App funktioniere nicht. Mitarbeiter des Neuköllner Gesundheitsamts berichteten, man habe noch nie Daten von Luca erhalten. „Wir können nicht sinnvoll mit Luca arbeiten“, sagte der Amtsleiter Nicolai Savaskan der Süddeutschen Zeitung.

Die Neuköllner hatten die falsche Telefonnummer gewählt

Der IT-Berater des Amtes, Mesut Yavuz, warf Luca außerdem vor, keine Unterstützung zu leisten. Das klang so unglaublich wie beunruhigend, denn Neukölln gehörte in allen Corona-Wellen stets zu den Orten mit den höchsten Infektionszahlen in ganz Deutschland. Auch aktuell weist der Bezirk mit einer 7-Tage-Inzidenz von 96,1 den Spitzenwert in Berlin auf. Wenn Luca also hier keine Daten meldet, dann stimmt etwas mit der App nicht – oder mit dem Gesundheitsamt.

Auf Nachfragen des Tagesspiegel mussten Savaskan und Yavuz einräumen, dass Luca gar keine Daten liefern könne, da die entsprechenden Kanäle vom Gesundheitsamt nicht genutzt werden. Das schob Yavuz auch auf die Betreiber der Plattform. Die seien „abgetaucht, statt sie zu unterstützen“. Doch auch diese Vorwürfe stellten sich als halbwahr heraus. Die Neuköllner hatten die falsche Telefonnummer gewählt. Statt der Support-Hotline, die in jeder Mail des Unternehmens Nexenio, das Luca entwickelt hat, zwischen dem Unternehmen und den Gesundheitsämtern auftaucht, riefen sie bei einer Nummer im Impressum an. Korrekt gestellte Anfragen wurden nachweislich zeitnah beantwortet. Am Donnerstagabend wiederholten beide ihre Vorwürfe in der RBB „Abendschau“.

Ein Grundsatzstreit, der schon die Corona-Warn-App kastriert hat

Am Ende blieb der Vorwurf, den es von Anfang an gab: Luca schütze Daten unzureichend. Und aus dieser Kritik resultieren auch die eigentlichen Probleme in den Berliner Ämtern. Denn deren Datenschutzbeauftragte und IT-Berater sind, wie in Neukölln, oft nicht bereit, Luca abzusegnen. Und Amtsleiter wollen häufig nicht gegen die Empfehlung dieser Experten handeln. Hier setzt sich auf kleinster Ebene jener Grundsatzstreit fort, der schon die Corona-Warn-App der Bundesregierung kastriert hat.

Die Berliner Datenschutzbeauftrage Maja Smoltczyk brachte die Position der Kritiker jüngst wieder vor: Die Zentralisierung der Datenverarbeitung in einer Hand sei „ein erhebliches Risiko“. Zentralisierung aber ist das Wesensmerkmal der App. Wer dieses Prinzip ablehnt, kann keine Anwendung haben, die Menschen im Fall einer möglichen Infektion halbwegs verlässlich identifiziert.

Sorgen um die Zentralisierung

Scheinbar sind die Berliner mit diesen Schwierigkeiten nicht alleine. Eine Spiegel-Umfrage bei 200 der rund 400 Gesundheitsämter in Deutschland ergab: „Von 114 Ämtern mit Luca-Anschluss hat die Hälfte noch nie Daten abgefragt. 86 Ämter antworteten mit detaillierteren Angaben, wie oft sie Luca-Daten seit Inbetriebnahme genutzt haben. In insgesamt rund 130 Fällen haben sie Luca-Daten von Restaurants, Friseuren oder ähnlichen Stellen angefordert, rund 60-mal hätten die Daten geholfen, Infektionsketten zu verfolgen.“

Auch das wirkt auf den ersten Blick erschütternd. So wenig Ämter, so wenig Nachverfolgungen. Beim näheren Hinsehen zeigt sich aber, die Zahlen sind gar nicht so schlecht. Die Inzidenzahlen lagen über den Sommer meist in einem so niedrigen Bereich, dass bisher wenig Infektionsketten nachverfolgt werden mussten.

Bis Mai galt fast bundeseinheitlich der Lockdown, währenddessen kaum Geschäfte geöffnet waren. Mittlerweile herrscht in Berlin im Außenbereich der Gastronomie auch keine Registrierungspflicht mehr. Wer sich dort infiziert, kann mit Luca nicht erfasst werden. Und immer noch findet eine Großzahl der Infektionen im privaten Bereich, auf Familienfeiern beispielsweise, statt, wie Experten erklären. Im Herbst wird sich der echte Nutzen erweisen.

Viele Städte sind mit Luca zufrieden

Nexenio-Mitgründer Patrick Hennig kann zwar verstehen, dass manche Sorgen ob der Zentralisierung haben. „Das ist eine enorme Datenmenge in einer Hand“, sagt er, aber man habe alle menschenmöglichen Vorkehrungen getroffen, um die Daten zu schützen. Die Nutzung bei Luca sei im Übrigen viel datensparsamer und sicherer als Instagram, Facebook oder Google Maps, wo Menschen konstant detaillierte Informationen über sich preisgeben. Das erfolgreiche Kontaktverfolgung mit Luca sehr wohl möglich ist, zeigt denn auch ein anderer Stadtstaat.

„Wir haben Luca in unsere digitale Infrastruktur zur Bekämpfung der Pandemie integriert. Sie ist in Hamburg ein wesentlicher Baustein der Kontaktnachverfolgung geworden und arbeitet bisher reibungslos“, sagt der zuständige Finanzsenator Andreas Dressel der Berliner Zeitung am Wochenende. „Mit unserer zentralen Einheit, dem Luca-Studio, haben wir frühzeitig Erfahrungen gesammelt und konnten so bisher mehr als 120 Ansteckungen nachverfolgen und mit den notwendigen Maßnahmen die Infektionsketten brechen.“

Auch in Hannover und Ludwigsburg, in Warendorf in Nordrhein-Westfalen und in Stuttgart ist man mit Luca zufrieden. Mittlerweile haben 13 von 16 Bundesländern Lizenzen der App erworben. Für 21,4 Millionen Euro. 1,2 Millionen Euro gab das Land Berlin aus. Viel zu viel sagen Kritiker. Doch steht das im Verhältnis? In Berlin wird für viele Dinge viel Geld ausgegeben, deren unmittelbarer Nutzen nicht ersichtlich ist. Eine Kunstinstallation einer goldenen Uhr an der Charité kostete Steuerzahler 450.000 Euro, Parklets in Schöneberg summierten sich auf 119.000, von den Millionen für den Zentralen Busbahnhof und den Milliarden für den BER ganz zu schweigen.

Die Björn-Steiger-Stiftung will auch mitmischen

Patrick Hennig findet, die Kritik habe unverhältnismäßige Dimensionen erreicht. Es werde so getan, als müsste Luca alle Infektionsketten brechen. Nexenio sei mit Luca aber vor allem angetreten, millionenfache Zettelwirtschaft in Bars und Restaurants, wo jeder eintragen konnte, was er wollte (so unleserlich wie er mochte), durch ein schnelles und intuitives Programm zu ersetzen, bei dem zumindest eine Angabe korrekt sein musste: die richtige Telefonnummer. Denn sonst lässt sich die App nicht aktivieren.

Der Leiter des Frankfurter Gesundheitsamts, Peter Tinnemann, bringt es auf die einfache Formel: „Wenn wir wenigstens die richtige Telefonnummer eines potenziell Infizierten haben, ist es mir gleichgültig, ob ich Mickey Mouse oder James Bond anrufe.“ Wobei auch Luca kein Allheilmittel ist. Wenn Gaststättenbetreiber Eincheckcodes für zu große Gruppen bereitstellen oder die digitalen Schlüssel verlieren, erhalten die Gesundheitsämter fehlerhafte oder gar keine Daten. Wobei die viele Kritik und damit einhergehende genaue Prüfung der Luca-Software durch Datenschützer wie beispielsweise den Chaos Computer Club auch etwas Gutes habe, findet Hennig. „Wir sind wie kaum eine andere deutsche App durchleuchtet worden. Wenn es Schwachstellen gibt, werden sie umgehend gefunden und behoben.“

Doch die Kritik kommt nicht nur von Datenschützern und Steuersparern. Es gibt auch Konkurrenten von Luca, die sie befeuern. Der vielleicht wichtigste Mitbewerber ist nämlich nicht die Corona-Warn-App der Bundesregierung, sondern Iris-Connect. Eine Schnittstelle für Gesundheitsämter, die maßgeblich von der Björn-Steiger-Stiftung mitfinanziert wird. Über sie sollen ca. 70 andere Apps, wie zum Beispiel „Darfichrein“ aus Bayern, Möglichkeiten zum Einchecken erhalten. Iris soll den Vorteil haben, dass verschiedenste Apps sich über die Schnittstelle mit den Gesundheitsämtern in Verbindung setzen können.

Bringen mehr Schnittstellen mehr Nutzen?

Erprobt wurde sie aber bisher noch nicht. Pressesprecher der Steiger-Stiftung ist Béla Anda, ehemaliger Regierungssprecher unter Gerhard Schröder und später Stellvertretender Chefredakteur der Bild-Zeitung. Anda betreibt mittlerweile die ABC-Communication-Agentur, die sich auf „Krisen-Kommunikation für Unternehmen, Start-ups und Individuen“ sowie Neu- und Repositionierung von CEOs und Individuen und „Litigation-PR“ spezialisiert. Wieso eine gemeinnützige Stiftung, die kostenfrei Notrufsäulen aufstellt und Defibrillatoren verteilt, einen solch erfahrenen Krisenkommunikator braucht, erschließt sich nicht sofort.

In jedem Falle schießt Anda auf Twitter gegen Luca. Zu jener Umfrage des Spiegels unter den Gesundheitsämtern schrieb er: „Was nicht drin steht: was die #LuccaApp alles weiß und wie (un-)geschützt die Daten wirklich sind.“ Auch in Berlin gibt es neuerdings Interesse an Iris. Das Gesundheitsamt Neukölln hat intern angekündigt, die Schnittstelle einrichten zu wollen.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema