„Hamlet“ in der Jugendstrafanstalt

Wenn Gefangene auf der Bühne über Freiheit sprechen

Das Aufbruch-Gefangenentheater zeigt eine tolle Shakespeare-Inszenierung.

Janis El-Bira
3 Min
„Hamlet“ − der erste Shakespeare in 20 Jahren Aufbruch-Theater.

„Hamlet“ − der erste Shakespeare in 20 Jahren Aufbruch-Theater.

© Thomas Aurin

Selbst Schloss Kronborg dürfte kaum besser bewacht gewesen sein. Im Herzen des grimmigen Berliner Gefängnisviertels entlang des Friedrich-Olbricht-Damms wartet man zunächst lange vor einer meterhohen Stahlpforte, bis diese sich irgendwann wie von Geisterhand einen Spalt weit öffnet, um Einlass in die Jugendstrafanstalt zu gewähren. Im ersten Hof werden sämtliche mitgeführten Gegenstände unter freiem Himmel an kotzgrüne Schließfächer überantwortet, Personal- gegen Besucherausweise getauscht.

Funktionsräume der vollständigen Kontrolle sind das, wie sie das Theater zur Zeit gern im Rahmen immersiver Erfahrungswelten verkauft. Aber das hier ist kein Spiel. Gespielt wird erst hinter zwei weiteren Türen. Dort, im Veranstaltungsraum der JVA, ist es warm und gutgläubig wie in einer Schulaula. Nur ein Banner mit der fies-freundlichen Losung „Jugend braucht Zukunft – wir feilen daran“ erinnert an die vergitterten Fenster.

So viel Talent

Gefeilt wird an diesem Abend mit Hilfe von Shakespeares „Hamlet“, jenem Stück also, das auf vielfältige Weisen Gefangenschaft thematisiert – vor allem solche, die nicht von Stein und Ketten, sondern vom eigenen Kopf ausgeht. Kondensierte 70 Minuten lang spielen junge Männer im Alter von 17 bis 27 Jahren, deren Namen im Programmheft zumeist nicht ihre echten sind, auf zwei beweglichen Treppen. Es ist der erste Shakespeare in der zwanzigjährigen Geschichte des Berliner Gefangenentheaters „Aufbruch“ und so viel Talent ist dabei zu erleben, dass man meint, einige dieser Jungs gehörten eigentlich unbedingt auf die Nachwuchsspielstätten des Gorki-Theaters oder der Volksbühne.

Ein sagenhaft viriler Laertes verkörpert muckibuden-gestählte Bruderehre, König Claudius ist ein Hinterzimmer-Pate mit Halskrause und Rauschebart und ein gewichtiger Kollege zwängt seinen Körper mit erkennbarem Spaß in Königin Gertrudes üppigen Reifrock. Zwischen ihnen und der porzellanenen Ophelia irrt und zaudert Hamlet, die Last der übergroßen Rolle gleich auf mehrere Spielerschultern verteilt. Mühelos füllen diese Stimmen den Raum.

Die in über sieben Wochen Probenzeit erarbeiteten Texte kommen ohne jeden Fehltritt. Ein bisschen wünscht man sich, der Regisseur Peter Atanassow hätte etwas mehr Freiheiten zugelassen und einige panzerharte Müller- und Koltès-Einsprengsel zugunsten eigener Gedanken der Häftlinge eingedampft. Aber vielleicht ist das Selbstverständnis seines Ensembles an diesem Abend ja auch schlicht das einer Schauspielertruppe – nicht das performender Insassen. So oder so: Diese Gefängnisbühne ist ein Ort der Freiheit, der seine Zuschauer nur widerwillig durch verriegelte Türen nach draußen, in die Kälte, entlässt.

Hamlet 28., 30.11.; 3., 5., 7.12., jeweils um 17.30 Uhr, JSA Berlin (Kultursaal), Friedrich-Olbricht-Damm 40/III, Karten: gefaengnistheater.de

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