Der Schlag der Strafverfolger kam selbst für Branchenkenner überraschend. Mehrere Staatsanwälte und etwa 120 Polizisten hatten am Dienstag berlinweit 35 Büros und Wohnungen führender Köpfe der Schrottimmobilien-Szene durchsucht und umfangreiches Beweismaterial beschlagnahmt. Sechs Tatverdächtige wurden festgenommen. Ihnen wird bandenmäßiger Betrug vorgeworfen. Zusätzlich wird gegen 19 weitere Personen in dem Komplex ermittelt. Die groß angelegten Razzien waren das Ergebnis jahrelanger Ermittlungen.
Strukturvertriebe: Grüezi verkaufte seine Wohnungen über Vertriebe wie etwa die hauseigene Swisskontor, oft zu immens überhöhten Preisen. Markenzeichen solcher Verkaufsfirmen ist ihre Organisation als sogenannter Strukturvertrieb. Die hoch umstrittene Geschäftsform, in anderen Branchen auch als Multi-Level-Marketing bekannt, hat als Kern eine pyramidenartige Hierarchie.
Verkaufsprovisionen werden auf mehrere, streng gegliederte Ebenen aufgeteilt. Je erfolgreicher ein Mitarbeiter verkauft und je mehr neue Verkäufer er anwirbt, desto höher steigt er in der Pyramide auf.
Von den Mitarbeitern wird oft keine Fachausbildung verlangt, der Erfolg basiert vor allem auf den Verkaufsmethoden.
Unter den Festgenommenen befinden sich auch die Mitgründer des Immobilienunternehmens Grüezi Real Estate AG, Roman D. und Johannes R. Ein Ermittler bestätigte das der Berliner Zeitung. Die beiden 34-Jährigen hatten einen Vorläufer der Firma schon 1999 gegründet. Ab 2006 war Roman D. vier Jahre lang Vorstandsvorsitzender, Johannes R. etwa zeitgleich Vorstandsmitglied. In dieser Zeit geriet die Grüezi durch zweifelhafte Geschäftsmethoden in Verruf. Die Firma verkaufte ihren Immobilienbestand – größtenteils Eigentumswohnungen in Berlin und Leipzig - unter anderem über die Tochterfirma Swisskontor. Sie wurden unerfahrenen Anlegern als Steuersparmodelle aufgedrängt.
Die psychologisch geschulten Vertriebsmitarbeiter gingen dabei mit Überrumpelungstaktiken vor, berichten frühere Mitarbeiter. Käufer, die sie teilweise über den mittlerweile verbotenen „cold call“ am Telefon warben, nahm man zu plötzlich anberaumten Notarterminen mit. Dort gaben die Geschädigten – oft ohne es zu wissen – rechtlich bindende Kaufangebote ab. Viele der Käufer berichteten später in Gerichtsverfahren, ihnen sei bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht klar gewesen, dass ihr „Steuersparkonzept“ auf eine Immobilie hinauslaufe. Beim Landgericht waren zeitweise mehr als 100 Klagen gegen die Grüezi anhängig. Mehrfach wurde das Unternehmen oder einer der Vertriebe zur Rückabwicklung der Kaufverträge verurteilt.
Grüezi machte bis 2009 einige Jahre lang hohe Millionenumsätze und galt als großer Player auf dem grauen Immobilienmarkt Berlins. Insider nannten das Unternehmen die „Spinne im Netz“. Denn die Wohnungen ließ Grüezi auch durch zahlreiche andere Vertriebe verkaufen. Dazu soll auch die „correcta pro“ gezählt haben. Ihr führender Kopf, Marian B., wurde ebenfalls am Dienstag festgenommen, hieß es aus Ermittlerkreisen. Unbestätigten Berichten zufolge zählte auch seine Lebensgefährtin zu den Verhafteten. Sie fungierte als Geschäftsführerin mehrerer Firmen.
300 Mandanten
Nach Angaben des Rechtsanwalts Jochen Resch, der zeitweilig rund 300 Mandanten gegen Grüezi und ihr Umfeld vertrat, ist B. auch seit mehr als zehn Jahren auf dem Berliner Immobilienmarkt aktiv. Wie andere „Freunde der Grüezi“, so nennt Resch die früheren Vorstände und ihr Umfeld, habe auch er die Geschäfte zuletzt kleinteiliger geführt. Ende 2009 waren unter anderem Roman D. und Johannes R. bei Grüezi ausgestiegen, das operative Geschäft wurde weitgehend eingestellt. „Danach haben die Freunde fast immer nur Objektgesellschaften gegründet“, sagt Resch. Unternehmen also, die jeweils nur das Ziel haben, ein einziges Immobilienobjekt zu vermarkten, wie etwa in Eigentumswohnungen aufgeteilte Mietshäuser.
„Marian B. hat in den vergangenen Jahren in atemberaubender Geschwindigkeit seine Firmennamen geändert“, sagt der Jurist. Er soll selbst auch immer wieder die Verkaufsgespräche geführt haben. Etwa bei der „InfoZentrale Ökoberatung Berlin“, ein Unternehmen, das Interessenten über angebliche Tombolagewinne auf Messen und Jahrmärkten geködert haben soll. Mit Begriffen wie „Ökoberatung“ versuchten manche in der Szene zuletzt, den eigentlichen Zweck ihrer Firmen zu verschleiern. Denn fast immer ging es am Ende – um eine Immobilie.
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