Hans Modrow

„Ich wurde sogar bespitzelt, als ich mich mit Kohl traf“

Norbert Koch-Klaucke
7 Min
Der ehemalige Ministerpräsident der DDR, Hans Modrow.

Der ehemalige Ministerpräsident der DDR, Hans Modrow.

© Gerd Engelsmann

Er war 1989/90 der letzte DDR-Ministerpräsident mit SED-Parteibuch. Hans Modrow wird am Sonnabend 90 Jahre alt. Er ist als Vorsitzender des Ältestenrates der Linkspartei noch immer politisch aktiv. Zurzeit bereitet er sich auf eine Auseinandersetzung vor Gericht mit der Bundesrepublik Deutschland vor. Modrow hat die Bundesrepublik auf Herausgabe der Akten verklagt, die der Verfassungsschutz und der Bundesnachrichtendienst insgesamt 62 Jahre über ihn geführt haben – noch Jahre nach dem Ende der DDR. Im Februar kommt es zur Verhandlung vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig.

Herr Modrow, woher wissen Sie, dass es diese Akten gibt?

Aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Bundestagsfraktion der Linken von 2014 geht hervor, dass seit 1951 über mich Informationen gesammelt worden sein könnten. Aus dem selben Dokument und aus einem Brief des damaligen Bundesinnenministers Hans-Peter Friedrich weiß ich verbürgt, dass seit 1958 bis 2013 über mich Akten beim BND und dem Verfassungsschutz liegen.

Hans Modrow und Helmut Kohl im Februar 1990.

Hans Modrow und Helmut Kohl im Februar 1990.

© Keystone Schweiz/laif

Hatten Sie einen Verdacht, dass Sie überwacht wurden?

Ich war als Jugendfunktionär mit Mitgliedern der FDJ im Westen in Kontakt, die dort damals verboten war. Ich hatte als Politiker der DDR stets Kontakte zur Bundesrepublik, war zum Beispiel auch auf Veranstaltungen der DKP, die von Diensten überwacht wurden. Ich konnte daher davon ausgehen, dass auch ich unter Kontrolle stand. So blauäugig war ich doch nicht.

War Ihnen bewusst, dass man Sie 62 Jahre lang observiert hat?

Mit dem Umfang und der Länge der Zeit, wie es sich jetzt herausstellt, damit habe ich nicht gerechnet. Sogar 1989, als mich der Westen als Hoffnungsträger in der DDR feierte, ich später Ministerpräsident der DDR wurde und ich mich mit Kohl traf, wurde ich bespitzelt. Darum bin ich jetzt auch Kläger gegen die Bundesrepublik Deutschland, verlange die Einsicht in meine Akten, die man mir bisher verwehrt. Ich möchte nicht wissen, wer mich da ausspioniert und Berichte geschrieben hat. Ich will meine Akte sehen, möchte wissen, um was es darin geht.

Sie haben sich seit fast 70 Jahren politisch engagiert, davon 40 Jahre in der DDR. Haben Sie nie ans Aufhören gedacht?

Man hängt an seinem Beruf. Der ist eigentlich Maschinenschlosser. Das habe ich gelernt, bin Geselle geworden. Aber in Wirklichkeit ist ja die Politik mein Beruf, aus dem ich nicht ausgeschieden bin. Als ich 65 Jahre alt war, saß ich als Abgeordneter im Deutschen Bundestag, später im Europaparlament. Ich bin noch viel unterwegs. Gerade war ich in Prag, wo ich den Vizepräsidenten der tschechischen Abgeordnetenkammer und Vorsitzenden der KP Böhmen und Mähren, Vojtech Filip, traf. Ich habe noch viele Kontakte. Solange die Leute einen ernst nehmen, kann man den politischen Beruf weiter betreiben. Erst wenn man spürt, dass die Leute sagen, „Da kommt der Alte, der kann doch sowieso nicht mehr!“ – dann sollte man aufhören.

Was treibt Sie an?

Mir geht es nicht ums Ego, dass ich weiter mache. Es geht mir darum, ein Feld nicht zu verlassen, in dem noch Erwartungen an mich bestehen.

Und die wären?

Ich bekam jetzt einen Brief vom Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses des nordkoreanischen Parlamentes. Er bittet mich, dass ich mich mit meinen Möglichkeiten bemühen möge, dass wieder ein friedlicher Dialog zur Frage der Beziehungen zwischen Nordkorea und dem Westen zustande kommt. Das ist zum Beispiel mein Anliegen.

Woher nehmen Sie die Kraft?

Ich wurde 1961 Verdienter Meister des Sports der DDR, habe mein ganzes Leben Sport getrieben, bin immer ein Langläufer gewesen. Ausdauer war für mich stets eine Kernfrage. Das galt beim Laufen, beim Ski- oder Schlittschuhfahren – und es war auch so in der Politik.

Wie blicken Sie auf ihr Leben zurück?

Man wird von mir nie hören, dass ich stets zufrieden gewesen bin und darauf schaue, was ich doch für ein Held war. Ich weiß sehr wohl, dass ich durch mein Leben mit einem bestimmten Mut gegangen bin. Aber ich weiß auch, dass es Situationen gab, wo ich hätte mutiger sein müssen.

Zum Beispiel?

Etwa 1965 beim 11. Plenum des ZK der SED, wo Honecker scharf die Kulturschaffenden angriff, ihnen Schuld am angeblichen Verfall der sozialistischen Jugend in der DDR gab. Wie bekannt, wurden infolge des Plenums Filme wie „Spur der Steine“ verboten. Gegen die Verschärfung der Kulturpolitik hätte man mutiger auftreten und sich auflehnen müssen. Das galt auch für mich. Schließlich war ich Mitglied des ZK, mit Schriftstellern wie Christa Wolf oder Hermann Kant gut befreundet.

Wann waren Sie mutig?

Als ich Ministerpräsident der DDR wurde, übernahm ich plötzlich Regierungsverantwortung für einen Staat, der sich im Umbruch befand und wo keiner so richtig wusste, wohin das führen könnte. Und da wäre der 15. Januar 1990, als die MfS-Zentrale in der Normannenstraße besetzt wurde. Ich war nicht feige, beschloss dorthin zu fahren, um mit den Menschen zu reden. Es gehörte schon viel Mut dazu. Denn als ich mit dem Wagen auf dem Gelände war, standen da über 10 000 aufgebrachte Menschen, die auf das Auto hämmerten und mich als Kommunisten-Sau beschimpften. Ich war ohne Wachschützer. Zu meinen Beschützern wurden Bürgerrechtler wie Ibrahim Böhme und Konrad Weiß, die dafür sorgten, dass ich auf einer aufgebauten Tribüne eine Rede halten konnte.

Haben sie sich mit Altkanzler Helmut Kohl versöhnt?

Das war nicht nötig. Wir sind uns stets respektvoll begegnet. Es wird erzählt, Kohl habe mich als DDR-Ministerpräsident gedemütigt, als wir uns am 13. Februar 1990 in Bonn trafen. Wir saßen damals bei einer Pressekonferenz auf dem Podium. Kohl demonstrierte seine Stärke und Überlegenheit mit Blick auf die am 18. März 1989 anstehende Wahl in der DDR, bei der es auch um die Wiedervereinigung ging. Man konnte den Eindruck haben, er hätte mich gedemütigt, was nicht der Fall war, denn ich konterte: „Auch die DDR hat etwas einzubringen. Wir sollten uns unseren aufrechten Gang in die Wiedervereinigung beider deutscher Staaten nicht nehmen lassen.“ Das war Absicht. Kohl wirbt für Wiedervereinigung, ich halte ihm dagegen, dass man den DDR-Bürgern ihre Biografien nicht stehlen sollte.

Zurück in die Gegenwart. Es gibt Unruhe bei den Linken. Sarah Wagenknecht und Oscar Lafontaine fordern eine neue linke Bewegung. Ist die Linkspartei noch ihre politische Heimat?

Wir sind jetzt in einer Phase, wo sich das politische Bild Deutschlands aufgrund einer Wahl und der Stimmung im Land verändert hat. Wir müssen als Linkspartei auf die Stimmung im Volk genau schauen, um zu begreifen, wie man aktuell Politik gestalten kann, die den Interessen der Menschen entspricht. Darauf kommt es an. Nun haben Lafontaine und Wagenknecht eine Meinung, und andere haben auch eine. Besser wäre es zu sagen, es gibt verschiedene Haltungen, lasst uns über die künftige politische Ausrichtung der Partei sachlich reden, um offensive und konstruktive Politik gemeinsam zu gestalten. Nicht Vorwürfe sondern ein achtungsvoller Dialog miteinander werden gebraucht. Ich habe noch die Hoffnung, dass wir zu einer Gemeinsamkeit finden. Der Ältestenrat, der in der Linkspartei mitwirkt, will dafür seinen Beitrag leisten.

Glauben Sie, dass der Streit zur Spaltung der Partei führt?

So wie die Lage ist, wird es im Osten keine Spaltung geben. Die Partei würde zerfallen. Ob die Genossen im Westen noch etwas hätten, wie Gewerkschaften oder Teile der linken SPD, aus der die WASG entstanden ist, um eine politische Kraft zu bilden, kann ich nicht beurteilen. Die Linkspartei muss wieder zu einer Fähigkeit gelangen, politisch zu handeln. Denn was nun geschieht, ist doch kein politisches Handeln. Gerade jetzt, wo die AfD im Bundestag ist. Es käme zu einer Rechtsverlagerung im Land, wenn die Linkspartei als wichtige Oppositionskraft glaubt, sich auflösen zu müssen.

Wie feiern Sie am Sonnabend ihren Geburtstag?

Daheim mit meiner und der Familie meiner Lebensgefährtin. Das ist schon ein recht großer Kreis, der da zusammenkommt. Ich freue mich auch, später viele Weggefährten zu treffen. Schade ist, dass ich meinen Freund Egon Bahr nicht mehr einladen kann, der 2015 verstarb.

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