Harmsens Berlin

„Haste schon ’n Boom?“

Der „Boom“ ist nicht zu verwechseln mit dem englischen Begriff für Aufschwung.

Torsten Harmsen
3 Min
Manch einer schwört auf echte Kerzen am „Boom“.

Manch einer schwört auf echte Kerzen am „Boom“.

© Karl-Josef Hildebrand/picture alliance/dpa

Der Weihnachtsbaum heißt in Berlin einfach „Boom“. Zumindest wird er von vielen so genannt, nicht zu verwechseln mit dem englischen Begriff für Aufschwung, „Buum“ gesprochen. Der Berliner sagt’s wirklich mit O. „Haste schon ’n Boom?“, fragt man sich im Vorüberhasten. Denn das Fest ist reiner Stress.

Die Bezeichnung des „Booms“ – Mehrzahl: „Bööme“ – kann sich wandeln, je nachdem, was man für ein Exemplar ergattert hat. Dann wird aus ihm eine „Krücke“, ein „Nadelmonster“ oder eine „Hallelujastaude“. Zumindest gab’s diesen Ausdruck früher einmal. „Mensch, die Hallelujastaude hat dir eena anjedreht!“ Meine über 80-jährige Tante aus Lichtenberg meint, dass dieser Ausruf einst in einem Gedicht der Berliner Zeitung gestanden haben soll.

Ich hab das ganze Archiv durchsucht. (Ja, diese Arbeit macht man sich für liebe Tanten!) Und ich fand einen launigen Vers von 1965, die Verteidigungsrede eines „Boom“-Verkäufers: „Wat heeßt hia Hallelujastaude,/ soon Boom ham Se noch nich jeseh’n,/ der tat erst neben eene Baude/ als Zierde in’t Jebirje stehn.“ 

„Es gab Zeiten, da ,Weihnachtsbäume‘ sogar am Himmel leuchteten“

Heute, gut fünfzig Jahre später, ist die Chance, ein gleichmäßig gewachsenes Norm-Exemplar zu bekommen, viel größer geworden. Denn „Boom“-Plantagen, in denen die Dinger in Reih und Glied wachsen, überziehen halb Europa.

Übrigens: Wenn der Berliner einst korrekt von „Weihnachtsbäumen“ sprach, dann meinte er jene Leuchtmarkierungen, die am Nachthimmel über ihrer Stadt erschienen, um den alliierten Bombern den Weg zu weisen. „Es gab Zeiten, da ,Weihnachtsbäume‘ sogar am Himmel leuchteten“, schrieb die Berliner Zeitung 1961. „Das Pfeifen der Bomben und Sirenen gab dazu eine satanische Musik.“ Meine Oma, die am Rande Berlins wohnte, notierte am Heiligabend 1943 in ihrem Tagebuch: „Von halb vier bis halb sechs Uhr war Alarm. Ich war noch gar nicht richtig fertig angezogen, da fielen die ersten Bomben. Das Haus schwankte. Der Putz fiel auf die Betten und Sofa und Tisch.“ 

Auch der „Boomständer“ ist wichtig

Doch zurück zum heutigen „Boom“. Er steht für Friede, Freude, Eierpunsch. Doch das bedeutet nicht, dass nicht auch heute was passieren kann. In solchen Fällen ist die begriffliche Kürze ein großer Vorteil. „Der Boom brennt!“ ist schnell geschrien.

Mancher schwört auf echte Kerzen. Mir kommt so was nicht ins Haus. Erst braucht man eine halbe Stunde, um sie anzuzünden, dann brennen sie zwei Minuten, bis das erste Zweiglein in Brand gerät. Die Feuerwehr hat neulich wieder nette Videos gezeigt. Man sieht Flammen am „Boom“ hochschlagen. Fette Rauchschwaden sammeln sich unter der Decke – wegen der ätherischen Öle der Tannenadeln. Bloß weg!

Auch der „Boomständer“ ist wichtig. Das kann ich aus eigener Erfahrung sagen. Denn in meinem ersten Jahr als Baumschmücker mit eigener Familie schraubte ich einen viel zu großen Baum in einen viel zu kleinen gusseisernen Ständer. Als alles feierlich an den Zweigen hing, rauschte es plötzlich gewaltig. „Der Boom kippt!“, schrie ich. Schon lag das Ding quer im Zimmer. Die silbernen Kugeln („Kureln“) des ererbten Familienbaumschmucks zerplatzten wie kleine Bömbchen. Zum Glück nicht alle.

Weil die Läden noch geöffnet hatten, liefen wir los, um die Kugel-Restbestände aufzukaufen und einen größeren Ständer zu besorgen. Der „Boom“ wurde aufgerichtet, neu geschmückt. Am Ende sah er nicht mehr silbern vornehm aus, sondern lustig bunt. Das hatte er nun davon, der kleine Clown. Warum musste er auch umfallen?

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