Alt sind die anderen. Wohl noch nie zu vor hat es eine moderne Gesellschaft gegeben, in der die Alten derart stark und lange das öffentliche Geschehen mitbestimmt haben. Für den Fußballtrainer Jupp Heynckes scheint es die wohltuende Wirkung eines Jungbrunnens zu haben, als 72-Jähriger noch einmal mit Elan in das Profigeschäft zum FC Bayern zurückzukehren, und beinahe selbstverständlich hat der greise Alexander Gauland bei der neuen Rechtspartei AfD die Rolle des ruppigen Anführers übernommen.
Obwohl inzwischen sehr viel von Altersarmut die Rede ist, geht es einer großen Mehrheit der alten Menschen in Deutschland verhältnismäßig gut. Kein Reiseziel scheint zu beschwerlich, um es unter größtmöglichem Komfort nicht auch anzusteuern. Man kann es sich leisten, und die gesteigerte Mobilität ist zugleich ein Ausdruck beinahe ewig währender Jugendlichkeit. Männer, die über 70 sind und Vater werden sind keine Seltenheit, und selbst die biologischen Grenzen für eine Mutterschaft sind durch die Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin enorm ausgeweitet worden.
Alt, aber nicht allein
Wie ist es um die Pflege in Berlin bestellt? Was wünschen sich die Berliner, wenn sie auf Hilfe angewiesen sein sollten? Welche Angebote gibt es?
Die Pflege-Serie der Berliner Zeitung gibt Antworten.
Das Drama des Alterns beginnt, wenn man dauerhaft auf fremde Hilfe angewiesen ist. Wenn ein Unfall oder eine Krankheit den Körper geschwächt haben, besteht das größte Problem darin, die Normalität wieder zu erlangen. Aber es sind keineswegs nur drastische Schicksalsschläge, die die Aufrechterhaltung der Autonomie gefährden. Manchmal beginnt es schleichend und unmerklich. Wer kennt es nicht, das Bedürfnis, eine kleine Vergesslichkeit kokett zu überspielen. Aber immer öfter wird das Spiel bitterer Ernst.
Undurchdringbare Apathie
Berlin ist auch hier die Nummer 1. Die demografische Entwicklung hat Berlin zur Hauptstadt der Pflege gemacht. Nirgendwo sonst in Deutschland gibt es so viele Menschen, die dauerhaft Hilfe bedürfen, und in keiner anderen deutschen Stadt gibt es so viele, die darum bemüht sind, diesen Bedürfnissen gerecht zu werden: in ambulanten Pflegediensten und Heimen, in staatlichen und konfessionellen Einrichtungen, aber auch in Familie und Nachbarschaft.
Wenn das Stichwort Pflege fällt, ist das böse Wort vom Pflegenotstand nicht weit. Journalistische Reportagen haben wiederholt hygienische Missstände und prekäre Arbeitsverhältnisse in Pflegeheimen und -diensten aufgedeckt und nicht selten als soziales Horrorszenario aufbereitet. Die Geschichten handeln manchmal vom Straftatbestand der Misshandlung, aber oft auch von überfordertem Personal und um Vertuschung bemühten Heimleitungen.
Alles übertrieben? Selbst ein Besuch in einer vermeintlich besseren, auf jeden Fall teuren Pflegeeinrichtung vermag den Eindruck nicht zu zerstreuen, dass die letzte Station für alte Menschen oft eine Szenerie des Grauens abgibt. Manchmal ganz offen, meist eher verdeckt und vernehmbar in einer Atmosphäre undurchdringbarer Apathie.
Betrug und Missbrauch
Solch ernüchternde Bestandsaufnahmen zur Realität der Pflegesituation in deutschen Einrichtungen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in den letzten Jahren erhebliche staatliche und kommunale Anstrengungen gegeben hat, dieser irreversiblen Begleiterscheinung der demografischen Entwicklung Rechnung zu tragen. Die diversen Reformen des Pflegesystems waren gewiss nicht vergeblich.
Dabei springt jedem, der mit der Betreuung eines ihm vertrauten Menschen zu tun hat, unmittelbar ins Auge, wie vielschichtig, schwierig und oft auch widersprüchlich die bürokratische Seite des karitativ Naheliegenden ist. Das Pflegesystem ist nicht nur träge und unpersönlich, sondern auch anfällig für Betrug und Missbrauch.
Und doch möchte man gerade auch der Pflegehauptstadt Berlin mehr Mut zum Experiment wünschen. Längst gibt es andernorts inspirierende Modellversuche, ganz gewöhnliche Dienstleister wie Postboten mit Nachbarschaftsdiensten für Hilfebedürftige zu betrauen. Die wichtigsten Ressourcen für eine gelingende Pflege sind neben der Ausbildung professioneller Kompetenzen vor allem Zeit, familiäre Geborgenheit und Empathie. Nicht alles davon ist gleich gut verfügbar, aber gerade die große Stadtgesellschaft sollte ehrgeizig darin sein, diese Kräfte so gut es geht zu mobilisieren.
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