Hauptstadtflughafen

Tegel, ein Flughafen am Limit

Auf dem wichtigsten Berliner Flughafen steigt die Zahl der Passagiere auf einen neuen Rekordwert. 2014 könnte sie die 20-Millionen-Marke überschreiten. Warum funktioniert Tegel trotzdem?

Peter Neumann
5 Min
Ein ganz normaler Tag im Flughafen Tegel. An manchen Tagen werden hier rund 80 000 Fluggäste abgefertigt. Voraussichtlich bis 2015 oder 2016 bleibt Tegel in Betrieb. Dann öffnet der BER – hoffentlich.

Ein ganz normaler Tag im Flughafen Tegel. An manchen Tagen werden hier rund 80 000 Fluggäste abgefertigt. Voraussichtlich bis 2015 oder 2016 bleibt Tegel in Betrieb. Dann öffnet der BER – hoffentlich.

© dpa/Hannibal Hanschke Lizenz

Wie lange hält der Flughafen Tegel noch durch? Wie lange kann er es noch verkraften, dass es dort Jahr für Jahr voller wird? Das sind Fragen, die auch Katy Krüger und Lutz Tilgner ins Grübeln bringen, obwohl der Verkehrsleiter und die Chefin des Terminalmanagements alles über den wichtigsten Berliner Flughafen wissen. „Wir machen uns ernsthaft Gedanken darüber, wie es in den nächsten Jahren weitergeht“, sagt Krüger. So viel steht fest: „Wir arbeiten ständig und dauernd unter Volllast“, sagt Tilgner. Und ein Ende des Booms ist nicht in Sicht: Für dieses Jahr gehen die Vorhersagen von 19,4 Millionen Fluggästen in Tegel aus, das sind 1,2 Millionen mehr als 2012 und ein erneuter Rekord für einen Flughafen, der einst für zweieinhalb Millionen Passagiere pro Jahr entworfen wurde.

„Wir haben Engpässe in allen Bereichen“, berichtet Krüger, die mit ihrem Kollegen Tilgner während einer Vorlesung in der Reihe „Airport Campus“ über ihre Arbeit spricht. „Tagtäglich kommen wir an unsere Grenzen“, im Durchschnitt vier Mal.
Mehr als insgesamt 52 Starts und Landungen pro Stunde verkraftet Tegel nicht. Ginge es nach den Airlines, gäbe es noch mehr Flüge. Für die Morgenstunden haben sie allein jeweils bis zu 52 Starts angemeldet, aber die Terminals haben nur Platz für die Passagiere von 32 startenden Maschinen. „Die Nachfrage ist größer als unsere Kapazität“, bedauert Krüger. Darum gebe es auch nicht mehr Interkontinentalflüge. „Wir müssen leider Wünsche ablehnen.“

Zu wenig Parkplätze für Flugzeuge

Dann sind da noch die vielen speziellen Herausforderungen. Sie haben damit zu tun, dass sich Tegel nicht in der Provinz befindet, sondern in der Hauptstadt Deutschlands, und dass Prominente Schönefeld nicht zu mögen scheinen. Robbie Williams, jüngst Stargast bei der Bambi-Verleihung, wollte partout in Tegel abheben – obwohl der Flughafen dann schon zu war. Eine Genehmigung der Luftfahrtbehörde war zu besorgen. Tilgner: „Bis 23 Uhr trällerte Williams am Potsdamer Platz, um 23.22 Uhr war er schon in der Luft.“

Energieautonome Häuser: Das neue Stadtviertel im Entwurf von Kyeong Hee Seo von der Universität Stuttgart sieht Öko-Häuser mit Dachbegrünung vor. Fotovoltaikanlagen sollen Sonnenenergie in Strom umwandeln.

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© Kyeong Hee Seo Lizenz

Der Flughafen wird geflutet: Nach dem Entwurf von Franco Berardi und Fabian Gauss aus Stuttgart soll ein Kanal auf dem Airportareal angelegt werden. Am Rand sollen Wohnhäuser entstehen. Auf treppenartigen Terrassen am Ufer können die Bewohner den Blick aufs Wasser genießen. Die Idee wurde mit einem Sonderpreis ausgezeichnet.

Der Flughafen wird geflutet: Nach dem Entwurf von Franco Berardi und Fabian Gauss aus Stuttgart soll ein Kanal auf dem Airportareal angelegt werden. Am Rand sollen Wohnhäuser entstehen. Auf treppenartigen Terrassen am Ufer können die Bewohner den Blick aufs Wasser genießen. Die Idee wurde mit einem Sonderpreis ausgezeichnet.

© Berardi/Gauss Lizenz

Leben im Hausboot: Wenn es nach den Plänen von Felix Bentlin und Johannes J. Hipp aus Berlin geht, sollten Wohnungen nicht nur am Wasser, sondern auch auf dem Wasser entstehen.

Leben im Hausboot: Wenn es nach den Plänen von Felix Bentlin und Johannes J. Hipp aus Berlin geht, sollten Wohnungen nicht nur am Wasser, sondern auch auf dem Wasser entstehen.

© Bentlin/Hipp Lizenz

Wohnungen und Gewerbeflächen neben dem sechseckigen Terminalgebäude von Tegel: Das sieht der preisgekrönte Entwurf von Dagmara Sietko-Sierkiewicz und David Weclawowicz vor.

Wohnungen und Gewerbeflächen neben dem sechseckigen Terminalgebäude von Tegel: Das sieht der preisgekrönte Entwurf von Dagmara Sietko-Sierkiewicz und David Weclawowicz vor.

© Sietko-Sierkiewicz/Weclawowicz Lizenz

Wohnungen als Stapelware: Dagmar Sietko-Sierkiewicz und David Weclawowicz planen Apartments über Produktionshallen.

Wohnungen als Stapelware: Dagmar Sietko-Sierkiewicz und David Weclawowicz planen Apartments über Produktionshallen.

© Sietko-Sierkiewicz/Weclawowicz Lizenz

Arbeit und Freizeit: Nachts werden die Produktionshallen zu Sporthallen.

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© Sietko-Sierkiewicz/Weclawowicz Lizenz

Unter einer terrassenartigen Bebauung: Markthalle für die Nahversorgung der Bewohner.

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© Olga Bermann, Kathrin Meyer, Sebastian Schwarz, Carlson Weihmann Lizenz

Auch die Chefs großer Autohersteller, die zur Party des „Goldenen Lenkrads“ anreisten, wollten unbedingt in Tegel einschweben – mit 16 Business Jets. Doch für Privatflugzeuge gibt es kaum Standplätze. Weil die Auto-Manager aber nicht locker ließen, kam es zum Kompromiss: Die Jets landeten zum Aussteigen in Tegel, mussten jedoch sofort als Leerflüge weiter nach Schönefeld. „Ein ökologischer Irrsinn“, sagt Tilgner. Aber anders sei Privatfliegerei in Tegel nicht mehr möglich.

Schon der Linienbetrieb stoße an seine Grenzen. So können in Tegel nicht mehr als 48 Flugzeuge abgestellt werden, sagte der Verkehrsleiter. Morgens seien zuweilen schon mehr als 40 Plätze mit Flugzeugen besetzt, die in Tegel die Nacht verbracht haben. Und es gebe Tageszeiten, da wollen so viele Maschinen landen, dass über 50 Plätze gebraucht werden. „Glücklicherweise dürfen wir dann oft auf den militärischen Teil in Tegel-Nord ausweichen“, sagt Tilgner. Wenn wieder mal eine gecharterte Boeing 747 die Berliner Philharmoniker zur Welttournee abholt, sind gleich mehrere Standplätze belegt. Der A 380 okkupiert vier Positionen. Für so große Flugzeuge ist Tegel nicht gemacht.

2014 mehr als 20 Millionen Gäste

Lange Zeit wurde in TXL kaum investiert, jetzt wird wieder gebaut – für 17,5 Millionen Euro. Krüger freut sich vor allem, dass alle Toiletten saniert werden: „Die waren wirklich nicht mehr schön.“ Der Transferbereich, in dem Umsteiger ohne Visum auf ihren Anschlussflug warten, wurde bereits aufgehübscht. Er habe vorher „Knastcharakter“ gehabt. Reisende, die sich dort ablichten ließen, montierten Gitterstäbe in die Fotos – Satire aus Berlin.

Doch vieles lässt sich nicht so schnell verändern und manches gar nicht mehr. „Wir arbeiten mit betagten, störanfälligen Systemen“, erzählt Krüger. So seien noch Anwendungen des Computer-Betriebssystems Windows im Einsatz, die es außerhalb des Flughafens kaum noch gibt. Oder die Transfer-Gepäckhalle: Dort müssen die Koffer von Hand umgeladen werden. Eine schwere Arbeit, die anderswo von Technik erledigt wird.

Der Teamgeist sei das Geheimnis Tegels, ohne ihn würde TXL nicht mehr funktionieren, sagt der Verkehrsleiter. „Dieser Flughafen ist einzigartig, weil hier so viele tolle Menschen arbeiten. Tegel funktioniert vor allem über Emotionen.“ Es gebe auch andere Vorzüge wie die kurzen Wege: „Viele werden sie am BER vermissen.“

Für 2014 erwarten die Planer einen neuen Rekord: mehr als 20 Millionen Passagiere. „Dann“, sagt Tilgner, „kommt das Limit in Sicht.“

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