Um bei einer Late-Night-Show der ARD seinen ganz persönlichen Auftritt zu bekommen, muss man entweder bekannt geworden sein oder zur bundespolitischen Spitze gehören. Beides trifft auf die Linke-Fraktionschefin Heidi Reichinnek zu, die am Donnerstagabend bei der Komikerin Carolin Kebekus zu Gast war. Thema des Gesprächs: Reichinneks rapider Aufstieg auf TikTok nach ihrer wütenden Brandmauer-Rede gegen Friedrich Merz im Bundestag, als die CDU gemeinsam mit der AfD abgestimmt hatte.
„Ich war komplett unvorbereitet.“ Man habe nicht damit gerechnet, dass diese Abstimmung von CDU und AfD schon am Mittwoch passieren würde. „Die Rede war also komplett ungeplant.“ Der parlamentarische Geschäftsführer der Linken, Christian Görke, habe sie dann dazu gedrängt. „Er sagte, Heidi, du musst das machen“, erzählt die Fraktionsvorsitzende. „Ich hatte einen Zettel vorbereitet, in ein paar Minuten. Doch ich konnte meine Schrift nicht lesen. Dann habe ich, wie die Jugend sagen würde, einfach gevibed.“
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Reichinnek: „Danke an TikTok und alle, die mir folgen“
Die spontane Rede nach dem sogenannten Dammbruch der CDU zur AfD verbreitete sich in den sozialen Medien zehnmillionenfach. Spätestens ab diesem Zeitpunkt, Anfang Februar, wussten die meisten Menschen in Deutschland, wer Heidi Reichinnek ist und wofür die Linke steht, die bei der Wahl am Ende mit fast zehn Prozentpunkten eine der Gewinnerinnen des Wahlkampfes wurde. „Ohne TikTok hätte das nicht geklappt“, gibt Reichinnek ganz offen und ehrlich zu. Sie wirkt demütig. Das Kebekus-Publikum jubelt.
Kurz nach ihrem Eintritt in den Bundestag 2021 habe sie vor der Kamera noch unsicher gewirkt. Doch dann habe sie die Kommunikation mit der jungen Wählerschaft verstanden. „Wenn ich gar nicht versuche, cool zu sein oder etwas zu schauspielern, dann kommt das viel besser an, weil man auf TikTok Looser halt auch total toll findet, und Leute, die ehrlich sind.“
Die Linke habe sich in der Zeit vor der Wahl bereits eine Followerschaft aufgebaut, die dann dazu beigetragen habe, dass die Brandmauer-Rede gegen Friedrich Merz so viral gehen konnte. Doch die überwältigende Zustimmung für ihre lautstarke und klare Haltung gegen rechts („auf die Barrikaden“) hatte sie trotzdem nicht erwartet. „Dieser Erfolg war jetzt nicht mein Vierjahresplan gewesen. Es ist krass. Danke an TikTok und alle, die mir folgen.“
Brandmauer-Politik in der Opposition
Ihr Kurs in der kommenden Oppositionsarbeit ist klar. In der Debatte um den parlamentarischen Umgang mit der AfD hat sie der Union erst jüngst wieder die Normalisierung der Rechtsaußenpartei vorgeworfen. „Mit welchem Einsatz Unionsabgeordnete die Normalisierung der rechtsextremen AfD vorantreiben, ist beängstigend“, sagte sie am Donnerstag der Nachrichtenagentur AFP. Auch anlässlich des kommenden Gedenktages zum Weltkriegsende am 8. Mai sei „den Herren von der CDU ein Blick in die Geschichtsbücher empfohlen“, mahnte Reichinnek.
„Dieser Tag sollte sie deutlich daran erinnern, dass eine Demokratie die Machtbeteiligung von Rechtsextremen nicht überlebt“, fügte Reichinnek hinzu. Unionsfraktionsvize Jens Spahn (CDU) hatte am Wochenende gefordert, mit der AfD so umzugehen, „wie mit jeder anderen Oppositionspartei auch“. Die Politik müsse „auch einfach anerkennen, wie viele Millionen Deutsche die AfD gewählt haben“. Mehrere Unionspolitiker stimmten Spahn in den vergangenen Tagen zu. (luk)
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