Heiligensee-Mörder vor Gericht

Ein Mann mit absolutem Tötungswillen

Staatsanwaltschaft fordert lebenslange Haft für Edin A.

Katrin Bischoff
4 Min
Polizisten am Donnerstag, dem 18. 05. 2017, nahe des Tatorts in Heiligensee.

Polizisten am Donnerstag, dem 18. 05. 2017, nahe des Tatorts in Heiligensee.

© Morris Pudwell

Der Junge, der an dem Glastisch sitzt, macht einen aufgeweckten Eindruck. Nur manchmal reibt er sich die Augen, oder gähnt. Doch er verneint, als ihn die Jugendrichterin fragt, ob sie eine Pause machen sollten. Der Junge ist zwölf Jahre alt. Er ist in einem Vernehmungsvideo zu sehen, das im vorigen Juni gedreht wurde, einem Monat nach dem Tod seiner Mutter.

Der Junge zeigt auf einen Spiegel. Ob dahinter jemand sitze, fragt er. Die Richterin nickt. "Wusste ich es doch", sagt das Kind triumphierend und lacht. Um gleich wieder ernst zu werden. Um erschreckend gefasst zu erzählen, wie dieser Mann, den er Papa nennen musste, seine Mutter "abgestochen, ihr die Kehle aufgeschlitzt" habe. Und davon, dass auch er mit dem Tode bedroht worden sei.

Das Video von der einstündigen Vernehmung wurde im Prozess um den sogenannten Heiligensee-Mörder gezeigt, bei dem am Dienstag die Plädoyers gehalten wurden. Dieser Mann, von dem der Junge sprach, ist der angeklagten Edin A. Der 32-Jährige ist der einstige Lebensgefährten der Mutter des Kindes. 

Edin A. und Michelle E. waren zwei Jahre liiert, als die in Heiligensee lebende Frau den Mann vor die Tür setzte. Weil er dem Sohn Gewalt angedroht hatte. Daraufhin soll der aus Bosnien stammende Mann, den ein psychiatrischer Sachverständiger für voll schuldfähig hält, einen teuflischen Plan geschmiedet haben.

Tat an seinem Geburtstag

"Der Angeklagte ist ein Geiselnehmer, ein Körperverletzer, ein Mörder", sagt die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer. Er habe Michelle E. heimtückisch umgebracht. Deswegen gehöre Edin A. lebenslang hinter Gitter. Nach ihren Worten hatte Edin A. schon längere Zeit vor dem Haus seiner Ex-Lebensgefährtin herumgelungert. Am 18. Mai des vorigen Jahres, genau an seinem Geburtstag, habe er ein Leben ausgelöscht.

Nach Angaben der Staatsanwältin schnappte sich der Angeklagte zunächst den Sohn von Michelle E, der gerade mit seinem Hund spazieren ging. Er verschleppte das Kind in eine Gartenlaube, fesselte und knebelte es. Er nahm dem Jungen das Handy und die Wohnungsschlüssel ab und kündigte dem Zwölfjährigen an, jetzt dessen Mutter töten zu wollen. Und später auch den Jungen. Das Kind habe Todesangst gehabt.

In wenigen Sekunden verblutet

Michelle E. sei arglos gewesen, als jemand die Wohnung betreten habe, sagt die Anklagevertreterin. Die Frau habe ihren Sohn erwartet. Doch stattdessen stand Edin A. mit einer Pistole  ihr und drohte, ihren Sohn umzubringen, sollte sie nicht ruhig bleiben. Michelle E. war in einer ausweglosen Situation.

Dann griff Edin A. zu einem Messer. Er packte nach den Worten der Staatsanwältin den Kopf von Michelle E. und stach ihr das Messer von schräg hinten in den Hals. Edin A. traf die Hauptschlagader. Sein Opfer verblutet binnen weniger Sekunden.

Der Stich in den Hals sei mit voller Wucht und absolutem Tötungswillen erfolgt, sagt die Staatsanwältin. "Das Opfer hatte keine Chance." Der Angeklagte habe mit der Tat der Schmach begegnen wollen, seine große Liebe an einen Anderen verloren zu haben.

Verteidiger plädiert auf Totschlag

Auch die Anwältin, die im Prozess den zwölfjährigen Sohn des Opfers als Nebenklägerin vertritt, fordert die Höchststrafe für den Angeklagten. Sie verweist darauf, dass nun ein Kind keine Mutter mehr habe, und dass sich der Junge "mit Sicherheit einen Schuldanteil" am Tod der Mutter gebe.

Der Verteidiger von Edin A. will, dass sein Mandant nur wegen Totschlags zu einer Freiheitsstrafe von acht Jahren verurteilt wird. Er verweist auf die schwierige Beziehung zwischen Edin A. und Michelle E. "Ich bin überzeugt, sie hat sich nach einem Mann wie Edin gesehnt hat und mein Mandant nach einer Frau wie Michelle", sagt er. Edin A. wollte die Beziehung und hat dafür alles getan.

Er sei zutiefst gekränkt gewesen, als sein Glück zusammenbrach. Der Anwalt erklärt, dass sein Mandant nach der Trennung von Michelle E. 20 Kilogramm abgenommen, die Nacht vor der Tat nicht geschlafen, Bier getrunken sowie Drogen genommen habe. Das Geständnis bei der Polizei sei zudem von Reue getragen gewesen. All das spreche für den Angeklagten.

Entschuldigung bei hinterbliebenem Sohn

Edin A., der im Prozess die Taten eingeräumt hat, entschuldigt sich in seinem letzten Wort unter Tränen bei dem zwölfjährigen Sohn von Michelle E., der nicht im Gericht anwesend war. Er habe durch seine Untat einen Menschen getötet, "den ich endlos geliebt habe und den ich immer lieben werde."

In dem Vernehmungsvideo hat die Richterin den Zwölfjährigen zum Schluss gefragt, wie es ihm heute gehe. "Ich denke mal, ganz gut. Ich lebe noch", antwortet der Junge. Er denke viel an seine Mutter. Aber nicht an ihn und diese Geschichte. Die Schwurgerichtskammer wird am 2. Februar ihr Urteil verkünden.

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