Heimarbeit

Zeit für einen Drink

Angela Merkel macht es vor: Zuhause arbeiten wird zusehends eine anerkannte Alternative zur Präsenzpflicht im firmeneigenen Büro. Und beim Gartenumgraben, Kaffeetrinken mit Freunden und Marmelade einkochen kommen einem eh die ausgekochtesten Gedanken.

Sabine Vogel
3 Min

Angela Merkels angeknackstes Becken könnte unserer Arbeitswelt neue Impulse verleihen. Sie muss nun ein paar Wochen von Zuhause aus arbeiten. Anfang des vergangenen Jahres überraschte Marissa Mayer, die damals neue Chefin des Internetkonzerns Yahoo, damit, dass sie alle Mitarbeiter vom Home Office zurück in die Firmenzentrale beorderte.

Als ob sich mit der Stechuhr geistige Produktivität messen ließe! Die physische Präsenzpflicht am realen Arbeitsplatz schien geradezu anachronistisch bei einer Firma, deren Produkte zur Mobilität im virtuellen Raum dienen und unter deren Mitarbeitern man sich Nerds vorstellt, die – egal ob daheim, unterwegs oder am Büroschreibtisch – eh allzeit erreichbar sind in der digitalen Parallelwelt. „Virtueller Raum“ – welch herrlich altmodischer, romantischer Begriff für das Universum unserer total überwachten Kommunikation.

Arbeit im Urlaub und umgekehrt

Man unterstellte Marissa Mayer schnöde Kontrollambitionen. Ich kann dieses Arbeitgeberbedürfnis verstehen. Kann ja jeder sagen, er hätte „recherchiert“, während er in echt seinen Garten umgegraben, Obst eingekocht oder einfach mit Freunden Kaffee getrunken hat. Ich zum Beispiel habe während meines Urlaubs auch mindestens jeden zweiten Tag meine Büromails gelesen, beantwortet, gelöscht.

Die Buchverlage schicken ihre Vorschauen längst als PDF-Datei, oft wunderschön und verspielt aufbereitet, so dass es eine wahre Freude ist, sie zu studieren. Bei einigen raschelt es sogar, wenn man mit einem sanften, jeder Produktivität abholden Wischen über den handtäschchenkompatiblen Minibildschirm eine Seite „umblättert“.

Aber je größer der räumliche und zeitliche Abstand von der konkreten Bürozelle wurde, desto mehr Informationen erschienen mir entbehrlich. Das Filmfestival in Durban hat ein neues künstlerisches Konzept; die Venedig Biennale wird im nächsten Jahr von Okwui Enwezor kuratiert; eine Aktivistengruppe aus Istanbul bezieht eine neue Galerie; der erste Weltkrieg ist der Sachbuchbuchtrend… Schön, ja und?

Wo gibt’s den besten Eiskaffee?

Je weiter weg vom Schuss, und je interessanter dieser wurde, desto wichtiger wurden so existenzielle Fragen wie: Wo gibt’s den besten Eiskaffee; soll ich die Insel links oder rechts herum dorthin spazieren; ist es vielleicht schon Zeit für einen Sundowner? Und abgesehen davon, was ist überhaupt mit der gesetzlich geregelten Arbeitnehmerpflicht, in Urlaub, Freizeit, ganz zu schweigen von krankheitsverordneten Rekonvaleszenzzeiten, die eigene Produktivkraft zu regenerieren? Dazu muss man das Geschirr ausspannen von der Eingespanntheit im Arbeitsalltags. Und wer sagt eigentlich, dass man beim Einkochen nicht die besten Gedanken auskochen kann?

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de