Es lief bereits die dritte Minute der Nachspielzeit, es bestanden keinen Zweifel mehr daran, dass die französische Nationalmannschaft das Luschniki-Stadion in Moskau mit dem zweiten WM-Titel nach 1998 verlassen würde, als es noch einmal eine Szene gab, die vor dem Turnier gut als Symbolbild hätte herhalten können.
Die Franzosen hatten einen Freistoß auf der linken Seite. Kylian Mbappé brachte den Ball in die Mitte, wo Paul Pogba stand, völlig unbewacht, die Kroaten hatten ihren Strafraum längst aufgegeben. Pogba hätte den Ball stoppen können, er hätte Torwart Danijel Subasic ausgucken und dann einschieben können. Stattdessen war der 25 Jahre alte Mittelfeldspieler mit den Gedanken wohl schon bei der Pokalübergabe. Er trat ein formschönes Luftloch in den warmen Abendhimmel, die Chance war vorbei.
Pogba steht in dem Ruf, immer ein bisschen lässig, immer ein bisschen arrogant und immer ein bisschen sorglos unterwegs zu sein, er gilt einigen Fachleuten als der überschätzteste Profi im Weltfußball, und bis vor kurzem hätte sich das Luftloch von Moskau wunderbar geeignet, um diese These zu illustrieren. Doch in der Gegenwart ist es eben so, dass sein Missgeschick einfach nur das war: ein Missgeschick.
Gute Argumente
Es hatte keine Aussagekraft und wird in der Nachbetrachtung des Endspiels im ganz, ganz Kleingedruckten verschwinden. Das hat mehrere Gründe. Erstens gewannen die Franzosen ja auch so. Zweitens hatte auch Pogba daran großen Anteil mit seinem Treffer zum vorentscheidenden 3:1 in der 59. Minute. Und drittens hat er bei der WM ganz grundsätzlich gute Argumente dafür geliefert hat, dass er vielleicht doch nicht der überschätzteste Spieler des Planeten ist.
Pogba hat in Russland endlich die hohen Erwartungen erfüllt, die an ihn gestellt werden, seitdem er bei der WM vor vier Jahren zum besten Jungprofi gewählt worden war und im Sommer 2016 für die damalige Rekordsumme von 105 Millionen Euro von Juventus Turin zu Manchester United gewechselt ist. Die Veranstaltung in Russland sollte zeigen, ob Pogba ein großer Spieler ist. Und auch wenn er im Schatten seiner Kollegen Antoine Griezmann oder Mbappé stand, der Pogbas Nachfolger als bester junger Spieler wurde, so hat er bei dem Turnier den Nachweis erbracht: Er ist es. Er ist ein großer Spieler. Damit hat er auch die eigenen Fans überzeugt. Vor der WM hatten sie Pogba noch ausgepfiffen bei einem Testspiel gegen Italien.
Und jetzt? Hatte er großen Anteil am Titel. Das ging schon im ersten Spiel los. Pogbas abgefälschter Schuss führte zum Start gegen Australien zum 2:1-Siegtreffer und brachte die Franzosen auf Kurs für den weiteren Verlauf des Turniers. Beim rauschenden 4:3 gegen Argentinien im Achtelfinale ermöglichten seine Pässe erst die Hochgeschwindigkeits-Läufe des Mitspielers Mbappé. Beim 1:0 im Halbfinale gegen Belgien verdiente sich Pogba ein Sonderlob von Didier Deschamps. „Paul war fast überall, nicht nur im Angriff, sondern auch in der Abwehr“, sagte der Trainer und stellte fest, dass Pogba „innerhalb der Mannschaft gewachsen“ sei.
Basisarbeit im Mittelfeld
Im Finale von Moskau, auf der größten Bühne des Weltfußballs, war zu sehen, was Deschamps damit meinte. Pogba erledigte viel Basisarbeit, er sicherte das Mittelfeld, gewann Zweikämpfe und spielte viele gute Pässe. Insgesamt registrierte der Daten-Dienstleister der Fifa 390 Aktionen von Pogba. Die beste hatte er bei seinem Treffer. Es war ein besonderer Treffer, wegen seiner Bedeutung natürlich, aber auch von seiner Beschaffenheit. Er gehörte von vorne bis hinten Pogba.
Er leitete das Tor selbst ein mit einem dieser weiten Pässe auf den rechten Flügel. Mbappé flankte in die Mitte, über Griezmann kam der Ball zu Pogba an der Strafraumkante. Sein erster Versuch mit rechts wurde noch geblockt. Die Zeit schien stehen zu bleiben in dem Moment, in dem er ein zweites Mal Maß nahm. Dann schlenzte er den Ball mit links ins linke Eck und krönte damit seine starke Vorstellung, in diesem Finale und bei der WM.
Bei den Feierlichkeiten nach Schlusspfiff wirkte Pogba so unbeschwert, wie ihn auch die Fans seines Klubs Manchester United gerne öfter sehen würden. Er zeigte seine Posen mit dem WM-Pokal und stand vor der französischen Fankurve, mit der Hand klopfte er sich immer wieder auf die Brust. Ihm schien klar zu sein, dass er jetzt anders wahrgenommen werden dürfte als vorher. Dass er in Russland etwas bewiesen hatte.
Aber er wird weiter unter kritischer Beobachtung stehen. Er muss jetzt auch im Verein zeigen, dass er den Ruf als überschätztester Spieler der Welt zu Unrecht trägt. Und, das steht schon jetzt fest: an einen Weltmeister sind die Erwartungen noch einmal höher.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de