Pleiten-Serie beendet

1. FC Union besiegt Spitzenreiter Fortuna Düsseldorf

Erst lag Fortuna in Führung, doch dann kamen Berlins Skrzybski und Polter zum Zug.

Mathias Bunkus
5 Min
Gefühlswallungen im Überfluss: Am Ende wendet sich am Sonnabend in Köpenick alles zum Guten. 

Gefühlswallungen im Überfluss: Am Ende wendet sich am Sonnabend in Köpenick alles zum Guten. 

© Matthias Koch

Die inmitten des tosenden Lärms laut vernehmbare Stimme duldete keinen Widerspruch. „Ein Jahrhundertspiel, ach was, ein Jahrtausendspiel.“ Kecken Blickes musterte er die Pressetribüne. Ein stummes „Schreib das auf, Kisch“, schwebte unausgesprochen durch die Alte Försterei. Schreib! Das! Auf! Bernhard, Dauerkartenbesitzer in Block C2, der sich trotz seiner Gehhilfen seit Jahren kein Union-Heimspiel entgehen lässt, neigt im Überschwang der Gefühle schon mal ein wenig zur Übertreibung. Wenngleich dieses Spiel am frühen Sonnabendnachmittag natürlich schon etwas Besonderes war.

„Wir haben heute nicht alles richtig gemacht wie wir in den Wochen zuvor nicht alles falsch gemacht haben“, ordnete André Hofschneider die Partie vergleichsweise nüchtern ein, die ihn im sechsten Anlauf endlich siegen ließ. Aber man muss ein wenig Nachsicht mit Bernhard haben. Nach Wochen der Tristesse und womöglich einem bevorstehenden Abstiegskampf den souveränen Zweitliga-Spitzenreiter Düsseldorf mit 3:1 (0:1) geschlagen zu haben, da können die Gäule schon mal leicht mit einem durchgehen.

Gefühlswallungen im Überfluss

Zumal Bernhard ein sehr emotionaler Mensch ist. Jeder ausbleibende Pfiff für seine Eisernen ist ihm ein weithin schallendes „Skandal“ wert. Wenn die Schiedsrichter seiner regelmäßigen Forderung nach persönlichen Strafen für Unions Gegner („Ne Karte, ich will ne Karte“) Folge leisteten, müssten die Köpenicker Spiele immer gegen fünf oder sechs Mann beenden.

Aber das Spiel bot ja Gefühlswallungen im Überfluss. Genug Emotionen für ein halbes Dutzend Kicks zusammen. Fing mit der Verabschiedung von Damir Kreilach an. Die Fans konnten sich gar nicht bis zur Halbzeit gedulden. Schon nach 20 Minuten donnerten erstmals die Rufe nach dem scheidenden Mittelfeldspieler von den Rängen.

Tore von Steven Skrzybsk und Sebastian Polter

In der Pause bei der Überreichung des Blumenstraußes flossen Tränen bei dem an sich nicht nah am Wasser gebauten Kroaten, der sich nach 149 Ligaspielen und 33 Toren zu Real Salt Lake City in die Major League Soccer verabschiedete. Am Ende wurde er von seinen Kollegen durch die Luft geworfen. Da hatte sich ein Fußballspiel, das nach 40 Minuten einen Unheil verheißenden Lauf zu nehmen schien, zum Guten gewendet.

Freude über das Elfmetertor zum 1:1 Ausgleich: Unions Torschütze Steven Skrzybski (l) und Sebastian Polter.

Freude über das Elfmetertor zum 1:1 Ausgleich: Unions Torschütze Steven Skrzybski (l) und Sebastian Polter.

© dpa

Der Rückstand durch Florian Neuhaus, resultierend aus dem einzigen Düsseldorfer Angriff vor der Pause (40.), war nicht wie in den letzten Wochen ein K.-o.-Schlag für die Psyche der Hausherren. Mit Wucht und Verve wurde die Partie umgebogen durch Tore von Steven Skrzybski per Handelfmeter (67.) und Sebastian Polter, der schnell reagierte (71.), als Akaki Gogia schon am Gesäß des auf der Linie stehenden Düsseldorfers Kaan Ayhan verzweifeln wollte.

„In manchen Szenen von der einen Seite aber auch ein bisschen zu emotional“

Doppelschlag binnen vier Minuten! Partie gedreht. Skrzybskis zehntes Saisontor war in der Nachspielzeit (90.+1) nur das Sahnehäubchen gegen eine wenig spitzenreiterlich auftretende, dafür aber jede Gelegenheit zu Nickligkeiten und Rangeleien wahrnehmende Fortuna.

Auch Friedhelm Funkel gab zu, ein turbulentes Spiel gesehen zu haben. „In manchen Szenen von der einen Seite aber auch ein bisschen zu emotional“, meinte der Fortunen-Trainer. Dass er dazu seinen Teil gehörig beitrug, verschwieg er geflissentlich. Höhepunkt war dabei, dass der 64 Jahre alte Fußballlehrer einen sich noch im Spiel befindlichen Ball vor einem heranstürmenden Unioner wegspitzelte. Später entschuldigte er sich damit, er habe gar nicht mitbekommen, dass er im Feld gestanden hätte.

„Die Fans waren heute sicher ein bisschen auch das Zünglein an der Waage"

Union kämpfte geschlagene 90 Minuten lang. Ersatzgeschwächt, denn ein Grippevirus hatte Toni Leistner und Marcel Hartel kurzfristig außer Gefecht gesetzt. Der Glaube und der Wille ließen Fortuna chancenlos werden. „We killed them“, brach es mehrfach aus Simon Hedlund heraus, was martialischer klang, als er es gemeint hatte. Es war mehr Ausdruck der kollektiven Erleichterung.

Düsseldorfs Rouwen Hennigs (l) gegen Unions Michael Parensen. 

Düsseldorfs Rouwen Hennigs (l) gegen Unions Michael Parensen. 

© dpa

Trainer Hofschneider machte ebenfalls Willen und Emotionen als Vater des Sieges aus: „Die Fans waren heute sicher ein bisschen auch das Zünglein an der Waage, weil sie honoriert und wahrgenommen haben, was die Mannschaft gegeben hat und sich nicht nur am Ergebnis orientiert haben.“

Zeichen für das Aufstiegsbegehren

Und so endete ein Woche, die Arges befürchten ließ, vergnüglich auf Rang sieben und einem gar nicht so groß erscheinenden Rückstand nach oben. Wohin aber keiner schielen mag. „Ich lasse die Felge jetzt lieber zu Hause“, hatte ja auch Bernhard vor Wochen schon verkündet.

Seine mit rot-weißen Bändern geschmückte Radkappe als Sinnbild für die im Volksmund Felge genannte Meistertrophäe in Liga zwei hatte er stets als Zeichen für das Aufstiegsbegehren der Köpenicker dabei. Jetzt war ihm wichtiger, Luft zwischen sich und die niederen Ränge gebracht zu haben.

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