Berlin-Fragebogen

Helge Mark: „Berlin passt im heutigen Deutschland noch weniger ins gewünschte Weltbild“

Helge Mark ist TikTok-Star, bekannt für pointierte Parodien. Nach Berlin kam der 32-Jährige über Umwege – und empfindet einige Debatten über die Stadt als künstlich aufgeblasen.

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Lieber Berlin als Salzgitter: Helge Mark schätzt die große, weite Welt.

Lieber Berlin als Salzgitter: Helge Mark schätzt die große, weite Welt.

© Imago

Mit seinen Parodien und seinem außergewöhnlichen Look sorgt Helge Mark nicht nur auf Social Media für Aufsehen. Der Schauspieler, Entertainer und Comedy-Creator erreicht ein Millionenpublikum, wenn er in verschiedene Rollen schlüpft, wenn er Filme, Prominente oder gesellschaftliche Phänomene pointiert aufs Korn nimmt.

Als Schauspieler kann man den vielseitigen Künstler demnächst in der Serie „München Beats“ sehen, die inspiriert von wahren Begebenheiten und angesiedelt im München der 1990er-Jahre die Geschichte zweier Familien erzählt, deren Schicksale eng mit der Schließung der Pfanni-Fabrik und der Entstehung des legendären Partyareals „Kunstpark Ost“ auf dem ehemaligen Werksgelände verbunden sind.

Privat ist Helge Mark indes nicht in Bayern, sondern in Berlin zu Hause – und das uneingeschränkt gern, wie unser Fragebogen zeigt.

1. Herr Mark, Sie sind 1994 in Lüneburg zur Welt gekommen. Wann und warum hat es Sie nach Berlin verschlagen?

Mich hat die große, weite Welt schon immer fasziniert. Tatsächlich hat es mich aber vorher nach Salzgitter verschlagen. Was weniger an der Stadt, sondern mehr am Studienwunsch lag. Dort wurde ich mit einem Notendurchschnitt von 2,1 für den Studiengang Medienmanagement angenommen. Alles, was mit Medien zu tun hatte, war heiß begehrt, daher hat es für mich nur für Salzgitter, oder „Salzghetto“, wie wir es nannten, gereicht.

Das war natürlich eine sarkastische Übertreibung. Aber die Stadt hatte nur einen Club und keine Bars. Es wirkte eher wie eine Ansammlung von Dörfern. Kein Ort für mich. Medienmanagement war bereits mein Plan B, nachdem ich an mehreren Unis für meinen Traum-Studiengang „Musical“ abgelehnt wurde. Im zweiten Semester Medienmanagement habe ich es dann nochmal in Berlin versucht und wurde angenommen. Ich war so glücklich, dieses aufregende neue Kapitel in meinem Leben anzugehen. Musical studieren – und dann auch noch in der Hauptstadt Berlin – hat sich für mich surreal schön angefühlt.

2. Das erste Mal in der Hauptstadt – wie war das für Sie?

Das erste Mal war ich dort, um eine Freundin zu besuchen, die nach der Schule einfach so nach Wedding gezogen war. Das war noch vor meinem Musical-Studium. Die Stadt hat mich mit ihrer ungezwungenen, freien Aura sofort in den Bann gezogen.
Was mir am meisten imponiert hat, ist das Level an Vielfalt. Als junger, schwuler Mann hab ich mich sofort gut aufgehoben gefühlt. Ich dachte: Hier kann ich ganz ich sein!

3. In welchen Stadtteilen haben Sie gewohnt und wo sind Sie schließlich gelandet und geblieben? 

Meine erste WG war in Wilmersdorf – dicht dran an meiner Uni. Im ersten Jahr waren unsere Unterrichtszeiten montags bis freitags von 10 bis 22 Uhr. Was mich nicht davon abgehalten hat, auch am Wochenende in die Uni zu gehen, um meine Lieder und Monologe für die nächste Woche zu üben. Von meiner Wohnung waren es nur fünf Minuten zur Uni. Trotzdem war ich oft ein paar Minuten zu spät. Man kennt’s aus der Schule: Die, die dicht dran wohnen, kommen immer als letztes.


Ich habe mich in Wilmersdorf immer sehr wohlgefühlt. Auch nach meiner Hochschulzeit bin ich im Westen geblieben und zu meinem Partner Christian nach Friedenau gezogen. Unsere Wohnung ist sehr gemütlich und hat einen wunderschönen Ausblick.
Ich kann mir gut vorstellen, in der Gegend zu bleiben. Friedenau läuft bei vielen Berlinern unterm Radar und wird total unterschätzt. Es hat schöne Altbauten, ist grün – und, wie der Name schon sagt, sehr friedlich, ruhig und trotzdem gut angebunden.
Ich finde, es ist einer der authentischsten und ehrlichsten Stadtteile.

Zur Person
Ronny Heine/Filmfest München

Zur Person

Helge Mark studierte von 2014 bis 2018 Musiktheater an der Universität der Künste Berlin. Bereits während seiner Studienzeit stand er auf renommierten Bühnen wie dem Theater Chemnitz und dem Theater des Westens. Er wirkte in TV-Produktionen mit, spielte Hauptrollen in den Serien „Wir sind jetzt“ und „BRÜT“. 2020 entstand während eines Musikvideodrehs sein erstes virales TikTok-Video. Inzwischen hat er zahlreiche Auszeichnungen gewonnen. Die Serie „München Beats“ mit ihm ist ab sofort in der ZDF-Mediathek zu sehen, oder am 26. und 27. August zur Prime-Time im ZDF.

4. Für viele junge Leute, die nach Berlin wollen, ist die Wohnungssuche die größte Herausforderung. Wie war das bei Ihnen?

Ich bin 2014 nach Berlin gezogen und habe miterlebt, wie die Mieten in die Höhe stiegen und Wohnraum immer knapper wurde. Es ist absurd und ich frage mich oft, wie sich das einkommensschwächere Haushalte mit Kindern noch leisten können. Ich sehe die Wohnungsknappheit als einen der drängendsten Missstände in Deutschland, der aus meiner Sicht deutlich mehr Aufmerksamkeit braucht.

5. Als Comedy-Creator haben Sie bei TikTok stolze 1,5 Millionen Follower. Wie oft ist Berlin (oder die Berliner) Thema Ihrer Parodien?

Da ich mich an ein Mainstream-Publikum richte, ist Berlin nur ein Side-Character. Ich habe auch schon den typischen Hipster parodiert, der spät aufsteht, nachdem er im Berghain war, und nachmittags um 16 Uhr frühstücken geht. Die Phase hab ich allerdings jetzt hinter mir.

6. Auf Social Media wird sehr viel über Berlin geschimpft. Die Stadt habe sich in den vergangenen Jahren zum Negativen verändert, sei dreckiger und aggressiver geworden. Wie nehmen Sie diese Debatten wahr?

Ich glaube, diese Debatte wird zum großen Teil künstlich aufgeblasen.
Das hat, denke ich, auch etwas mit der Gesamtentwicklung im Land zu tun. Das Bedürfnis nach Sicherheit und Ordnung steigt. Die wirtschaftliche Lage ist angespannt, Klimakatastrophen mehren sich, Menschen können ihren Lebensstandard nicht mehr aufrechterhalten.

Die AfD macht sich das zunutze, ohne am Ende wirklich konstruktive Ideen zu liefern. Aber das betrifft ganz Deutschland. Berlin war schon immer anders. Frei, kreativ, aber auch chaotisch und hard to handle. Ich will nicht sagen, dass die Kritik über bestimmte Dinge nicht gerechtfertigt ist. Es gibt ganz klar Probleme. Ich glaube nur, dass Berlin im heutigen Deutschland noch weniger ins gewünschte Weltbild passt und viel an Unmut an der Stadt abgeladen wird. Ich bleibe stolzer Berliner.

7. Was nervt Sie dennoch an der Stadt – und was heitert Sie wieder auf?

Mich nervt, dass ich oft ewig brauche, um irgendwo anzukommen, was es manchmal schwierig macht, Beziehungen aufrechtzuerhalten. Dafür habe ich meinen Kiez, in dem ich mehr und mehr Menschen kenne. Ich liebe nach wie vor die Diversität und das große Angebot an Möglichkeiten. Mich heitern ein Sommertag am Schlachtensee, ein Kinoabend im Zoopalast, dem schönsten Kino Deutschlands, die große Auswahl an Restaurants und Cafés direkt in meiner Umgebung auf. Gerne auch ein Schampus im KaDeWe, haha!

Außerdem finden in Berlin die meisten Branchenevents statt. Premieren, Influencer-Events, Partys und Konzerte. Hier spielt sich fast alles ab, und dank meines Berufs darf ich mittendrin sein.

8. Welcher ist Ihr Lieblingsort in der Stadt?

Meinen absoluten Lieblingsort in meiner Nähe behalte ich für mich.
Ich liebe aber auch den Nollendorfkiez.

9. Ihre persönliche No-go-Area? 

Ich denke, man kann überall was Spannendes entdecken. In Spandau habe ich das jedoch noch nicht geschafft ...

10. Ein Abend mit Freunden – in welchem Restaurant wird reserviert?

Taverna Kreta Minotaurus in der Maaßenstraße.
Sehr ursprünglicher und authentischer Familienbetrieb mit leckerer griechischer Küche.

11. Einkaufen in der Stadt: In welchem Laden kennt Ihre Kreditkarte kein Limit?

Oh, da habt ihr mich! Ich geh selten shoppen. Aber wenn, dann oft exzessiv. WRSTBHVR, Lacoste, Adidas und sämtliche Vintage-Läden.

12. Wie sieht Ihr perfektes Wochenende in Berlin aus – vom ersten Kaffee am Morgen bis zum letzten Drink in der Nacht?

Ich bin sehr viel auf Achse, ich liebe die Aufregung. Umso mehr freue ich mich auf ein entspanntes Wochenende. Auf jeden Fall ausschlafen! Dann Tagebuch führen und lecker frühstücken in meinem liebsten Café mit meinem Schatz, eventuell auch ein bis zwei Freunden. Am Nachmittag vielleicht ’ne Aktivität, ansonsten chillen und Me-Time. Abends lecker essen gehen mit Freunden und den Abend bei einem Drink ausklingen lassen.
Am Sonntag dann vielleicht ein Ausflug in die Natur an den See und abends Pärchen-Quality-Time auf der Couch.

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