Literaturnobelpreisträgerin

Herta Müller und die gestohlene Lebenszeit

Die Literaturnobelpreisträgerin wird 70. Warum sie schreibt, beantwortet sie auch in ihrem jüngsten Buch „Eine Fliege kommt durch einen halben Wald“.

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Herta Müller, Literaturnobelpreisträgerin aus Berlin, fotografiert im Schloss Neuhardenberg

Herta Müller, Literaturnobelpreisträgerin aus Berlin, fotografiert im Schloss Neuhardenberg

© dpa-Zentralbild

Die Nachricht, dass Herta Müller den Nobelpreis für Literatur erhalte, war im Oktober 2009 noch ganz frisch, als die in Berlin lebende Schriftstellerin einer Einladung ans Literaturinstitut Leipzig folgte. Statt eine Vorlesung im Rahmen der Reihe „Schreibwesen der Gegenwart“ zu halten, stellte sie sich dem öffentlichen Gespräch mit dem Dichter Michael Lentz.

Er begann mit der größten Frage für einen Autor überhaupt: „Warum schreiben?“ Herta Müller antwortet recht knapp, sie wusste ja, das Gespräch werde dauern, sagte dabei: „Beschäftigungen fangen uns auf, Arbeiten gibt Halt.“

Diese Frau, eine der meist beachteten Schriftstellerinnen der Gegenwart, deren hochpoetisches Werk zugleich hoch politisch gelesen werden kann, spricht hier über ihr Schreiben wie über eine Ablenkung. Ihren biografischen Erzählungen zufolge hat es tatsächlich so begonnen: Nach dem Studium der Germanistik und Romanistik in Temeswar arbeitete die am 17. August 1953 in einer deutschsprachigen Enklave im rumänischen Nitzkydorf zur Welt Gekommene ab 1976 als Übersetzerin in einer Maschinenfabrik, wo man sie schikanierte, als sie nicht für die Securitate spitzeln wollte.

Lebensangst und Worthunger

Weil man ihr das Büro entzog und auch keine Aufträge mehr gab, saß sie auf der Treppe, nur mit dem Taschentuch als Polster, und wartete. Um etwas zu tun zu haben, begann sie zu schreiben: über das Dorf, in dem sie aufwuchs, den Vater, der bei der SS war, über die in einem Arbeitslager gebrochene Mutter. 1979 wurde Herta Müller aus der Fabrik entlassen, jobbte zeitweise als Lehrerin und veröffentlichte 1982 ihr erstes Buch, die Kurzgeschichten „Niederungen“.

Später in dem Leipziger Gespräch, das 2010 in der Edition Suhrkamp unter dem Titel „Lebensangst und Worthunger“ erschienen ist, markiert sie den Unterschied zwischen der Alltags- und der literarischen Sprache, wie sie ihn erlebt. Das Leben selbst brauche die praktische Mitteilung. „In die Gesetze der Fiktion gerät man erst im Nachhinein, weil das Erlebte im Kopf gespeichert ist und wuselt. Erst im Danach habe ich Zeit und Luft, mich dem Realen imaginär zu stellen.“

In ihrem jüngsten Buch, dem Ende Juli erschienenen Band „Eine Fliege kommt durch einen halben Wald“ mit bisher nicht oder nur verstreut veröffentlichten Texten, geht Herta Müller wiederum auf den Zusammenhang zwischen Leben und Schreiben ein. „Ich lebte über dreißig Jahre in der Diktatur Ceausescus, bis ich 1987 nach Deutschland kam. Von dort habe ich so viel gestohlene Lebenszeit mitgebracht, dass ich diese bis heute zurückstehlen muss, indem ich davon erzähle.“

Das Zitat stammt aus der Dankesrede zur Verleihung des Ordens Pour le mérite im Juni 2022. Sie sagte da auch, sie schreibe gegen die „komplette Niederlage der eigenen Person bei jedem Verhör“ an. Das ging zum Beispiel so: „Der Vernehmer sagte: Was glaubst du, wer du bist. Ich sagte: Ich bin ein Mensch wie Sie. Darauf sagte er: Das glaubst du. Wir bestimmen, wer du bist.“ Sie wurde zum Staatsfeind, weil sie die Zusammenarbeit verweigerte, sie wurde willkürlich zu Verhören bestellt oder „von unterwegs mitten aus der Stadt abgefischt“. Da sie nie wusste, ob sie danach im Gefängnis landen würde, trug sie stets eine Zahnbürste bei sich. Das Utensil verschwand im Westen aus ihrer Handtasche. Darauf verzichten zu können, bedeutete, Freiheit zu erfahren.

Das Glück der Demokratie

Jene Rede endet damit, was für ein Glück das Leben in einer Demokratie sei. Viele Reden und Interviewaussagen der Schriftstellerin, die am Donnerstag ihren 70. Geburtstag feiert, enthalten solch ein Lob oder gar einen Hinweis auf die Gefährdung der Demokratie. Herta Müller ist Schirmherrin der Stiftung Exilmuseum in Berlin, deren Arbeit in der Werkstatt in der Fasanenstraße öffentlich sichtbar ist. Es geht um die Erinnerung an Hunderttausende, die von den Nationalsozialisten aus Deutschland vertrieben wurden, und um jene, die heute in Deutschland Schutz suchen: „Das Risiko der Flucht, das verstörte Leben in der Fremde, Armut, Angst und haltloses Heimweh. All das erleben Menschen bis heute jeden Tag. Umso wichtiger ist es, den Inhalt des Wortes Exil begreifbar zu machen“, wird sie auf der Website der Stiftung zitiert.

Gerade erst an diesem Montag wurde bekannt, dass Herta Müller sich zusammen mit anderen prominenten Künstlern wie Elfriede Jelinek und Salman Rushdie in einem offenen Brief an den belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko für Maria Kolesnikowa und andere verschwundene politische Gefangene einsetzt. „Wir schauen auf Belarus und werden nicht aufhören zu fragen: Wo sind diese Menschen geblieben?“, heißt es im Text.

Das Buch „Der König verneigt sich und tötet“, 2003 erschienen, bietet die 200 Seiten umfassende Antwort auf die in Leipzig gestellte Frage „Warum schreiben?“. Ihr komme das Schreiben immer „als Gratwanderung vor zwischen dem Preisgeben und Geheimhalten“, was sich aber nicht nur auf Biografisches beziehe, sondern auch auf das Erfinden. Sie gibt damit eine wunderbare Erklärung für die Wirkung von Literatur: „Die Hälfte von dem, was der Satz beim Lesen verursacht, ist nicht formuliert. Diese nichtformulierte Hälfte macht den Irrlauf im Kopf möglich, sie öffnet den poetischen Schock, den man als Denken ohne Worte gelten lassen muss. Oder man sagt dazu: Gefühl.“

Wer ihre kurze Prosa oder ihre frühen Romane wie „Reisende auf einem Bein“ oder „Der Fuchs war damals schon der Jäger“ gelesen hat, wird schon diese zusätzliche Dimension zu schätzen gewusst haben, die Herta Müller durch ihre Art des Schreibens erschafft. Noch mal deutlicher zu erleben ist das mit dem grandiosen Roman „Atemschaukel“, der aus dem Inneren eines Arbeitslagers in der Sowjetunion erzählt. Die Erfahrung von Hunger, Angst, Heimweh, Verwahrlosung drückt sich in einer Sprache aus, die über das Formulierte hinaus eine immense Wirkung auf den Leser, die Leserin hat.

Collagen wie Erpresserbriefe

Eine ganz andere Art des Umgangs mit den Zwischenräumen pflegt Herta Müller mit den Texten, die sie aus Wörtern zusammensetzt, die sie aus Katalogen, Zeitschriften, Werbeprospekten und anderen Druckerzeugnissen ausschneidet. Vom „Schreiben mit der Schere“ spricht die Autorin selbst, da klingt ein bisschen die eingangs erwähnte „Beschäftigung“ heraus. Diese Collagen erinnern einerseits an Erpresserbriefe aus dem vorigen Jahrhundert, wirken andererseits durch Farbigkeit und Vielfalt der Schriften wie grafische Kunstwerke. Ein mal absurder, mal böser Witz tritt einem aus vielen dieser Kleb-Schnipsel-Seiten entgegen. Das jüngste Beispiel „Der Beamte sagte“, ist sogar eine 160 Seiten lange Erzählung. Und da findet sich auch ein altes Motiv wieder: „Am Stadtpalais war die Fahne drapiert wie ein halber Vorhang. Wir liefen ewig müd monatelang aus Angst vor Verhaftung mit der Zahnbürste in der Tasche herum.“

Herta Müller: Der Beamte sagte. Hanser-Verlag, München 2021. 164 Seiten, 24 Euro
Herta Müller: Eine Fliege kommt durch einen halben Wald. Hanser Berlin, Berlin 2023. 128 Seiten, 24 Euro

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