Hertha BSC

Sebastian Langkamp - ein Mann für gewisse Minuten

Mittwoch spielt Herthas Abwehrmann seine 10.000 Bundesligaminute. Ein Karriereticker.

Paul Linke
7 Min
Sebastian Langkamp ist gegen München am Mittwoch, dem 21. September 2016, Herthas Abwehrchef.

Sebastian Langkamp ist gegen München am Mittwoch, dem 21. September 2016, Herthas Abwehrchef.

© picture alliance / dpa

Fußballerkarrieren sind auch nur Wege, die parallel verlaufen, sich gabeln, wieder kreuzen. So wie an diesem Mittwochabend in der Münchener Arena. Als Mats Hummels noch in der Jugend des FC Bayern spielte, war Sebastian Langkamp mal sein Kapitän. Hummels wurde befördert, verkannt, ging nach Dortmund, wurde Meister, Weltmeister, Weltstar, Sternchengatte und kehrte wieder zurück nach München. Sein Weg führte schnell und steil nach oben. Bei Langkamp ging es, obwohl flacher, auch etwas langsamer voran. Über Hamburg, Karlsruhe und Augsburg kam er trotzdem in Berlin an. Er ist Mittwoch Herthas Abwehrchef. Und 10.000 Bundesligaminuten liegen hinter ihm. Ein Karriereticker.

1. Minute

Keine Chance! Sein erstes Mal Bundesliga hat Langkamp spät, erst mit 21. Als Innenverteidiger für den Karlsruher SC. Zuvor war er in der Jugend des FC Bayern, im Profikader des Hamburger SV, aber immer sind andere schon besser. Sie heißen Mats Hummels und Vincent Kompany. Bevor Langkamp viele Karriereschritte nach vorne macht, macht er erst mal einen zurück. Und dann trifft er gleich auf Mario Gómez. Über sein erstes Bundesligaspiel – 2:0 daheim gegen den VfB Stuttgart – sagt Langkamp: „In den Zweikämpfen hatte ich keine Chance. Ich war noch nicht so athletisch wie heute." In einem Spielbericht vom 1. März 2009 steht: „Sie spielten so, als hätten sie nie etwas anderes gemacht.“

Der andere Debütant heißt Georg Niedermeier. Dass Langkamp überhaupt im Kader ist, hat er einer Eingebung seines damaligen Trainers Ede Becker zu verdanken. Am Morgen vor dem Spiel fragt der am Telefon: „Hast du deine Sachen dabei?“ Es gibt keinen Grund. Kein Innenverteidiger ist verletzt. Ein paar Stunden später  – 15.31 Uhr –  bringt Langkamp seinen ersten Bundesligaquerpass sicher an den Mann.

702. Minute

Einfach drauf! Zum ersten Mal ein bisschen berühmt ist Langkamp 701 Bundesligaminuten später. Aus der Sportschau vom 25. April 2009: „Es war kein Angriff, es war kein Torschuss, aber es war das 1:0 für den KSC – eine Grätsche aus dem Mittelkreis.“ Aus 46,5 Metern! Es ist ein Tor, wie es nur vom Abstieg bedrohte Mannschaften schießen. Langkamp denkt nur: „Komm, der geht irgendwo hin.“ Also steht er wieder auf, dreht sich zum eigenen Torwart, und erst, als dieses seltsame Raunen in einen seligen Jubel übergeht, weiß er Bescheid.

So gar nicht Bescheid weiß Leverkusens etwas zu weit aufgerückter René Adler. Bei der Wahl zum Tor des Monats landet Langkamps Torgrätsche nur knapp hinter einem Hackentreffer von Wolfsburgs Grafite gegen die Bayern. Noch heute bekommt Langkamp Youtube-Links zugeschickt. Die Clips sind überschrieben mit: „Traumtor“, „crazy goal“, oder „this is how to tackle“.

998. Minute

Ich treffe den Ball! Jetzt sieht Langkamp erstmals Rot. Er spielt inzwischen für den von Jos Luhukay trainierten FC Augsburg. Das Spiel gegen Hertha BSC ist sein erster Auftritt in der Startelf, und nur vier Minuten fehlen ihm zur vollen Einsatzprämie. Doch plötzlich läuft ein Konter und ihm Raffael vor die Beine. Langkamp sagt: „Ich treffe nur den Ball.“ In einem Livetickerauszug vom 17. September 2011 heißt es: „Kurz vor der Strafraumgrenze kommt der Innenverteidiger mit einem Tackling angerauscht. Zwar trifft Langkamp vor allem den Ball, Schiedsrichter deutet die Aktion aber als Notbremse. Rot!“ Das Sportgericht des DFB deutet die Situation anders. Langkamp, der schon früh lernt, dass eine Grätsche nur die allerletzte Waffe eines Verteidigers sein darf, bekommt nur ein Spiel Sperre. „Ich bin echt ein fairer Spieler.“ Ein zweites Mal glatt Rot sieht er nicht mehr. Ein Mal nur Gelb-Rot. Insgesamt 24 Mal Gelb. „Einige waren unberechtigt.“ Wie die erste nach einem harmlosen Foul gegen den Bremer Diego.

2517. Minute

Keine Schraube locker! Langkamp muss zum ersten Mal verletzungsbedingt  raus. „Pablo Guerrero gibt Langkamp im Zweikampf einen Schubser mit, so dass Augsburgs Innenverteidiger mit Vollgas auf die Ersatzbank zusteuert und mit dem Gesicht gegen das Dach knallt“, heißt es in einem Liveticker vom 5. Mai 2012. Mit einer Platzwunde wird Langkamp beim Sieg gegen Hamburg ausgewechselt. Er sagt: „Ich bin bislang ganz gut verschont geblieben.“ Die beste Spielvorbereitung ist für ihn ein guter Physiotherapeut. Sieht man von einigen Rissen und Anrissen von Fasern, Sehnen und Bändern im Oberschenkel, Mittelfinger (bis heute etwas krumm) und Sprunggelenk ab, und zählt eine Leistenoperation und einen Fersenbeinbruch nicht dazu, dann hat er recht. Als er neulich im Training einen Schlag auf den Fuß bekommt, sagt Langkamp nur: „Alle Schrauben sind noch an Ort und Stelle.“ Verletzungsbedingt verpasst hat er etwa 3200 Bundesligaminuten.

5939. Minute

Mit der Hacke! Sein erstes Spiel für Hertha ist ein Stadionfest. Langkamp sagt: „Wir haben uns angeschaut und wussten gar nicht, was passiert.“ Passiert ist ein 6:1 gegen Eintracht Frankfurt am ersten Spieltag. „Der Aufsteiger ist bei seiner Rückkehr auf die Bundesligabühne nach 462 Tagen gleich an die Tabellenspitze gestürmt“, heißt es in einer Agenturmeldung vom 10. August 2013. Nach einer Stunde, das Team von Trainer Jos Luhukay führt bereits 3:1, macht  Langkamp etwas, das er sonst nicht macht: „Nach einer Balleroberung leite ich den Ball mit der Hacke weiter, ich weiß auch nicht, wie das funktioniert hat.“ Am Ende des Konters steht es 4:1. Ein Assist wird Langkamp nicht gutgeschrieben. Zwei hat er bis heute. Es ist trotzdem Langkamps schönster Herthamoment. Bis heute.

7871. Minute

Das weiß nur einer! Endlich das erste Tor für Hertha.  Ronny bringt die Ecke, Langkamp steigt hoch zum Kopfball und trifft zum 1:2 gegen Schalke, es gibt wieder Hoffnung – fast. Was ist passiert? Langkamp, sichtlich aufgebracht, sagt nach dem Spiel: „Das weiß nur einer!“ Später geht er in die Schiedsrichterkabine und fragt höflich nach. Stürmerfoul? Als Antwort bekommt er zu hören: „Das war nichts.“ Es bleibt beim 0:2. Der Kicker schreibt 28. März 2014: „Die Alte Dame strauchelt weiter einem schwachen Saisonausklang entgegen – seit sechs Partien ohne Sieg, gar vier Niederlagen in Folge.“ Langkamp sagt: „Ich würde gern Mal ein Abstaubertor erzielen.“ Fünf Treffer sind ihm bis jetzt gelungen. Neben dem Grätschtor für Karlsruhe, noch vier per Kopf für Augsburg. „Mein Kopf ist ja nicht der kleinste, dass man ihn andauernd verfehlt.“ Zusatz: „Aber auch nicht der größte.“ Das bestätigt eine teaminterne Vermessung vor der Fahrradhelmvergabe.

8838. Minute

Wie jubelt man? Diesmal wirklich, die Torpremiere für Hertha, und gleich der Siegtreffer. Marvin Plattenhardt zirkelt einen Freistoß vor das Tor von (!) René Adler. Der Hamburger SV ist nur noch zu zehnt, verteidigt im Raum, und keiner fühlt sich für Langkamp zuständig. Den Berliner Zeitungen sagt Plattenhardt am  21. März 2015: „Wurde ja auch mal Zeit. Ich habe den Ball perfekt getroffen und Sebastian hat ihn eiskalt versenkt.“ Langkamp sagt: „Ich musste nicht mal richtig hochspringen.“ Und: „Ich wusste gar nicht, wie ich jubeln soll.“  Warum ist Langkamp so torungefährlich? Trainer Pal Dardai sagt: „Er muss aggressiver werden vor dem Tor.“ Langkamp sagt: „Ich habe einfach nicht den Ballmagneten in mir.“ Etwa zehn verschiedene Laufwege üben sie im Training, drei, vier Eckballvarianten, je nachdem, ob der Gegner den Raum oder die Gegner verteidigt. Sie versuchen eine Traube zu bilden, um einen Spieler freizublocken. Langkamp glaubt: „Der Ball muss da nur noch hinfallen.“

10.000. Minute

Glückwunsch! Die erste Hälfte der ersten Hälfte  ist gespielt, es läuft Langkamps 10.000. Bundesligaminute. Er bekommt den Ball, legt ihn mit der rechten Hacke am linken Standbein vorbei, und spielt einen sicheren Steilpass auf Fabian Lustenberger, an beiden Schalker Stürmern vorbei. Einen halben Angriff später gibt es Freistoß – doch der Ball fällt wieder nicht da hin, wo  Langkamp auf ihn wartet. Am vergangenen Sonntag gewinnt Hertha trotzdem 2:0 gegen Schalke. Langkamp: „Man kann sagen, ich bin ein gestandener Bundesligaprofi.“ Am Mittwochabend in München wird diese These dem stressigsten aller Stresstests unterzogen. Denn dann kommt Robert Lewandowski. Langkamp: „Das ist der kompletteste Stürmer, gegen den ich jemals gespielt habe.“ So chancenlos wie in seinen ersten Bundesligaminuten gegen Mario Gómez ist er aber nicht. Sebastian Langkamp sagt: „Ich habe jetzt einen anderen Körper.“

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