Hertha BSC

Die Saison der Hertha - eine Bilanz

Zum Glück ist auch für Hertha BSC Schluss nach 34 Spieltagen in dieser Bundesliga-Saison. Sie hat vor allem Vorfreude geweckt auf eine Spielzeit mit Siegesserien, gelungenen Transfers und Treue zum Trainer.

Nina Priesterjahn Jörg Winterfeld
5 Min
Hertha-Trainer Pal Dardai

Hertha-Trainer Pal Dardai

© Bongarts/Getty Images Lizenz

Das Wunder: Wer zum Fußball geht, will Tore sehen. Sonst ist es wie Fernsehköchen zuzuschauen: All die Zubereitungsmühsal darf man ausgiebig ansehen, aber wenn es im Studio ans Essen geht, bleibt man hungrig allein zu Hause. Als Hertha-Fan musste man sich ein Jahr daran gewöhnen, torhungrig aus dem Stadion heimzukehren. Dabei hatten sie Prominenz vor allem für vorne eingekauft, den Schweizer WM-Teilnehmer Valentin Stocker oder den Elfenbeinküstenkünstler Salomon Kalou. Dann blieb erst der Erfolg auf der Strecke und dann Jos Luhukays, damit die Hoffnung es ihnen nicht gleichtat. Unter Pal Dardai durften alle tollen neuen Stürmer vor allem das eigene Tor und dessen Sicherung nie aus dem Blick verlieren.

Der Otto-Rehhagel-Riegel-Gedächtnisfußball erbrachte ein wahrhaft erstaunliches Ergebnis: Die Torverhinderer der Hertha hielten die Liga als häufigste Verlierer (17 Niederlagen) dank der um neun Tore besseren Differenz gegenüber dem Hamburger SV. Ein Punkt nur aus den letzten fünf Spielen, nicht auszudenken, was passiert wäre, hätte die Saison nach der 1:2-Pleite in Hoffenheim noch ein paar Spieltage länger angedauert.

Die Schwachstelle: Manchmal wollte man Hertha-Trainer Jos Luhukay einfach in den Arm nehmen. Da stand er auf dem Trainingsplatz und blickte fassungslos auf das, was ihm seine Mannschaft darbot. Drei Mal den Ball untereinander abspielen mit nur einer Berührung, das konnte doch eigentlich nicht so schwer sein – noch dazu ohne Einflussnahme des Gegners. War es aber anscheinend. Auch Pal Dardai und Rainer Widmayer hatten ihre liebe Mühe, die Spieler Ballkontrolle zu lehren. „Klatsche lasse“, tönte es auf Schwäbisch von Widmayer über den Platz. Das neue Trainergespann entschied recht schnell, dass es keinen Sinn macht, Zeit damit zu verschwenden, aus einer Schwäche eine Stärke machen zu wollen. Für derlei Ambitionen ist im Abstiegskampf keine Zeit. Ballbesitz bleibt die Schwachstelle der Hertha – allerdings in Liga eins.

Der Vergessene: Dieser lange, dürre Stürmer ist irgendwie weg. Der, der oft glücklich gestanden und nur Ronny verstanden hat, weil er aus Kolumbien kam. Dortmund hatte ihn gekauft, aber nach der Überweisung von zehn Millionen Euro nicht mehr richtig auf der Rechnung. Sechs Spiele von Beginn hat Adrián Ramos für den BVB bestritten, vier Mal wurde er aus-, zwölf Mal eingewechselt. Ronny war einsam ohne ihn.

Das Opfer: Bei Hertha finden sich mindestens zwei: Alexander Baumjohann und Tolga Cigerci zum Beispiel. Beide wurden zu Saisonbeginn sehnsüchtig erwartet, doch beide konnten sich einfach nicht von ihren Verletzungen befreien. Der Kreuzbandriss verfolgte Baumjohann, der große Zeh Cigerci. Eine Reha jagte die nächste, der Gymnastikball ersetzte den Fußball. Ihre Termine für eine mögliche Rückkehr hielten es wie der Klub in der Tabelle: Alles rutschte immer weiter nach hinten. Zumindest haben sie jetzt ein besseres Verständnis dafür, wie die Berliner Fans so eine Saison erleben.

Die Trainingsweltmeister: Weltmeister kann man auch werden, ohne für die Nationalmannschaft nominiert zu sein. Das haben Hajime Hosogai und Genki Haraguchi bewiesen. Mit ihren Extraschichten auf dem Schenckendorffplatz qualifizierten Sie sich in dieser Saison für den Titel der unangefochtenen Trainingsweltmeister. Stundenlang übten sie Flanken und Torschüsse, teilweise wurden sie dafür schon von Mitarbeitern der Geschäftsstelle belächelt: „Japaner eben“, hieß es da. Was unter Trainer Jos Luhukay, einem Liebhaber der eifrigen Musterschüler, noch gut ankam, stieß bei Pal Dardai auf leise Kritik. Sie sollten mal nicht zu viel machen, sagte er. Zumindest Hosogai aber brauchte vielleicht auch diese Extraeinheiten, um sich auszutoben. Schließlich war er ab der Rückrunde so gut wie gar nicht mehr bei den Spieltagen im Einsatz.

Die Prophezeiung: Wenn einem der Manager in aller Öffentlichkeit sein Vertrauen ausspricht, ist das eine deutliches Signal für einen Trainer, seine Koffer zu packen. Dieses dem Wortsinn gegenläufige Verhalten wirkt zwar auf den ersten Blick unlogisch, im Fußball ist es aber inzwischen schon fast üblich. So dauerte es auch gerade einmal acht Wochen, bis Hertha-Manager Michael Preetz nach seiner vollmundigen Aussage: „Luhukay ist der richtige Trainer. Wenn er will, kann er hier sofort verlängern“, die entgegengesetzte Richtung einschlug. Der niederländische Trainer musste weichen – für ihm kam der Ungar Pal Dardai. „Nur eine Übergangslösung“, hieß es. Schon wieder total gefährlich, wieder so eine Prophezeiung. Deutet absolut auf einen Dauer-Dardai hin, wenn man Preetz kennt.

Die Geste: Niemand weiß, wer hinter den wahren Superhelden des Lebens steckt. Das macht den Reiz aus von Superman und Spider-Man und den Kollegen. Übermenschliche Kräfte, mit denen das Böse besiegt wird. Im echten Alltag schließlich hat Spider-Man schon mal richtig zu kämpfen: Peter Parker heißt er da und ist so schüchtern wie unpopulär. Dass Hertha im echten Alltag zu kämpfen hatte, zwar nicht wegen Schüchternheit, aber mit Spielraum nach oben in der Popularität, hat jeder Fan mit Schrecken gesehen. Umso authentischer das Outing: Als Masken beim Torjubel beliebt wurden in der Liga, schnappte sich Änis Ben-Hatira eine Spider-Man-Tarnung nach seinem Tor gegen Schalke 04. Das Spiel endete zwar völlig unübermenschlich 2:2 − aber Ben-Hatiras krebskranker kleiner Freund Jannik war glücklich.

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