Kann man Anfang Oktober bereits an Weihnachten denken? Klar, ist gar nicht so schwer. Man muss im Supermarkt nur die Augen schließen und besinnliche Liedchen summend an den Lebkuchenregalen schnuppern. Oder man schaut sich eben die aktuelle Bundesligatabelle an. Dort steht Hertha BSC auf dem vierten Platz, der sich vor allem für die Fans wie eine viel zu frühe Bescherung anfühlt. Tatsächlich müssen sie sich aber noch gedulden. „Die Tabelle interessiert uns jetzt nicht“, sagt nämlich Pal Dardai. „Die erste Bilanz ziehen wir an Weihnachten.“ So lange wollen wir nicht warten.
Glück: Ist für die anderen ja immer Pech, und das hatten zunächst die Gegner. Hertha gewann am ersten Spieltag in Augsburg, (auch) weil die Augsburger drei Mal Pfosten oder Latte trafen, aber nicht ein Mal das Tor. Dann verlor Hertha am zweiten Spieltag nicht gegen Bremen, (auch) weil: Pfosten, Latte rettet. Man braucht dieses Glück. Laut Dardai, dem mathematisch wohl begabtesten Trainer der Bundesliga, entscheidet es zu 35 Prozent über den Erfolg im Fußball. Es entschied erst mal, dass ein tendenziell verunsicherter Verein ohne Niederlage in die Saison starten konnte. Und wie wichtig das ist, kann man am anderen Ende der Stadt beobachten, wo der 1. FC Union zurzeit immer irgendwie kein Glück plus Pech hat. Beides hatte Hertha auch, am fünften Spieltag in Wolfsburg, als sich der Schiedsrichter mehrmals verpfiff. Doch auch nach der zweiten Saisonniederlage trat Hertha tendenziell sicher auf. Auf Wahrscheinlichkeitsrechnungen haben sie sich seitdem auch nicht mehr verlassen müssen. Aussicht bis Weihnachten: Von den 35 Glücksprozenten ist noch was da.
Kraft: Es war sooo heiß in Bad Saarow, ein Lauftrainingslager bei knapp vierzig Grad, unter den tausend Sonnen Brandenburgs, und Athletiktrainer Henrik Kuchno ließ die Spieler trotzdem laufen, sprinten, schmoren, ja, fast zusammenbrechen. Aber eben nur fast. „Es war das Härteste, was ich jemals erlebt habe“, sagten viele, die es überlebt haben. Und so anachronistisch die balllosen Einheiten zunächst aussahen, und so schwer wie die Beine im zweiten Trainingslager in Schladming waren, so fit und so erholt wirkten die Spieler plötzlich zu Saisonbeginn. Sie liefen in den meisten Spielen mehr als ihre Gegner. Vor allem Vladimir Darida, der im Schnitt wieder mehr als dreizehn Kilometer in neunzig Minuten abspult und damit wieder die Lunge der Liga ist. Von Vorteil ist so eine sommerliche Schweißarbeit besonders dann, wenn ein Spiel sich dem Ende neigt und die Kraft nachzulassen droht, wie bei den Frankfurtern am siebten Spieltag. Aber nicht so bei Hertha. Nicht so wie in der vergangenen Saison. In den letzten zwanzig Spielminuten – das Pokalspiel in Bielefeld eingerechnet – haben sie bereits fünf Tore geschossen und sich nur drei schießen lassen. Wobei das eine gegen Wolfsburg: siehe oben, siehe Pech. Auf die Frage, warum Hertha denn so gut gestartet ist, antwortet schließlich auch Michael Preetz: „Die gute Vorbereitung.“ Der Manager war selbst dabei. Stand schwitzend im Schatten. Aussicht bis Weihnachten: Kräfte reichen erst mal, und im Januar kommt das nächste Trainingslager.
Glaube: Noch bevor die Kraft da war und das Glück überhaupt mitspielen konnte, war Dardai davon überzeugt, dass alles besser werden würde. Der Trainer gab in der Vorbereitung immer den Optimisten, wo unter Beobachtern und sogenannten Experten aus Erfahrung Pessimismus herrschte. Aber Dardai glaubte nun mal daran, dass seine Mannschaft, die durch ängstlichen Fußball beinahe abgestiegen wäre, nur mutiger werden muss, um mindestens die Liga zu halten. Glaubte also, dass sie nicht nur auf die Defensive vertrauen soll, sondern selbst mal offensiv werden muss. Und glaubte am meisten, dass sie den Ball nicht freiwillig herschenken soll, um nur auf Konter zu warten, nein, Dardai wollte Ballbesitz – das war sein wichtigster Glaubenssatz. Und an den glaubt inzwischen auch die Mannschaft. Sie hat ihn tatsächlich verinnerlicht. Sie will jetzt gar nicht mehr anders spielen. Aussicht bis Weihnachten: Sie müssen jetzt nur noch wieder an den Weihnachtsmann glauben.
Alter: Der Trend geht zur Jugend. Und auch Hertha hat sich eine Frischzellenkur verpassen lassen. Zwei Spieler aus der eigenen Fußballakademie haben einen Profivertrag bekommen, zwei Jungprofis wurden zusätzlich verpflichtet. Aber trotzdem sind es die Alten, die in erster Linie, also da vorne im Sturm, die meiste Aufmerksamkeit auf sich ziehen: Vedad Ibisevic, 31, vier Ligatore, und Salomon Kalou, 30, drei. Beide befinden sich eigentlich in ihrem Karriereherbst, aber gemeinsam sind sie stark, haben die Kraft der zwei Stürmerherzen und eine gemeinsame Sprache: Französisch, die Sprache der Liebe. Und so parlierend erleben sie wieder einen Frühling. Aussicht bis Weihnachten: Wenn sie den noch bis zum Winter ausdehnen können, dann frohes Fest.
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