Hertha BSC

Elfmeterszene sorgt beim 1:1 gegen Hoffenheim für Aufregung

Was folgt, ist eine Debatte um Videobeweise und die Dehnbarkeit von Fußballregeln.

Paul Linke
4 Min
Fast dran: Andrej Kramaric trifft gegen Thomas Kraft.

Fast dran: Andrej Kramaric trifft gegen Thomas Kraft.

© dpa

Aussage des Zeugen Nico Schulz, TSG 1899 Hoffenheim: „Ich komme von hinten, er sieht mich nicht. Ich bin vor ihm am Ball, für mich ist es ein Foul, das ist klar. Und alles andere – ich habe nicht auf Abseits geachtet. Vielleicht stehe ich im Aus, vielleicht nicht, keine Ahnung. Dafür haben wir den Videoschiedsrichter.“

Stellungnahme der Schiedsrichterkommission: „Der Berliner Spieler Niklas Stark geht in der betreffenden Szene klar zum Ball und nimmt diesen an. Damit ist die vorherige Abseitsstellung des Hoffenheimer Spielers Nico Schulz regeltechnisch nicht mehr relevant. Die Regelauslegung durch das Schiedsrichterteam ist absolut korrekt und es bestand kein Anlass für einen Eingriff des Videoassistenten.“ Fall geklärt, oder?

Das war die Aufregerszene

Nicht ganz. Das 1:1 zwischen Hertha und Hoffenheim am Sonnabend im Olympiastadion ist in der Nachbetrachtung mal wieder ein Grund, sich aufzuregen über die Schiedsrichter, den Videobeweis, die Deutung und Dehnbarkeit von Fußballregeln.

Und für alle, die es verpasst haben, hier noch einmal die Aufregerszene, die zum Elfmetertor, zum 1:0 für Hoffenheim führte: Serge Gnabry schießt, vielleicht soll es auch nur eine flache Hereingabe sein, jedenfalls fliegt der Ball quer durch den Berliner Strafraum und Stark vor die Füße.

Der Innenverteidiger benötigt einen Kontakt zum Stoppen, mit dem zweiten legt er sich den Ball vor, doch bevor er ihn wegschlagen kann, spitzelt Schulz, der bei Gnabrys Ballabgabe im Abseits stand, aber nicht außerhalb des Spielfelds, dazwischen, und dann trifft Stark dann eben Schienbein statt Ball – Foul, Elfmeter. Auf den ersten Blick korrekt.

Was sagt das Regelwerk?

Auf den zweiten gibt es Fragen: Darf der aus dem Abseits kommende Schulz wirklich wieder in das Spiel eingreifen und sich damit einen Vorteil verschaffen? Im Regelwerk steht: „Ein Spieler verschafft sich keinen Vorteil aus einer Abseitsstellung, wenn er den Ball von einem gegnerischen Spieler erhält, der den Ball absichtlich spielt.“ Ist also nach Starks Annahme tatsächlich eine neue Spielsituation entstanden?

Laut Regel ja, weil es eben keine unkontrollierte Abwehraktion war und Stark zumindest die Gelegenheit hatte, den Ball wegzuschlagen. Was er jedoch nicht schnell genug getan hat. Weil er nicht mit Schulz rechnete. „Niklas muss Augen hinten haben“, sagte Pal Dardai, „ein guter Spieler sieht auch, was hinter ihm passiert.“

Herthas Trainer war bemüht, die Diskussion nicht zusätzlich zu befeuern. Das Gegentor hatte für ihn mehr mit mangelnder Erfahrung zu tun, mit Naivität. Er sagte lediglich: „Nach meiner alten Schule, weil ich altmodisch bin, war das Abseits, also kein Elfmeter.“ In der alten Schule gab es eben noch keine Unterscheidung zwischen aktivem und passivem Abseits.

„Ich hatte keine Kraft mehr“

Wahrscheinlich wäre Dardais Unzufriedenheit größer gewesen, hätte Salomon Kalou nicht den Ausgleich geköpft. Was den Trainer letztlich mehr aufregte als die Szene des Tages, das waren all die anderen, die nicht zustande gekommen waren. Warum etwa, fragte sich Dardai, schießt einer wie Alexander Esswein im Training das Tor kaputt und traut sich im Spiel fast nicht zu? „Wo war seine Gier? Wo ist der Egoismus?“

Oder warum üben sie ständig Überzahlsituationen und dann schaffen es drei seiner Spieler nicht, gegen zwei Hoffenheimer wenigstens zum Abschluss zu kommen? Das war in der Nachspielzeit und die größte Chance zum Sieg. Vladimir Darida, der sich für die falsche Passoption entschieden hatte, sagte: „Ich hatte keine Kraft mehr.“

In vier Rückrundenspielen hat Hertha immer noch kein Spiel gewonnen. Das ist die schlechte Nachricht für Dardai. Und die gute? In dieser Woche werden die Handwerker kommen und seine Heizung wieder reparieren.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de