Jos Luhukay ist bekannt dafür, dass er sich beinahe rund um die Uhr mit Fußball beschäftigt. Dass der 50-Jährige dabei auch die Arbeitsweisen und Methoden anderer Bundesliga-Trainer beobachtet, ist selbstverständlich. Lucien Favre, Coach bei Liga-Konkurrent Borussia Mönchengladbach und einer seiner Vorgänger bei Hertha BSC, sei ein sehr geschätzter Kollege, sagte der Holländer unlängst. Im Trainingslager im türkischen Belek Mitte Januar trafen beide Teams ja in einem Test aufeinander, und die Borussia hatte beim 3:0 das bessere Ende für sich.
Der Schweizer Favre, 56, war es, der einst das für deutsche Ohren ungewöhnliche Wort vom „polyvalenten Spieler“ in den Berliner Sprachschatz einführte. Luhukay benutzt lieber die deutsche Übersetzung, spricht von vielseitigen Profis. Einig sind sich Favre wie Luhukay, dass solche Spieler ungemein wichtig für eine Mannschaft sind. „Sie machen ein Team unberechenbarer und sie vergrößern natürlich die Möglichkeiten und Varianten, die ein Trainer hat“, sagt Jos Luhukay. Er besitzt mehrere solche Spieler und sieht gerade darin eine große Stärke des Aufsteigers.
Auf der falschen Seite
Vor dem Duell am Sonntagabend im Berliner Olympiastadion gegen den VfL Wolfsburg (17.30 Uhr) hält sich der Taktikfuchs zurück. Seine Formation verrät er traditionell nicht – sonst wären ja auch keine Überraschungen für den Gegner mehr möglich. Zuletzt war es ihm nämlich gleich zweimal gelungen, seine Kollegen Jürgen Klopp von Borussia Dortmund und Bert van Marwijk vom Hamburger SV mit Hilfe von äußerst vielseitigen Spielern in Verlegenheit zu bringen und eher unübliche Verschiebungen vorzunehmen, die den Gegner stark verunsicherten. So stellte er beim 2:1-Sieg in Dortmund vor Weihnachten und zuletzt beim 3:0-Erfolg in Hamburg seinen angestammten Rechtsverteidiger Peter Pekarik, der auch in der Nationalelf der Slowakei auf dieser Position agiert, plötzlich auf die falsche Seite, also links in die Vierer-Abwehrkette.
Pekarik, ein Muster an Beständigkeit, beherrschte zuerst den Dortmunder Jakub Blaszczykowski und am zurückliegenden Sonnabend den Hamburger Jacques Zoua souverän. Nach dessen Leistung lobte ihn Luhukay und nannte ihn gar „unseren kleinen Philipp Lahm“. Pekarik freute sich über das Lob, grinste, als er hörte, dass Luhukay ihm auch eine Position im defensiven Mittelfeld zutraue. Pekarik, sagte Herthas Trainer, „ist ein wichtiger Teamspieler, bissig, griffig, flexibel.“
Doch damit war es nicht genug der kleinen Rotationen. Weil Kapitän Fabian Lustenberger verletzt ausgefallen war und auch gegen Wolfsburg fehlen wird, schob Luhukay den gelernten Linksverteidiger und auch als Mittelfeldmann oft erprobten Lewan Kobiaschwili in die Innenverteidigung. Der 37-Jährige habe gemeinsam mit Sebastian Langkamp das Zentrum „cool geschlossen“, freute sich Luhukay nach dem Hamburg-Spiel. Dort hatte er – um der Vielseitigkeit noch eine Facette hinzuzufügen – den bislang in seiner Karriere nur als Linksverteidiger aufgefallenen Johannes van den Bergh plötzlich noch vor Pekarik auf der linken Außenbahn platziert – mit einigem Erfolg.
Öffentliche Unzufriedenheit
Manchmal aber würde auch Berlins Trainer die eine oder andere kleine Rotation unterlassen, wenn sich die Spieler, die leistungsmäßig vielleicht die Positionen 12 bis 16 einnehmen, noch mehr für die Startelf anbieten würden. Gestern schimpfte Luhukay. Vor dem wichtigen Spiel gegen „sehr starke Wolfsburger, die ich am Ende auf einem internationalen Platz erwarte, vielleicht sogar auf einem Rang, der die Champions League einbringt“, sei ihm im Training und bei einem Test gegen die eigene U23 der Druck der Reservisten auf die Etablierten zu gering gewesen.
„Da war nicht genug Konkurrenz zu sehen. Jeder muss ans Maximum gehen und sich seinen Einsatz verdienen. Den Erfolg in Hamburg konnten wir genießen, aber nach einem freien Tag muss ich mich sofort neu konzentrieren und fokussieren. Das tue ich, und das verlange ich auch von jedem meiner Spieler.“ Nach dem internen Test der Ronny, Sandro Wagner, Nico Schulz oder Änis Ben-Hatira gegen die U23 von Trainer Ante Covic (1:2) äußerte Luhukay seine Unzufriedenheit gestern auch öffentlich.
„Ich war sauer und traurig, das habe ich den Spielern auch deutlich gesagt.“ Luhukay versucht, die Sinne aller zu schärfen, denn Gegner Wolfsburg habe mehr Qualität als Hertha. „Die haben im Winter noch de Bruyne dazu bekommen. Wir sind nur zwei Punkte hinter dem VfL. Das spricht wieder für meine Mannschaft, dass wir trotz weniger Möglichkeiten bei einem Sieg an Wolfsburg vorbeiziehen könnten.“ Wem er das Vertrauen schenken wird, deutete Luhukay zumindest an. „Ich habe in dieser Woche nicht gesehen, dass ich unbedingt Veränderungen vornehmen muss.“ Doch vielleicht hat der Holländer doch wieder eine kleine ungewöhnliche Rotation im Blick, die seinen Kollegen Dieter Hecking überraschen könnte. Genügend vielseitige Profis hat er ja.
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