Dieter Hoeneß war ein Mann, der alles wusste, wissen musste. Und oft wusste er auch alles besser. Irgendwann gab es fast keinen Unterschied mehr zwischen der Innenwahrnehmung des Managers und der Außendarstellung eines, seines Klubs. Hoeneß war natürlich auch immer informiert, wenn ein Fernsehteam auf dem Schenckendorffplatz auftauchte, um Hertha BSC beim Training zu begleiten. Dann kam er auf den Platz, seht her, war die Botschaft, ich habe alles im Blick und unter Kontrolle.
Michael Preetz, Managerauszubildender unter Hoeneß und seit sechs Jahren selbst im Amt, ist anders. Er hat nicht den Anspruch, der alleinige Entscheider zu sein und immer im Scheinwerferlicht zu stehen. Man sagt ihm besondere Fähigkeiten im Teamplaying nach. Aber als sich am Mittwochmorgen die Reporter um den Trainingsplatz scharten, da kam auch er vorbei, schloss die Bürotür auf der Geschäftsstelle, verriegelte sein Transferfenster für eine Weile und schaute sich die Mannschaft an, die am Wochenende in Hoffenheim maximal mit einem Tor Unterschied verlieren darf, um nicht abzusteigen. Seine Botschaft: Ich bin da. Preetz schüttelte jedem Spieler die Hand. Botschaft angekommen.
Stilmittel des Dardaismus
Man hat am Ende dieser Saison den Eindruck, dass Hertha lediglich vieles falsch, aber wenig richtig machen konnte. Wäre Preetz zuletzt nicht sooft beim Training gesichtet worden, hieße es wahrscheinlich, dass er sich verstecken will vor Mannschaft und Öffentlichkeit. Und würde diese Mannschaft jetzt irgendwo im Niemandsland der Tabelle stehen, gäbe es trotzdem öffentliche Kritik, weil doch so viel Geld und Erwartungen investiert worden sind im vergangenen Sommer. Am klarsten hat Per Skjelbred formuliert, was man jetzt noch erwarten kann: „Nur noch ein Spiel.“
Vor diesem nur noch einem Spiel hat Pal Dardai ein zusätzliches Geheimtraining angesetzt. Als wäre es ein großes Geheimnis, wie Hertha unter dem Übergangstrainer spielt, denn das ist Dardai ja noch. Zu klären ist eigentlich nur die Frage, mit welchen Verteidigern er die Viererkette einfädeln will. Innen fehlt John Brooks wegen einer Gelbsperre. Eine zweite Lücke außen könnte es geben, sollte Marvin Plattenhardt nicht aus seiner geprellten Hüfte kommen. Für Brooks sind, in dieser Reihenfolge, John Heitinga, Fabian Lustenberger und Jens Hegeler die Alternativen. Plattenhardt würde Nico Schulz ersetzen. Dardai sagte nach dem Training, in dem er alle Kettenvariationen proben ließ: „Ich will Körpersprache sehen. Ich will sehen, wer dort spielen will, ich will Mut sehen.“
Nochmal zum Mitschreiben
Körpersprache und Mut, das sind zwei essenzielle Stilmittel des Dardaismus. Und es reicht dem Trainer nicht, wenn nur eines zum Einsatz kommt. Wie bei Salomon Kalou beim Nulltore-Kick gegen Eintracht Frankfurt, als er zwar mutig zum Heber ansetzte, aber körpersprachlich niemandem vermitteln konnte, warum Gefühl beim Torschuss wichtiger sein sollte im Abstiegskampf als Gewalt. Was letztlich dann Thomas Kraft zum Vorwurf einer situativen Stürmeraugenerblindung verleitete.
Die Sache ist erledigt. Kraft hat sich bei Kalou entschuldigt. Kalou bei der Mannschaft. Und noch mal zum Mitschreiben: „Wir haben keinen Stress. Ich verstehe das, manchmal kann so was passieren. Ich hatte nie Probleme mit Teamkollegen, egal wo ich gespielt habe.“ Das ist jedenfalls das, was man wissen sollte. Und damit auch keine Zweifel entstehen, sind sich die beiden zuletzt auffällig oft nähergekommen beim Einlaufen. Beim Dienstagtraining, das der Torwart Kraft seit Dardais Dienstantritt häufig als Stürmer Kraft verbringt, spielten beide in einem Team. Alles nur Zufall, sagte der Trainer. Die Absicht ist: Ein in Teilzeit stürmender Torwart merkt vielleicht, wie schwer es manchmal ist, gezielt zu schießen.
Und Kraft hat es schon gemerkt. Einen langen Ball über die Abwehr nahm er noch in der Luft an, legte ihn sich vor und erzielte über den Umweg Pfosten ein – übrigens nicht das erste – Trainingstor. Die Kollegen johlten, die Zuschauer klatschten, und einer meinte: „Der Kraft sollte mal vorne spielen.“ Allerdings zählte der Treffer nicht. Dardai hatte nicht mehr als zwei Ballkontakte erlaubt. Kraft wird hinten bleiben.
Denn für Tore ist weiterhin Kalou zuständig. „Ich will treffen“, sagte er, „und dem Team helfen, in der Liga zu bleiben.“ Klingt gut. Doch ob alles gut ist, und ob der Manager wieder länger im Büro bleiben kann, wird sich erst nächste Woche zeigen.
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