Bei Hertha BSC, so scheint es jedenfalls, ist ein interner Wettbewerb ausgebrochen. Es geht darum, wer der beste Dauerläufer im aufwendigen Spiel des bislang sehr mutigen Aufsteigers ist. Zwei Profis kommen für den Titel infrage: Der Japaner Hajime Hosogai, 27, aus dem defensiven Mittelfeld und der Norweger Per Ciljan Skjelbred, 26, aus der offensiven Schaltzentrale.
Beide legen meist pro Spiel zwischen 12 und 13 Kilometern zurück, der Schnitt in der Bundesliga liegt gerade einmal bei 10,5 Kilometern. Doch diese Ausdauerleistung allein ist es nicht, die diese Profis so wertvoll macht. Die HSV-Leihgabe Skjelbred besticht zudem mit feinen Pässen und überraschenden Offensivaktionen.
Hosogai ist dagegen der wohl beste und auffälligste Balleroberer vor der eigenen Abwehr, den Hertha bislang unter Vertrag genommen hat. Heute trifft der 25-malige Nationalspieler im Olympiastadion auf seinen ehemaligen Arbeitgeber Bayer 04 Leverkusen (Anstoß: 15.30 Uhr). Trainer Jos Luhukay sagt: „Wenn Hajime gegen seine Kollegen aus der letzten Saison spielt, wird ihn das vielleicht noch einen Tick mehr motivieren.“
Spekulation: Hertha BSC soll auf der Suche nach einem neuen Torhüter sein, der den Konkurrenzkampf mit Thomas Kraft, 25, erhöht. Lars Unnerstall (Schalke/23, 1,98 m) soll im Visier der Berliner stehen. Herthas Nummer 2, Sascha Burchert, fällt wegen einer Kapselverletzung zwei Wochen aus. Marius Gersbeck, 18, steht heute für ihn im Kader gegen Bayer.
Eigentlich hat der bissige Antreiber keinen zusätzlichen Ansporn nötig, seine Arbeitseinstellung ist vorbildlich – so wie man es von japanischen Profis gewöhnt ist. Mit seiner Präsenz, seiner Handlungsschnelligkeit, seinem Umschaltspiel und seiner Giftigkeit in den Zweikämpfen hat er die Aufstiegshelden Peter Niemeyer, 30, und Peer Kluge, 33, aus der Stammelf verdrängt und dem Spiel der Berliner eine neue Statik verpasst.
Für Hosogai steht sein neuer Verein im Mittelpunkt, aber mit auffälligen Leistungen in Berlin kämpft er auch vehement um einen Platz im WM-Aufgebot der Japaner 2014 in Brasilien. Doch die Konkurrenz auf seiner Position ist ausgerechnet im Nationalteam riesengroß. Makoto Hasebe vom 1. FC Nürnberg steht auch als unumschränkter Kapitän der Japaner beim italienischen Nationaltrainer der Asiaten, Alberto Zaccheroni, höher in der Gunst als Hosogai. Auch der Rekordinternationale Yasuhito Endo,33, von Gamba Osaka und Hotaru Yamaguchi, 23, drängen ins defensive Mittelfeld.
Dennoch versteht ein Teil der japanischen Journalisten, die ihre Spieler in den europäischen Vereinen begleiten, nicht, dass Herthas Hosogai oft in der Startelf fehlt. Vorige Woche, bei den Tests der Japaner in Holland (2:2) und in Belgien (3:2 für Japan) kam Hosogai nur gegen WM-Teilnehmer Belgien in den letzten acht Minuten zum Zuge. Dabei geriet Zaccheroni zuletzt sogar in die Kritik, weil das Team zu lethargisch agierte – eine Eigenschaft, die überhaupt nicht zur Spielweise von Hosogai passt.
"Wir müssen unglaublich gut sein"
Herthas Coach Luhukay sagt dennoch: „Um Hajime mache ich mir keine Sorgen.“ Auch der Holländer hofft, das sich sein wichtiger Mittelfeldmann irgendwann in der Nationalelf durchsetzen wird. Dabei ist es Hosogai sogar gewohnt, dass er sich anstellen muss.
Als ihn Bayer Leverkusen im Januar 2011 ablösefrei von Urawa Red Diamond erwarb, wurde er sofort an den FC Augsburg verliehen. Der vermeintliche persönliche Abstieg zu einem kleinen Klub stellte sich später für Hosogai als Glücksfall heraus, weil er dort Jos Luhukay kennenlernte, der dessen Qualitäten schnell erkannte und förderte. Als er 2012/2013 zu Bayer zurückkehrte, war er auch „kein Erste-Elf-Spieler“, so Luhukay. Zwar lobte etwa die Rheinische Post den „höflichen Terrier aus Fernost“, aber Hosogai musste vor allem auf der für ihn ungewohnten linken Verteidiger-Position aushelfen, als sich Michal Kadlec verletzte.
Erst bei Hertha BSC kann er seine Lieblingsposition im defensiven Mittelfeld ausleben. „Diese Rolle passt zu mir und kommt meinem Naturell entgegen“, sagt Hosogai. Immerhin ist der unerschrockene Dauerläufer der einzige Profi, für den Hertha in diesem Jahr eine Ablöse zahlen muss – eine Million Euro gehen an Bayer Leverkusen.
Vor der Werkself, im Moment Tabellendritter und punktgleich mit Borussia Dortmund, hat Luhukay enormen Respekt. „Wir müssen unglaublich gut sein, um Bayer zu besiegen“, sagt der 50-Jährige, „die besitzen eine sehr hohe individuelle Qualität.“ Auf Hajime Hosogai wird heute garantiert sehr viel Arbeit zukommen.
Er muss die schnellen und torgefährlichen Stefan Kießling, Sidney Sam und Heung-Min Song möglichst stellen, bevor sie in den Berliner Strafraum eingedrungen sind. Rücksicht auf alte Freundschaften wird er nicht nehmen. Das widerspräche seinem Naturell.
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