Hertha BSC

Sechs Richtige

Die Zugänge bei Aufsteiger Hertha BSC haben alle extrem gut eingeschlagen und ehemalige Stammkräfte aus der Startelf verdrängt. Trainer Jos Luhukay muss die Härtefälle bei Laune halten.

Michael Jahn
5 Min
Mit Stammplatz in der Defensive: Der einsatzstarke japanische Nationalspieler Hajime Hosogai.

Mit Stammplatz in der Defensive: Der einsatzstarke japanische Nationalspieler Hajime Hosogai.

© Imago/MIS Lizenz

Vor ein paar Tagen hat der Norweger Per Skjelbred, inzwischen der Marathonmann im Mittelfeld bei Aufsteiger Hertha BSC, verraten, wie seine erste Begegnung mit Trainer Jos Luhukay kurz vor Transferschluss Ende August abgelaufen ist. „Wir haben beinahe drei Stunden miteinander geredet“, sagt der 26-Jährige, der im spektakulären Tausch mit Pierre-Michel Lasogga für ein Jahr vom Hamburger SV ausgeliehen wurde.

„Wir haben uns über viele Dinge unterhalten, nicht nur über Fußball“, so Skjelbred, der in Hamburg ein Dasein als Reservist fristete. „Luhukay hat mich überzeugt.“ In Berlin konnte sich der vielseitige Mann aus Trondheim in kürzester Zeit unentbehrlich machen und den Brasilianer Ronny vorerst aus dem offensiven Mittelfeld verdrängen. Der Boulevard debattiert nun beinahe täglich über die Zukunft von Skjelbred und Lasogga, deren Marktwert zuletzt mächtig gestiegen ist.

Altgediente auf der Tribüne

Wenn der Aufsteiger heute gegen Schalke 04 antritt (15.30 Uhr/Olympiastadion) – zu diesem Duell werden 65 000 bis 70 000 Zuschauer erwartet – wird Skjelbred aller Voraussicht nach genauso in der Startelf stehen wie die Sommer-Zugänge Hajime Hosogai, Sebastian Langkamp und Johannes van den Bergh. Nur Alexander Baumjohann, im Juni vom 1. FC Kaiserslautern gekommen, fehlt nach seinem Kreuzbandriss am fünften Spieltag.

Bis dahin hatte er als Kreativspieler in der Berliner Zentrale sofort die Führung übernommen. Auch Tolga Cigerci, junge Leihgabe vom VfL Wolfsburg, könnte in den Überlegungen von Luhukay gegen Schalke eine Rolle spielen – so wie zuletzt, als der Deutsch-Türke im Spiel beim FC Bayern auf der rechten Außenbahn positiv überraschte.

Es ist schon erstaunlich, dass sich sämtliche Zugänge des Sommers – nur der Japaner Hosogai kostete Ablöse (eine Millionen Euro an Bayer Leverkusen) – problemlos etabliert und deshalb natürlich auf der anderen Seite Härtefälle produziert haben. So müssen am heutigen Sonnabend gegen Schalke etwa Fabian Holland, Maik Franz und der stellvertretende Mannschafts-Kapitän Peer Kluge zum wiederholten Male auf der Tribüne Platz nehmen. Sie und auch der Israeli Ben Sahar (ohne Saisoneinsatz) schafften nicht einmal den Weg ins 18er -Aufgebot der Berliner.

Angreifer Sahar hat inzwischen signalisiert, dass er im Winter einen Vereinswechsel anstrebt. Franz (Vertrag bis 2015), Kluge (2015) und auch Peter Niemeyer (2016/bislang zwei Mal eingewechselt) halten noch still, wollen den bisherigen Erfolg der Mannschaft durch Quengeleien nicht gefährden.

Die schnelle Integration der Zugänge aber hängt im entscheidenden Maße von Trainer Luhukay ab und auch von der Tatsache, dass alle Neuen vom Aufsteiger-Team mit offenen Armen und ohne Eifersüchteleien empfangen wurden. So sagt etwa der Japaner Hosogai: „Jos Luhukay ist bisher der Trainer, der am besten zu mir passt. Er hatte mir vor meinem Wechsel gesagt, dass in Berlin eine wichtige Rolle für mich vorgesehen ist. Meine neuen Mitspieler haben mir das Eingewöhnen auch leicht gemacht.“

Der schmächtige Nationalspieler hatte sich blitzschnell einen Stammplatz im Berliner Team erkämpft und dabei als sogenannter Sechser im defensiven Mittelfeld den ehemaligen Kapitän Peter Niemeyer, der sich in der Vergangenheit auch stark um den Teamgeist verdient gemacht hatte, verdrängt und in den ungeliebten Status eines Einwechselspielers versetzt.

Minimiertes Risiko

„Solch eine hohe Quote an Treffern bei unseren Zugängen war nicht unbedingt zu erwarten, aber es ist natürlich sehr gut für unser Team“, sagt Luhukay. Dabei hatten sich der Trainer und Manager Michael Preetz vor allem auf Profis fokussiert, die Luhukay von vorherigen Stationen kannte – und die ablösefrei waren. Hertha konnte sich finanziell keine großen Sprünge erlauben, deshalb, so Luhukay, „musste jeder Transfer passen“. Da der Coach die Qualitäten der Neuen gut einschätzen konnte, war das Risiko von Fehleinkäufen deutlich minimiert worden. Parallel zu Luhukays Wunschliste lief natürlich das intensive Scouting des Klubs.

Sven Kretschmer, der Chefscout, sagt: „Viele derjenigen Profis, die unser Trainer favorisierte, standen sowieso schon bei uns im Fokus. Wenn man sich so wie wir seit Jahren auf ablösefreie Spieler konzentrieren muss, schränkte sich der Kreis der geeigneten Kandidaten ein.“

Luhukay sagt, er habe auch in der Vergangenheit bei Neuverpflichtungen oft richtig gelegen, so etwa beim FC Augsburg. In Paul Verhaegh, Jan-Ingwer Callsen-Bracker, Dominik Reinhardt und Marcel de Jong, so Luhukay, gehören Spieler zum heutigen Stamm der Augsburger, die er 2010/2011 geholt hatte. Dennoch scheint der Jahrgang der Neulinge 2013/2014 beim Erstliga-Rückkehrer aus Berlin besonders anpassungsfähig zu sein. Zudem bringt jeder der Zugänge seine Extraqualitäten ein – etwa die Kopfballstärke von Innenverteidiger Sebastian Langkamp, die Giftigkeit und das schnelle Umschaltspiel von Hosogai oder die Laufstärke von Skjelbred, der zuletzt stets beinahe 13 Kilometer pro Spiel zurücklegte. In der Bundesliga liegt das durchschnittliche Pensum bei 10,5 Kilometern.

Jos Luhukay will die Zugänge nicht über Gebühr in den Himmel heben, sagt: „Ich entscheide personell von Woche zu Woche, und es kann situative Veränderungen geben. Wir haben nur als Kollektiv Erfolg.“ Dafür, und das wird immer schwieriger, muss er die Härtefälle aber bei Laune halten.

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