Es war nur eine kurze Schrecksekunde. Irgendwann um die 60. oder 70. Spielminute. Im Duell gegen Bayer Leverkusen hatte Herthas Torhüter Thomas Kraft gerade mit waghalsigem Einsatz gegen den Angreifer Heung-Ming Song einen Gegentreffer verhindert, als er sich an die Leiste griff und behandelt werden musste. Draußen, auf der Bank der Reservisten, stieg derweil der Blutdruck beim erst 18 Jahre alten Marius Gersbeck in die Höhe. Der stand zum ersten Mal im 18er-Aufgebot bei den Berliner Profis. Doch der 1,87 Meter große Keeper der U23 des Bundesligisten musste nicht eingreifen. Thomas Kraft, 25, konnte weiterspielen.
Da Herthas schon traditionelle Nummer zwei, Sascha Burchert, im Moment mit einer Kapselverletzung am Sprunggelenk nicht zur Verfügung steht, rückte der junge Gersbeck nach. Er bekam den Vorzug vor Philipp Sprint, dem auch erst 20-jährigen Torhüter, der als Nummer drei in die Saison gegangen war. Offenbar ist man bei Hertha nicht zufrieden mit der Entwicklung des immerhin Größten in der Gilde der Berliner Keeper. Er misst 1,96 Meter.
Gersbeck erneut auf der Bank
Wenn Hertha BSC am Sonnabend den FC Augsburg empfängt (15.30 Uhr/ Olympiastadion) nimmt erneut Marius Gersbeck auf der Bank Platz und ist der Nachrücker, sollte Kraft irgendetwas passieren. Burchert, 24, ist noch verletzt, aber der treue Herthaner, der 2002 vom Wartenberger SV kam, sollte ernsthaft darüber nachdenken, nicht zu spät eine neue Herausforderung zu suchen. Als Nummer zwei und sehr zuverlässiger Profi, kann er lediglich auf fünf Erstligaeinsätze verweisen. Ihm fehlt schlicht die Spielpraxis.
Die Situation bei den Torhütern, die seit Sommer vom ehemaligen Bundesliga-Torhüter Richard Golz (Hamburger SV, SC Freiburg) angeleitet werden, ist nicht optimal bei Hertha. „Wir haben uns schon im Sommer darüber Gedanken gemacht“, sagt Cheftrainer Jos Luhukay, „es ist ein gewisses Risiko dabei, weil hinter Kraft mit Sascha und Philipp zwei Leute stehen, die wenig oder keine Erstligaerfahrung besitzen. Dahinter kommen mit Gersbeck und Nils-Jonathan Körber ganz junge Spieler.“ Luhukay kündigte an, die Lage bei den Keepern in der Winterpause neu zu analysieren. „Dann werden wir Bilanz ziehen.“ Indirekt aber hat der Chefcoach die interne Torwartsuche vor dem Duell gegen Augsburg bestätigt. „Vielleicht fehlt da einer, der mit allen Wassern gewaschen ist!“
Hertha sucht nach einer starken Nummer zwei, einem erfahrenen Mann, der Thomas Kraft mehr Konkurrenzdruck macht, als die aktuellen Mitbewerber. Schaut man in die Vergangenheit, war die Position hinter der jeweiligen Nummer eins im Tor meist nicht optimal besetzt. Allerdings gab es eine Ausnahme: Jahrelang agierten der Ungar Gabor Kiraly und Christian Fiedler auf Augenhöhe. Beide trieben sich gegenseitig an und wechselten sich als Stammkeeper ab. Die Mannschaft profitierte von diesem Zweikampf.
Andere Berliner Ersatzkeeper kamen und gingen und können auf ereignisreiche Karrieren zurückblicken. So verdient etwa Gerhard Tremmel nach einer Station bei Red Bull Salzburg noch immer sein Geld in der englischen Premier League beim kleinen Klub Swansea City. Nico Pellatz kam über Limassol auf Zypern und Sparta Rotterdam zu Dynamo Dresden. Tomasz Kuszczak, der Hertha 2005 ohne Erstligaeinsatz verließ, stand später gar im Tor bei Manchester United und der polnischen Nationalmannschaft und spielt noch heute bei Brighton& Hove Albion (zweithöchste Klasse in England). Andere, wie Christopher Gäng, der nur ein 1:5 bei Werder Bremen im Hertha-Tor erlebte, rutschten Klassen tiefer. Gäng spielt beim 1. FC Lok Leipzig in der Regionalliga Nordost.
Jos Luhukay sagt, er mache sich derzeit keine Sorgen. Mit den jungen Torhütern hinter Kraft müsse man Geduld haben. Und mit Thomas Kraft besitzt er einen Keeper mit großen Fähigkeiten – vor allem auf der Linie und in Eins-zu-eins-Situationen. Bei der Lufthoheit aber ist sein Spiel verbesserungswürdig. Krafts Vertrag läuft im Juni 2015 aus, er soll möglichst schon in der Winterpause verlängert werden. Vielleicht ergibt sich die Gelegenheit, wenn die Mannschaft im Januar wieder nach Belek ins Trainingslager fliegt. An Krafts Status als Nummer eins wird natürlich nicht gerüttelt. Alle Verantwortlichen sind von dessen Qualitäten und Potenzial überzeugt. Im Spiel heute gegen den FC Augsburg aber möchte Kraft möglichst wenig zu tun bekommen und lieber die Tore seiner Teamkameraden bejubeln. Luhukay sagt: „Wir spielen jetzt gegen Augsburg, Braunschweig und Bremen. Das sind Spiele, aus denen wir Kapital schlagen müssen.“
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