Seit Dienstag ist er ständig gelaufen. Und das jedes Mal etwas länger. Mal allein, mal mit Athletiktrainer Markus Günther – 20 Minuten, 30 Minuten, 40 Minuten. Pierre-Michel Lasogga, 22, bester Saisontorschütze des vom Abstieg bedrohten Hamburger SV, arbeitet nach seinem Muskelfaserriss im linken Oberschenkel wie ein Besessener daran, am Sonnabend vielleicht im Aufgebot der Hamburger zu stehen. Wenigstens ein Kurzeinsatz scheint möglich. Dann empfängt das Team von Trainer Bert van Marwijk, das zuletzt fünf Niederlagen in Serie kassierte, Aufsteiger Hertha BSC im eigenen Stadion (18.30 Uhr).
„Natürlich ist das ein besonderes Spiel für mich“, sagt Lasogga, „ob ich dabei sein kann, entscheidet sich wohl erst im letzten Moment.“ Offenbar aber rechnet Herthas Trainer Jos Luhukay durchaus mit Lasogga als Gegner. „Beim HSV kommen ja wohl einige verletzte Spieler zurück ins Team“, sagte er gestern, „René Adler, Marcell Jansen, und Lasogga nicht zu vergessen.“
Besondere Brisanz
Das Duell der beiden Traditionsklubs birgt viel Zündstoff. Die Hamburger erleben eine heftige Krise, Profis und Trainer stehen täglich in der Kritik, wie die Schlagzeilen einiger Hamburger Zeitungen zeigen: „Die Bankrotterklärung von van der Vaart“ oder „Nur noch zum Wegschauen“.
Eine besondere Brisanz ergibt sich zusätzlich aus den vertraglichen Verquickungen, die die beiden Manager Michael Preetz und Oliver Kreuzer (HSV) Ende August 2013 ausgehandelt hatten. So wurde Lasogga (Vertrag bei Hertha bis 2015) bis zum Saisonende an den HSV ausgeliehen, im Gegenzug kam der Norweger Per Skjelbred bis Mai 2014 nach Berlin. Beide Leihgeschäfte wurden ohne Kaufoptionen abgeschlossen. Da Lasogga in Hamburg sofort ohne Anlaufzeit seine Tore erzielte – bislang neun in 14 Einsätzen – will ihn der HSV mit aller Macht halten. Lasogga selbst lässt seine Zukunft offen. Auch Skjelbred entpuppte sich bei Hertha schnell als große Hilfe, stieg zum Stammspieler auf und will unbedingt in Berlin bleiben.
Da Trainer Luhukay in der Offensive auf den Kolumbianer Adrián Ramos setzt („Meine Nummer eins“), sehen einige Beobachter die Zukunft von Lasogga in Hamburg, vorausgesetzt, der HSV steigt nicht ab. Angebliche Dissonanzen zwischen Luhukay und Lasogga in der zurückliegenden Saison, die HSV-Manager Kreuzer kolportiert hatte („Die sind wohl nicht die besten Freunde“), hatte Luhukay deutlich zurückgewiesen: „Für mich ist Pierre ein fantastischer Junge mit vorbildlicher Einstellung. Ich gönne ihm jedes Tor.“
Da Ramos, im Moment der führende Torjäger der Liga (12 Treffer), angeblich von Dortmund umworben und vom AS Monaco beobachtet wird, scheint die Lage um die beiden so unterschiedlichen Angreifer kompliziert, obwohl beide Hertha BSC gehören. Am Sonnabend könnten sie im direkten Vergleich zum ersten Mal gegeneinander antreten.
Nicht die Zeit für Vertragsgespräche
Einige ehemalige Stürmer von Hertha sprechen sich allesamt dafür aus, dass Manager Preetz mit beiden Top-Angreifern in die neue Saison gehen soll. So sagt etwa Erich Beer (83 Tore): „Wenn Hertha mit dem neuen Investor im Rücken ein Team aufbauen will, dass im oberen Drittel der Bundesliga mitspielen kann, braucht man diese zwei gefährlichen Leute. Ich würde beide liebend gern bei Hertha sehen.“ Der ehemalige Mittelstürmer Axel Kruse (2 Tore und 22 Treffer in Liga zwei) sagt: „Beide haben ihre Vorzüge. Im Moment spielt Luhukay mit einer Spitze, er könnte aber bei Bedarf sein System umstellen und mit Ramos und Lasogga spielen.“ Für Karlheinz Granitza (34 Tore) stellen die beiden gar „eine ideale Kombination“ dar.
Fakt ist, dass Preetz sowohl Ramos (Kontrakt bis 2015), als auch Lasogga neue, langfristige Verträge offeriert hat – „und das schon länger“, wie er gestern lächelnd bestätigte. „Wir haben unser Ziel deutlich gemacht und arbeiten daran.“ Beide sollen gehalten werden und laut Preetz hat sich nach der jüngsten Partnerschaft mit dem Investor KKR „unsere Position verbessert“.
Die Personalie Lasogga sei aber an diesem Wochenende tabu, sagt Preetz, „wir fahren nach Hamburg, um ein Spiel zu bestreiten. Es ist nicht die Zeit, um Vertragsgespräche zu führen. Das gehört sich im Moment nicht.“
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