21. März. Frühlingsanfang. 22 Uhr. Auf der Couch. Meine Brust fühlt sich an wie in einen Schraubstock gepresst. Vor Atemnot schnappe ich nach Luft. Die 112 wählen? Ich hab doch morgen ohnehin einen Termin beim Kardiologen! Nach einer Viertelstunde schwindet der heftige Druckschmerz. Und damit der Entscheidungsdruck für den fälligen Notruf.
Die Nacht vergeht ohne weiteren Anfall. Nächster Vormittag, Ärztehaus. Die Kardiologin erkennt sofort den Ernst meiner Lage und alarmiert den Rettungsdienst. Verdacht auf akuten Herzinfarkt! Für den Gang zur Toilette lässt mir der Notarzt keine Zeit.
Nach einer rasanten Fahrt im Rettungswagen mit Blaulicht und Sirene Ankunft im Klinikum für Herzchirurgie in Heidelberg. Im Arztbrief steht später die Diagnose: „Kardiogener Schock. Myokardinfarkt. Schwere Dreigefäßerkrankung. Chronische Verschlüsse. Hochgradig eingeschränkte Pumpfunktion.“
Berliner Mediziner warnt: Herzinfarkte werden zu selten erkannt
Eine Intensivpflegerin mit einfühlsamer Stimme sagt: „Herr Weisbrod, wir legen Ihnen jetzt einen Blasenkatheter.“ Ein Arzt klärt mich ruhig auf: „Ihr Herz ist so schwach, dass Sie zur Unterstützung eine künstliche Pumpe benötigen. Wir betäuben Sie lokal und implantieren in Ihrer Leiste einen kleinen Schlauch, der diese externe Pumpe direkt mit der Herzkammer verbindet.“ Impella, wie das Hightech-Gerät fast poetisch heißt, wird bis auf weiteres meine Lebensversicherung sein.
Auch der Anästhesist flößt mir erst Vertrauen und dann den Narkosecocktail ein. Der „notfallmäßige herzchirurgische Eingriff“ (Arztbrief) dauert über dreieinhalb Stunden. Dabei wird das Brustbein der Länge nach aufgetrennt. In der Operation am offenen Herzen wird mein krankes Zentralorgan mit drei Bypässen verstärkt, entnommen den Venen aus dem linken Bein.
Quelle: Charité – Universitätsmedizin Berlin.
© GRAFIK: MÓNICA RODRÍGUEZ/BERLINER ZEITUNG
Ich bin gestorben. Mein Hilferuf bleibt ein stummer Schrei.
Im Dämmerschlaf überkommt mich eine Art Halluzination. Ich liege nackt unter den grellen LED-Leuchten auf dem OP-Tisch. Das Operationsteam unterhält sich angeregt am Ende der „Bahre“. Eine Frau lacht. Ich existiere offenbar nicht mehr für die Lebenden. Die maskierten Grünkittel entfernen den Tubus aus der Luftröhre und räumen gemächlich die OP-Instrumente ab. Ich bin gestorben. Mein Hilferuf bleibt ein stummer Schrei.
Was für ein ungerechter, unfairer Albtraum! Diese exzellente Crew aus Herzchirurgen, Anästhesisten, Kardiotechnikern und Pflegekräften hat mir soeben das Leben gerettet! Wie ich erst am nächsten Morgen erfahre, haben sich während der Operation Angehörige vor dem Klinikum eingefunden. Mein aus Berlin angereister Sohn hält den Kontakt mit der Herzchirurgie. Nach der ersten kritischen Nacht auf der Intensivstation die Entwarnung. Ich habe den schweren Eingriff auch dank meiner sportlichen Konstitution glimpflich überstanden.
Im multifunktionalen Intensivbett wird mir nach dem Aufwachen schnell klar, dass ich vorerst das bin, was man einen Pflegefall nennt. Eine menschliche Großbaustelle mit einer 50 Zentimeter langen Beinwunde (von der Venenentnahme für die Bypässe) und einer vertikalen, wie am Lineal gezogenen 20-Zentimeter-Naht über dem Brustkorb. An der Leiste angedockt: besagte Impella-Maschine.
Warum Frauen öfter an einem Herzinfarkt sterben als Männer
Am Hals der zentrale Venenkatheter ZVK, über den das Herz auf dem kurzen Dienstweg medikamentös versorgt und der Venendruck kontrolliert wird. Außerdem: diverse Drainagen und gefühlt 20 Schläuche mit Infusionen aller Art. Lebensnotwendige „Total Control“: Wohl nirgends ist dieser TV-Serientitel so angebracht wie hier! Ich fühle mich hilfloser als ein Kleinkind in meinem offenen Flügelhemd, habe Intimsphäre und Unabhängigkeit verloren.
Selbst im Bett darf ich mich nicht frei bewegen. Mein rechtes Bein muss ständig gestreckt sein. Hier ist die Schnittstelle für den Herzkatheter, der mich mit Impella vernetzt. Liegen geht nur auf dem Rücken, nicht auf der Seite und schon gar nicht auf dem Bauch.
Wehe, der Darm rumort
Und wehe, der Darm rumort! In meinem ganzen Erwachsenenleben war ich noch nie auf ein Steckbecken (vulgo: Bettpfanne) angewiesen. Nun kauere ich in Rückenlage darauf und brüte wie die Henne über ihren Eiern.
Nachts das künstliche Licht, das ewige Blinken und Piepen der Monitore, die Geräusche des erleuchteten Flurs, das leise Hantieren der unermüdlichen Nachtschwestern. Auf der Brust eine Handvoll Elektroden, verkabelt mit einer Art Smartphone, das rund um die Uhr Herzfrequenz und -rhythmus misst.
Der Tag auf der Intensivstation beginnt für Patienten früh, spätestens um 6 Uhr. Die Standards in alphabetischer Abfolge: Atemtherapie, Bettgymnastik, Blutabnahmen, Blutzucker, EKG, Essen (drei Mahlzeiten), Fiebermessen, Gewichtskontrolle, Heparin-Spritzen (gegen Thrombose), Körperhygiene, Medikamente (28 Tabletten!), Röntgen Lunge, Sauerstoff-Sättigung, Ultraschall Herz, Verbandswechsel.
Dabei habe ich als Patient die leichtere, weil passivere Aufgabe. Die wahre Höchstleistung liefern rund um die Uhr im Dreischichtbetrieb Intensiv-Pflegekräfte. Bei allem Stress bleiben sie stets zugewandt. Ihre Vornamen – ob sie nun Anne, Chantal, Ingrid, Sandro, Lena, Lisa, Maher oder Stefanie heißen – werde ich in dankbarer Erinnerung behalten.
Tief beeindruckt hat mich auch mein letzter Intensivnachbar. Der 62-jährige Pfälzer erhielt vor etwa drei Jahren ein Spenderherz. Doch Abstoßreaktionen fesseln ihn ständig ans Bett. Auf der Intensivstation ist er Dauergast. Mit bewundernswerter Haltung versucht der stattliche Mann, mit Hilfe seiner Familie das Beste aus seinem radikal eingeschränkten Leben zu machen. Er fühlt sich als Gefangener in seinem Körper. Atmen, essen, trinken, (meist schlecht) schlafen sind die Grundbedürfnisse, die es tagtäglich zu bewältigen gilt. Er sagt mit ruhiger Stimme: „Herzversagen, Lungenversagen, Nierenversagen. Ich weiß, dass ich jederzeit sterben kann.“
Rückkehr in mein „normales“ Leben
Nach sieben Tagen strikter Bettruhe wird mein Herz von Impella (grazie!) abgekoppelt und ich auf die Normalstation verlegt. Was für ein Gefühl, dass meine gute alte Pumpe wie all die Jahre zuvor wieder ohne Hightech-Maschine funktioniert.
Nach der Entlassung steht die Anschlussheilbehandlung in der Rehaklinik an. Danach beginnt die Rückkehr in mein „normales“ Leben, das kurz vor meinem Geburtstag fast ein jähes Ende gefunden hätte. Und das nur, weil ich dachte: Die 112 wählen? Ich hab doch morgen einen Termin beim Kardiologen!
Joseph Weisbrod ist ausgebildeter Verlagsbuchhändler. Nach jahrzehntelanger Führungstätigkeit in der Verlagsbranche schreibt er heute am liebsten über Bücher, Italien, Reisen und Fußball.
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