Heute schon jedäumelt?

Über die Bedeutung der Daumen im Zeitalter des Smartphones

Der Daumen ist zum Symbol der Menschwerdung schlechthin geworden.

Thorsten Harmsen
3 Min
Welche Rolle hat der Daumen denn früher gespielt? Gar Keine!

Welche Rolle hat der Daumen denn früher gespielt? Gar Keine!

© imago/Westend61

„Weeßte, wie der Mensch in ein paar Jahrzehnten aussehen wird?“ fragt mich mein alter Kumpel. „Nee“ – „Na, die Beene brauchste dann nich mehr“, sagt er, „nur noch so janz kleene, krumme, weil de ja nich mehr ville loofst. Der Hintern dajejen muss richtich jroß und breit sein, damit de beim Dauersitzen nich umkippst. Und ’n Monsternacken brauchste, so hart wie’n Stahlbüjel, weil dir ja ständich der Kopp nach vorn sackt, wejen dit Smartphone. Janz wichtich is ooch der Daumen. Ohne den jeht nix mehr.“

Das stimmt. Wie jeder beobachten kann, ist der Daumen zum Symbol der Menschwerdung schlechthin geworden. Zumindest der digitalen. Schwindelig wird einem, wenn man die Leute in der Bahn sieht, wie sie in irrer Geschwindigkeit mit ihren Daumen Nachrichten auf dem Smartphone tippen. Oder Bilder wegwischen – wusch, wusch. Man müsste ein neues Wort dafür erfinden. „Eh, ick hab dir ’ne Nachricht jedäumelt. Haste die schon jesehn?“

„Pi mal Daumen einsfuffzich“

Welche Rolle hat der Daumen früher gespielt? Keine! Na gut, das stimmt nicht. Der gereckte Daumen ist schon lange ein Zeichen für „haste jut jemacht“, „allet Rodscha!“, „det Ding is jut jeloofen“ und so weiter. An Daumen runter will ich gar nicht denken. Das hieß ja oft: „Kopp ab!“

Der Daumen ist seit langem auch ein erstklassiges Schätzinstrument. Der Heimwerker misst „Pi mal Daumen einsfuffzich“, bevor er das Brett viel zu kurz absägt. Man kann auch die „Daumen drücken“, einen „dicken Daumen“ zeigen, den Daumen auf etwas „drauf haben“. Und wem zu Hause die Zimmerpflanzen nicht verrecken, der hört bestimmt gern das Lob, einen „grünen Daumen“ zu besitzen. Bei mir packen dagegen sogar die Kakteen ihre Koffer, um zu ihren Brüdern nach Mexiko abzuhauen.

„Weißt du, warum ein Schwein nich Fahrrad fahren kann?“ fragte mich mein Opa, als ich noch klein war. – „Nein“ – „Na, weil et keen’ Daumen hat zum Klingeln.“

Und das ist sehr, sehr wahr. Ein Schwein kann auch nicht Flöte spielen. Oder Skat. Es kann kein Geld zählen und keine Stecknadeln vom Boden aufheben, ohne dass es sich in die Schnauze piekt. Für all das braucht man nämlich einen hoch entwickelten, beweglichen Daumen. Nur der Mensch kann Daumen und Finger zum sogenannten Pinzettengriff schließen, wie Wissenschaftler sagen.

Däumchen drehen

Der Daumen hatte also einen entscheidenden Anteil an der Menschwerdung. Und nun treibt er auch noch – tipp, tipp, wusch, wusch – den digitalen Fortschritt voran. Was wiederum Veränderungen im menschlichen Gehirn nach sich zieht. Wie Schweizer Wissenschaftler herausfanden, reagiert das Hirnareal, das für Reize und Bewegung des Daumens zuständig ist, neuerdings besonders sensibel. Es wird durch die ständige Smartphone-Nutzung trainiert.

Für mich spielen die Daumen übrigens noch eine ganz besondere Rolle. Denn wenn meine Hände gerade nichts zu tun haben, beschäftigen sie sich mit Daumendrehen. Und zwar oft ganz unbewusst, meist vorwärts, so dass meine Frau einmal sagte: „Kannste die auch andersrum drehen, damit die Gelenke gleichmäßig abgenutzt werden?“

Meine Töchter wiederum stellten sich vor, ich wäre ein Kosmonaut. Dann bräuchte ich einen Raumanzug mit speziellen Aussparungen für die Daumen. Beide spielten mir auf Zehenspitzen und in Zeitlupe vor, wie ich ganz easy in der Raumstation schweben würde, während ich dazu Däumchen drehe. Immer nur vorwärts. Gaaanz langsam.

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