Hilfloser Nationalismus

Stephan Kaufmann
4 Min

Was hat Thilo Sarrazin mit der Kritik an Chinas Exporten zu tun? Scheinbar nichts. Doch sowohl die Zweifel des Ex-Bundesbankers an der Produktivität bestimmter Immigrantengruppen wie auch die Beschwerden über Pekings unfaire Handelspraktiken sind Ausdruck einer derzeit weltweiten Tendenz: des ökonomischen Nationalismus. Er äußert sich in einem Misstrauen gegen Ausländer und gegen das Ausland.Vor allem in Krisen besteht das Bedürfnis nach Erklärung der Misere. Und diese Suche nach Erklärungen mündet zielsicher in die Suche nach Schuldigen. Hier bieten sich einige an: gierige Banker, unfähige Politiker, faule Arbeitslose. Oder eben das Ausland und die Ausländer.Der Vorwurf richtet sich zum einen gegen die Immigranten. Ökonomisch gesehen sind sie mit zwei Behauptungen konfrontiert. Erstens: Die Ausländer nehmen "uns" etwas weg - wenn sie arbeiten die Jobs, wenn sie nicht arbeiten, die Sozialleistungen. Etwa ein Drittel der Deutschen ist nach einer neuen Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung davon überzeugt, dass Ausländer "nur hierherkommen, um unseren Sozialstaat auszunutzen".Dieser Vorwurf sieht großzügig darüber hinweg, dass auch Ausländer Arbeitsplätze nicht einfach nehmen können, also auch nicht wegnehmen. Denn die begehrten Jobs gehören nicht ihnen, sondern den Unternehmen. Mit "wegnehmen" wird auch kein Diebstahl beklagt, sondern eine Form des ungerechtfertigten Vorteils. Denn Arbeitsplätze stehen nur Deutschen zu. Dahinter steht die Idee, Jobs seien eine Art Dienstleistung fürs Staatsvolk.Zweite Behauptung: Die Ausländer taugen nichts für Deutschland. Sie sind faul, schlecht ausgebildet, können kaum mehr als Gemüse verkaufen und bringen das Bruttoinlandsprodukt Deutschlands nicht voran. Sie mögen hierzulande Gast sein, aber am Gast soll ja der Wirt verdienen.Derartige Schmarotzer-Vorwürfe existieren überall auf der Welt, die ganze Armutsleiter hinunter: In Frankreich schimpft man auf Nordafrikaner, in den USA auf Mexikaner, in Indonesien auf die Chinesen, in Südafrika auf die Flüchtlinge aus Simbabwe und in Simbabwe auf die Nachbarn aus Sambia.Gespeist wird dieses Misstrauen gegen Ausländer aus einem Ideal - dem Ideal einer Wirtschaft, in der alles zum Besten bestellt ist, solange nur jeder an seinem angestammten Platz steht und sich redlich bemüht. Probleme entstehen in dieser Idealwelt nur, wenn einer die Regeln verletzt. Und der kommt für einen Nationalisten stets aus dem Ausland.Dem Misstrauen gegen Ausländer, die ungerechtfertigte Einnahmen erzielen, entspricht das Misstrauen gegenüber dem Ausland, das sich durch unfaire Praktiken Vorteile erschleicht. Das zeigt die Debatte um einen drohenden "Handelskrieg", bei dem jede Landesgrenze zu einer Front mutiert. Die Töne werden hier immer schärfer. Da beschweren sich US-Politiker über Chinas Exportoffensive, die amerikanische Jobs kostet. Japan steht dabei an der Seite der USA, bekommt aus Washington aber den gleichen Vorwurf zu hören. Europa rügt ebenfalls Pekings aggressive Handelspolitik und sorgt sich um den Zugang zu Rohstoffen. Schon ist mal wieder von der "gelben Gefahr" die Rede. Asien wiederum schimpft auf Europa, Japan und die USA, da sie mit ihrer konjunkturfreundlichen Niedrigzinspolitik die Weltkapitalmärkte destabilisierten und Schranken gegen den Zustrom von Kapital errichteten.Diese Vorwürfe haben eine ökonomische Basis: Tatsächlich handelt es sich beim Weltmarkt um eine Konkurrenzveranstaltung, bei der jeder gegen jeden spielt. Einerseits. Andererseits jedoch sind die Konkurrenten alle voneinander abhängig - als Käufer und Verkäufer, als Lieferant, Mitarbeiter und Partner. Läuft die Wirtschaft in den USA schlecht, sinken auch in Japan die Börsenkurse. Hat China ein Problem, leidet auch Europa. Ein Aufschwung in den Industrieländern würde allen Schwellenländern nutzen.Weder ist der Markt also ein Nullsummenspiel, bei dem einer auf Kosten der anderen lebt. Noch herrscht dort allseitige Harmonie, in der alle voneinander und miteinander profitieren. Es ist ein Spannungsverhältnis. Spannungsverhältnisse aber lassen sich nicht nach nur einer Seite auflösen. Es mag faule Ausländer geben oder Länder mit unfairer Handelspolitik. Alleinige Urheber der Probleme können sie jedoch nicht sein. Denn das Problem ist struktureller Natur und wird nur durch Kooperation gelöst. Die Klage über das Ausland oder die Ausländer mag für den Kläger zwar angenehm sein. Denn sie ist billig. Da sie aber keine Erklärung ist, führt sie nicht zum Grund der Krise - und bietet daher auch keine Lösung.------------------------------Einerseits handelt es sich beim Weltmarkt um eine Veranstaltung, bei der jeder gegen jeden spielt. Andererseits jedoch sind die Konkurrenten alle voneinander abhängig.

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