Die israelische Militärpolizei eröffnet eine strafrechtliche Untersuchung zum Tod der fünfjährigen Palästinenserin Hind Rajab und zweier Sanitäter im Gazastreifen. Das Mädchen hatte im Januar 2024 stundenlang in einem unter Beschuss geratenen Auto ausgeharrt und am Telefon um Rettung gebeten. Die Aufnahmen ihrer letzten Gespräche sorgten weltweit für Entsetzen.
Eine zweite strafrechtliche Untersuchung betrifft den Tod von 15 palästinensischen Rettungs- und Hilfskräften im März 2025. Dagegen wird nach dem israelischen Angriff auf einen Konvoi der Hilfsorganisation World Central Kitchen, bei dem sieben Menschen starben, kein Strafverfahren eröffnet.
Die Entscheidungen folgen auf Untersuchungen des sogenannten Fact-Finding and Assessment Mechanism der israelischen Streitkräfte. Dieses militärische Gremium hat nach Angaben der Times of Israel bislang rund 150 Vorfälle geprüft und seine Ergebnisse an die Militärstaatsanwaltschaft übergeben. Diese entscheidet, ob strafrechtliche Ermittlungen eingeleitet werden.
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Hind Rajab wartete stundenlang auf Rettung
Hind wurde am 3. Mai 2018 geboren und war bei ihrem Tod fünf Jahre alt. In vielen Medienberichten war ihr Alter zunächst mit sechs Jahren angegeben worden.
Nach Angaben des Palästinensischen Roten Halbmonds und Recherchen der Washington Post war Hind am 29. Januar 2024 mit Verwandten auf der Flucht durch das Viertel Tel al-Hawa in Gaza-Stadt. Ihr Auto geriet unter Beschuss. Hinds Tante, ihr Onkel und drei ihrer Cousins waren bereits tot, als die 15-jährige Layan Hamadeh, eine weitere Cousine, den Roten Halbmond anrief.
In der vom Roten Halbmond veröffentlichten Aufnahme sind Schüsse zu hören, dann bricht die Verbindung zu Layan ab. Als die Mitarbeiter erneut anrufen, meldet sich Hind. Sie sagt, alle anderen im Auto seien tot. Das Mädchen erklärt, es habe große Angst, und bittet darum, abgeholt zu werden.
Eine Installation in Gaziantep erinnert an das beschossene Auto, in dem Hind Rajab starb.
© Muhammed Ibrahim Ali/imago
Mitarbeiter des Roten Halbmonds blieben mehrere Stunden mit Hind in Verbindung. Nach einer rund dreistündigen Wartezeit erhielt die Organisation nach eigenen Angaben von israelischer Seite grünes Licht, einen Krankenwagen zu schicken.
Kurz nachdem das Fahrzeug den Einsatzort erreicht hatte, brach auch der Kontakt zu Hind und den beiden Sanitätern Yusuf al-Seino und Ahmed al-Madhoun ab. Erst zwölf Tage später konnten Helfer das Gebiet erreichen. Sie fanden die Leichen des Mädchens und seiner sechs Angehörigen im Auto. Wenige Meter entfernt lag der zerstörte Krankenwagen mit den Leichen der beiden Sanitäter.
Israelische Armee bestritt zunächst Präsenz eigener Soldaten
Das israelische Militär erklärte zunächst, eigene Soldaten hätten sich zum Zeitpunkt des Vorfalls nicht in der Nähe befunden. Recherchen der Washington Post und von Sky News anhand von Satellitenbildern, Aufnahmen und Zeugenaussagen belegten jedoch israelische Panzerfahrzeuge in dem Gebiet.
Eine Analyse der Washington Post kam außerdem zu dem Ergebnis, dass die Rettungsfahrt zuvor mit der israelischen Seite abgestimmt worden war. Die beiden Sanitäter hätten eine vorgegebene Route genommen, auf der ihnen Sicherheit zugesichert worden sei.
Die nun angeordnete strafrechtliche Untersuchung soll den gesamten Vorfall erfassen. Nach Informationen der Jerusalem Post steht besonders die Frage im Mittelpunkt, weshalb die Freigabe für den Krankenwagen offenbar nicht an die israelischen Einheiten vor Ort weitergegeben wurde.
Der israelische Militärgeneralanwalt Itay Offir sehe darin mindestens Anhaltspunkte für grobe Fahrlässigkeit, berichtet die Zeitung. Ob bereits gegen bestimmte Soldaten oder Mitarbeiter der für die Palästinensergebiete zuständigen Militärverwaltung ermittelt wird, ist nicht bekannt.
Strafverfahren nach Tod von 15 Rettungskräften
Auch der Tod von 15 palästinensischen Rettungs- und Hilfskräften in Rafah wird nun strafrechtlich untersucht. Israelische Soldaten hatten am 23. März 2025 auf mehrere Krankenwagen, ein Feuerwehrfahrzeug und ein Fahrzeug der Vereinten Nationen geschossen.
Die Leichen wurden Tage später zusammen mit mehreren Fahrzeugen unter Sand gefunden. Das israelische Militär erklärte zunächst, die Wagen seien ohne Scheinwerfer und Warnleuchten auf die Soldaten zugefahren. Eine Aufnahme vom Mobiltelefon eines getöteten Sanitäters widersprach dieser Darstellung. Darauf waren deutlich gekennzeichnete Einsatzfahrzeuge mit eingeschalteten Scheinwerfern und blinkenden Warnleuchten zu sehen.
„The Voice of Hind Rajab“ wurde im Dezember 2025 im Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York gezeigt.
© Islam Dogru/imago
Das Militär korrigierte daraufhin seine erste Darstellung und räumte schwere professionelle Fehler ein. Ein Offizier wurde entlassen, ein weiterer gerügt. Trotz dieser disziplinarischen Konsequenzen soll nun zusätzlich geprüft werden, ob sich beteiligte Soldaten oder Vorgesetzte strafbar gemacht haben.
Keine strafrechtlichen Ermittlungen im Fall World Central Kitchen
Anders entschied die Militärjustiz im Fall World Central Kitchen. Israelische Streitkräfte griffen am 1. April 2024 nacheinander drei Fahrzeuge der Hilfsorganisation an. Dabei wurden sieben Mitarbeiter aus Australien, Großbritannien, Polen, den USA, Kanada und den palästinensischen Gebieten getötet.
Die Fahrt war mit dem israelischen Militär koordiniert worden. Die Fahrzeuge trugen gut sichtbare Logos der Organisation. Nach der damaligen Untersuchung des Militärs hielten die beteiligten Soldaten den Konvoi irrtümlich für von der Hamas übernommen. Zwei Offiziere wurden entlassen, mehrere Kommandeure gerügt.
Die Militärstaatsanwaltschaft erklärte nun, es bestehe kein begründeter Verdacht auf strafbares Verhalten. Der Fall werde deshalb ohne strafrechtliche Ermittlungen geschlossen.
World Central Kitchen hatte bereits nach der ersten Untersuchung eine unabhängige Kommission gefordert. Die israelische Armee könne ihr eigenes Versagen nicht glaubwürdig untersuchen, erklärte die Organisation damals.
Auch zwei Verfahren zum Tod von insgesamt vier Mitarbeitern von Ärzte ohne Grenzen wurden ohne strafrechtliche Untersuchung beendet. In einem der Fälle ordnete die Militärjustiz lediglich disziplinarische Maßnahmen an.
Die israelische Menschenrechtsorganisation Yesh Din bezweifelt, dass die neuen Ermittlungen zu einer Anklage führen. Gemessen an der Zahl der Beschwerden komme es nahezu nie zu Anklagen gegen israelische Soldaten oder Kommandeure, sagte ein Sprecher der Organisation laut Reuters. Selbst bei Verurteilungen seien die Strafen meist auffallend milde.
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