Ein grauer, kalter Nachmittag im Charlottenburger Norden. Fast versteckt zwischen Lagerhallen und umgenutzten Industrie-Etagen ist hier in einer ehemaligen Zigarettenfabrik die Berliner Zentrale von Colt Technology Services untergebracht. Das Unternehmen hat zu einem Rundgang über die „digitale Berlinale“ und zum Blick hinter die Kulissen eingeladen. Ein gutes Dutzend Journalisten ist erschienen; für die Erklärungen von Betrieb und Ablauf sind Firmenvertreter, PR-Leute und Ove Sander von der Berlinale anwesend.
Über einen unscheinbaren Hofeingang betritt man das Gebäude. Dem Pförtner hinter einer Panzerglasscheibe legt man seinen Personalausweis vor, erst dann schaltet er die massive Drehtür frei. Diskretion und Sicherheit sind bei Colt Schlüsselthemen, die Firma mit Sitz in London ist, so die Selbstbeschreibung, „ein führender Anbieter integrierter Computing- und Netzwerk-Services“. In 22 europäischen Ländern und in den USA speichert Colt für Kunden Daten und stellt diese über eigene Glasfasernetze zur Verfügung. Eine große Verantwortung, auch gegenüber der Berlinale: In diesem Jahr sind erstmals alle Hauptspielstätten per Glasfaser angeschlossen, fast alle Berlinale-Filme lagern jetzt als Datenpakete in Charlottenburg.
Wichtiger als Models und Limos
Die Brisanz dieser technischen Umstellung und Innovation lässt sich beim Rundgang nur vage erahnen. In einer großen Halle stehen vergitterte Schränke mit Servern, in einer Ecke finden sich die Kessel einer Speziallöschanlage, das Kühlungssystem rauscht und wummert. Nach einigen Minuten zieht man in einen fensterlosen Konferenzraum weiter. Es wird technisch, Zahlen und Fachbegriffe purzeln durch den Raum. Die Berlinale, sagt Ove Sander, sei jetzt „durch-digitalisiert“. Mit Ausnahme der temporären Spielstätten Friedrichstadt- und Berlinale-Palast sind heute alle Festival-Kinos ohnehin auf digitale Vorführung eingerichtet und bis auf einige Kiez-Kinos alle vernetzt.
Inzwischen erreichten, so Sander, 60 Prozent der Filme das Festival als Datensatz, als „Digital Cinema Package“ (DCP), der Rest wird auf Band, nur noch ein ganz kleiner Teil als 35mm-Kopie eingeschickt. Die Filme werden nötigenfalls in das DCP-Format gebracht, auf Kompatibilität und Vollständigkeit geprüft und dann im Rechenzentrum von Colt gespeichert und vorgehalten, um von dort für die Festivalvorführung abgerufen zu werden. Die Firma stellt Räume und Glasfaser-Netzwerk (1000 km Kabel in Berlin, 300 km Tiefbautrasse); zwei 10-Gigabit-Leitungen stehen der Berlinale zur Verfügung. Ohne diese Unterstützung und Sponsoring auch im technischen Bereich wäre das Festival wohl nicht möglich: Die EMC Corporation stellt über 400 Terabyte Speicherkapazität für die gut 1000 Berlinale-Filme, viel Digitaltechnik leiht sich das Festival. Das ist vielleicht nicht so sexy wie die Limos und schönen Models anderer Festival-Sponsoren, aber wichtiger.
200 Gigabyte Film pro Tag
An die Stelle von Filmrissen treten heute defekte Festplatten und das Fehlen jener Schlüssel, mit denen sich die DCPs erst wie mit einem Passwort abspielen lassen. Angesichts vieler Probleme kämen immer mehr Filme unverschlüsselt zur Berlinale, meint Ove Sander. Olaf Stehr von Colt wird gefragt, wie sicher das Glasfaser-Netzwerk ist: Zwar sei die Berlinale leider im Februar („für Tiefbautrassen eher schlecht“), aber Reparaturen seien in wenigen Stunden möglich. Als zusätzliche Sicherheitsmaßnahme werden die Filme frühzeitig von Colt zum Filmoffice der Berlinale und von da an die Kinos überspielt, 300 Filme à 150-200 Gigabyte pro Tag oder Nacht, viele davon für den European Film Market (EFM).
Trotz Digitalisierung bleiben Prüfung, Wartung und Schlüssel-Verwaltung personalintensiv. Statt per Programm werden Datensätze auf den Servern manuell gelöscht. Und auch die Filmvorführungen brauchen Personal: Während in den Kinos der großen Ketten alles zunehmend nach Schema aus der Ferne gesteuert wird, braucht das Festival Flexibilität, Kontrolle und Leute an den Projektionsgeräten. „Berlinale-Vorführungen,“ sagt Ove Sander, „lassen sich nicht programmieren.“
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