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Die Influencer-Welt hat ihren neuen Skandal: Papaplatte (bürgerlich Kevin Andreas Teller) ist einer der größten Twitch-Streamer Deutschlands und sieht sich seit einigen Tagen mit Vorwürfen eines ehemaligen Cutters konfrontiert, der ihm „Abzocke“ und schlechte Kommunikation vorwirft. In einem auf dem YouTube-Kanal „Pamabu“ veröffentlichten Video berichtet der ehemalige Mitarbeiter von seiner Zeit im Team des Streamers.
Im Jahr 2023 erstellte Pamabu einen YouTube-Kanal, auf dem er sogenannte Reaction-Videos aus den Twitch-Aufnahmen von Papaplatte herausschnitt und hochlud. Der Kanal gewann schnell an Reichweite und nach späterer Kontaktaufnahme mit Papaplatte wurde Pamabu in die Riege der offiziellen Kanäle aufgenommen. Zunächst mit einer hälftigen, dann 25-prozentigen Beteiligung, kümmerte sich der Cutter um die vollständige Arbeit des Kanals. Im Laufe der Zeit stiegen die Einnahmen immer weiter und die Vertragsmodalitäten wurden sukzessive zum Nachteil des Cutters angepasst. Die schlussendliche Vereinbarung lag bei einem Festbetrag plus einer 1,5-prozentigen Beteiligung, bis die Zusammenarbeit aufgrund von Qualitätsunzufriedenheit seitens Papaplatte beendet wurde.
Familiäre Atmosphäre – auch mit 50.000 Zuschauern
Pamabu ist mit seinen Erfahrungen nicht allein. Einige Tage nach dem Upload seines Videos folgten ihm weitere Cutter, die von ähnlich schlechten Arbeitsbedingungen berichteten. Die Rede ist vermehrt von unzureichenden Absprachen, fehlender Zuverlässigkeit und fehlenden Arbeitsverträgen. Und auch wenn dieses Metier besonders unreguliert erscheint, bewegt es sich doch im Rahmen kapitalistischer Normalität. Wieso ist also die Empörung so groß?
Ein Großteil der Influencer wird an ihrer Persönlichkeit gemessen. Auch wenn ein Twitch-Stream ein Live-Publikum von über 50.000 Menschen erreicht, wird trotzdem die Atmosphäre eines gemütlichen Abends unter Freunden vermittelt. Wenn allerdings die Charakterfrevel – meist durch die Enthüllung anderer – zum Vorschein kommen, ist das für viele Zuschauende ein Dorn im Auge. Im letzten Jahr traf es die ebenfalls sehr erfolgreiche Twitch-Streamerin AnniTheDuck, die sich u.a. Vorwürfen von Machtmissbrauch und Tierquälerei stellen musste. Ein Grenzüberschritt, der für viele den Konsum ihrer Streams unmöglich machte.
Die Streamerin AnniTheDuck auf der Gamescom 2022
© Christoph Hardt/imago
Das Stichwort hier ist parasoziale Interaktion. Eine Gehaltsanpassung bei einem vermuteten monatlichen Einkommen im fünf- bis sechsstelligen Bereich wird demnach zunächst als menschliche Enttäuschung verstanden, nicht als ökonomisches Kalkül. Influencer sind dabei seit geraumer Zeit nicht mehr nur Werbeprojektionen großer Unternehmen. Viele der Big Player sind inzwischen selbst Unternehmer bzw. Eigentümer und bieten von Beautyartikeln bis hin zu Energydrinks eine ganze Produktpalette an.
Selbstverständlich beschäftigen diese Unternehmen Mitarbeiter, die jedoch in den Eskapaden auf Social Media unsichtbar bleiben. Im Gegensatz dazu sind die Cutter großer Streamer dem Publikum zu einem gewissen Grad bekannt und meist Teil der Community. Der Prozess der Ausbeutung bleibt aber derselbe: Der Cutter schneidet, bearbeitet und lädt die Videos auf dem Kanal hoch; der Streamer schöpft den entstandenen Mehrwert ab. In der allgemeinen Kategorisierung von Influencern wird also ein Punkt zunehmend entscheidend: die Verwertung des Urheberrechts.
Auch kumpelhafte Streamer sind am Ende Arbeitgeber
Die Debatte ist also primär eine ökonomische – wird aber überwiegend mit der Brille moralischer Falschheit betrachtet. „Geldgier“, „Abzocke“, „Scam“ sind die falschen Begriffe; Profitmaximierung ist das höchste Gebot.
Und das ist schon seit längerer Zeit kein Geheimnis mehr. Bereits im vergangenen Jahr sorgte eine Diskussion der beiden großen Twitch-Streamer Trymacs und Schradin für Aufsehen, da dort die Notwendigkeit einer Obergrenze für das Einkommen von Cuttern besprochen wurde: „Ein Cutter ist sehr viel wert, (…) aber ein Cutter wird nicht mehr verdienen als ein Chefarzt in Deutschland“, erläutert Schradin an einer Stelle. Papaplatte kann dem nur zustimmen: „Dann kann nicht 10K an einen Reaction-Cutter gehen, Bro, geht nicht.“ Man kann sich hier die naive Frage stellen: Warum nicht? Warum sollte ein Cutter in einer so profitablen Branche nicht die Früchte seiner Arbeit ernten dürfen?
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Die Zuschauerseite weiß zwar um die Profitabilität der Influencer- und Streamerbranche, kann sich aber nicht erklären, warum ein Papaplatte mit Bezügen im Millionenbereich die Gehälter seiner Mitarbeiter umverteilen muss. Die freundliche und kumpelige Streamer-Fassade fängt da an zu bröckeln, wenn es darum geht, Chef zu sein.
Festzuhalten ist: Der Cutter fungiert in erster Linie als Arbeitskraft und erscheint im Kontext von Pamabu als zusätzlich leicht austauschbar. Gemäß den Regeln des Systems muss der Cutter in Relation zum Influencer kleingehalten werden – das Business geht nun mal vor.
Dass Content Creator und Influencer nicht mehr einfach Persönlichkeiten mit Blödel-Videos im Internet sind, sondern immer weiter der eigenen Monetarisierung unterstehen, ist mittlerweile weitgehend bekannt. Jetzt gilt es zu begreifen, dass die aktuellen Geschehnisse kein Indiz reiner Geldgier sind, sondern lediglich die Fortschreitung und Eingliederung der Influencer in kapitalistische bzw. unternehmerische Strukturen.
Jonas Kahler ist Master-Student der Germanistik an der Universität Bonn. Er arbeitet als wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für Germanistik der Universität Duisburg-Essen.
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