Wenn Michael Klochmann aus seinem Fenster schaut, sieht er sie jeden Tag da unten stehen: die Polizisten, Dealer, Junkies und Trinker, die Hipster, Touristen, Rentner und die Dönerverkäufer. Nachbarn, Freunde, flüchtige Bekannte und Fremde. Sie alle, die das Kottbusser Tor als Konfliktherd in die Schlagzeilen bringen, aber auch zu einem der urbansten Orte in Deutschland machen.
„Das ganze Land guckt auf uns, wenn hier mal wieder ein Verbrechen geschieht“, sagt Michael Klochmann. „Jetzt gucken wir zurück!“ Der 60-Jährige wohnt im Zentrum Kreuzberg. An der weißen Fassade des berühmten Brückenbaus aus den 70er-Jahren, der früher Neues Kreuzberger Zentrum (NKZ) hieß, hängen zurzeit etwa 20 Plakate mit Augenpaaren von Hausbewohnern. Eines davon gehört Michael Klochmann.
„Wir sind der Kotti“
„Wir wollen zeigen, dass hier Menschen leben, dass das Kottbusser Tor mehr ist als eine Projektionsfläche für alles, was in der Stadt schiefläuft“, sagt er. Die Transparente sind eine Kunstaktion im Rahmen des Nachbarschaftsprojekts „Wir sind der Kotti“, an dem auch der Verein Kotti-Coop und der Projektraum Kotti-Shop mitarbeiten.
Es scheint, als habe jeder Anwohner, den man am Kottbusser Tor fragt, eine etwas anderen Sicht auf sein Zuhause. 1 250 Mieter im Zentrum Kreuzberg, die 1 250 verschiedene Blicke auf den Platz werfen. „Und wir gucken nicht nur – wir wollen auch mitreden, wenn es um die Zukunft geht“, sagt Michael Klochmann, der seit 2011 im Haus lebt.
Hauptberuflich arbeitet er als Programmierer, nebenbei engagiert er sich für die Kältehilfe. Seine Sorge gilt den Süchtigen. Seit sich die Drogenszene in den 90er-Jahren in den Treppenaufgängen des Betonensembles einnistete, ist sie nicht mehr gegangen. Dutzende Junkies stehen täglich an den U-Bahn-Eingängen, manchmal scherzend, manchmal halb besinnungslos. „Man muss sich eine dicke seelische Hornhaut zulegen, um jeden Tag durchzulaufen“, sagt Klochmann.
Anlaufstelle für Junkies
Klochmann befürwortet eine Idee, die unter den Anwohnern für Debatten sorgt: eine feste Anlaufstelle für Süchtige im Zentrum Kreuzberg, mit Duschen und Gesundheitsbetreuung. „Dann wären die Abhängigen nicht in die Heimlichkeit gezwungen. Eine Entkriminalisierung würde etwas Elend aus der Welt schaffen.“ Anfang Oktober sicherte der Senat finanzielle Unterstützung für die Einrichtung zu, ein Betreiber ist aber noch nicht gefunden. Auch sind manche Bewohner dagegen, weil sie fürchten, ein Zufluchtsort würde noch mehr Junkies anziehen.
Abdul Aktürk findet, heute habe sich die Lage schon ziemlich verbessert. „Früher, als wir Kinder waren und mit zehn Jahren das erste Mal alleine zu Schule gingen, sind wir im Treppenhaus über einen Mann gestiegen, dem noch die Spritze im Arm steckte“, sagt Aktürk, den alle hier nur Apo nennen. Heute ist er 33 Jahre alt und wohnt immer noch im Zentrum Kreuzberg, im elften Stock unterm Dach. Seine Familie betreibt einen Dönerladen und einen Kaffeeshop in der Gewerbezeile.
Abdul Aktürk hat auch schöne Erinnerungen an seine Kindheit hier. „Die Flure, die verwinkelten Treppen, die Dächer – das Zentrum Kreuzberg war wie ein Abenteuerspielplatz für uns.“ Er erzählt, wie die Jungs als Teenager die Wände besprühten und im Hof Breakdance übten.
Ein Knall vor dem Fenster
Auch wer Kathy Säbich fragt, was sie vor dem Fenster schon beobachtet hat, hört Geschichten von Kindern. Die 36-Jährige wohnt im zweiten Stock, sie blickt auf den Spielplatz. „Das ist witzig, wenn so ein Stöpsel versucht, einen Ball über den Zaun zu werfen – er aber immer wieder abprallt.“ Sie erzählt von den Müttern mit Kopftuch, die dort im Sommer Picknicktische mit Leckereien füllen. Auch Kathy Säbich selbst trägt Kopftuch, sie hat vor Jahren den muslimischen Glauben angenommen.
Am Spielplatz erlebte die angehende Erzieherin auch schon Schlimmes. „Es war vor gut einem Jahr, als ich abends einen Knall hörte. Gar nicht laut, aber so, dass ich zum Fenster ging.“ Unten lag ein Mann, „nicht in einer Blutlache oder so, aber regungslos.“ Ein 32-Jähriger, fast so alt wie Kathy Säbich, der zwei Stunden später im Krankenhaus sterben sollte. An einer Schusswunde.
Bis heute hat die Polizei keinen Täter gefasst, vermutet wird eine Tat im Rockermilieu.„In den Tagen danach herrschte komische Stimmung, alle waren in Aufruhr.“ Aber Angst? Das bringe nichts, sagt Kathy Säbich.
„Der Dreck, die Drogen – und diese ständigen Demos“
Insgesamt gingen die Straftaten am Kottbusser Tor im ersten Quartal 2017 leicht zurück, die Polizei registrierte rund 2900 Taten – allerdings sind das immer noch so viele, wie vor zehn Jahren beinahe im ganzen Jahr verübt wurden. Im Herbst 2015 schrieben die Gewerbetreibenden vom Kottbusser Tor einen Brandbrief an den Senat, in dem sie sich über die eskalierende Gewalt beklagten. Besonders ausgeprägt sind Körperverletzungen, Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz und Taschendiebstähle.
Ob sein Zuhause sich verändert hat, sein Kreuzberg, oder ob er im Alter anders geworden ist, fragt sich auch Lutz Braun manchmal. Die Augen des 64-Jährigen sehen auf seinem Plakat genauso aus, wie er über den Kotti spricht: wütend, aber mit einem Schmunzeln unter der Oberfläche.
„Der Dreck, die Drogen – und diese ständigen Demos! Man weiß ja gar nicht mehr, wofür oder wogegen die sind!“ Früher, Ende der Achtziger, zu Zeiten der Hausbesetzer, als er hier eingezogen sei, sagt der DDR-Flüchtling, war das Milieu noch viel politischer – wenn auch radikaler.
„Das geht nur am Kotti“
Lutz Baum erinnert sich noch an den 1. Mai 1987, als Kreuzberg im Krawall versank und der Supermarkt Bolle am Görlitzer Bahnhof brannte. „Das war gespenstisch“, sagt er. „Danach lag so eine Stille über der Stadt, wie ich sie in Kreuzberg selten gehört habe.“
Dann ändert sich sein Blick plötzlich, und er erzählt von einem lauten Moment am Kotti: von einer Party, die die Nachbarn einst vor dem Haus feierten, als der Strom ausgefallen war. Und davon, wie er einmal auf dem Balkon stand und mit seiner E-Gitarre ein spontanes Duett spielte – mit einem Saxofonisten, der untern auf dem Platz stand und das Lied angestimmt hatte. „Das geht nur am Kotti“, sagt er.
Auf die Frage, ob er am liebsten wegziehen wolle, schüttelt Lutz Braun energisch den Kopf. „Ich will nicht abhauen – ich will was ändern hier, was mitgestalten!“
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