Historische Illusionen und verlorene Unschuld: Gab es einen "17. Juni der Intelligenz"?

Klartext hinter Saaltüren

Volker Müller
6 Min

Im Erinnern an den 17. Juni 1953 wurde kenntlich, wie breit das Aufbegehren gegen den auf Volkes Kosten diktierten sozialistischen Aufbau in der DDR damals war. Die Schöpfer von neuen, "positiven" Gründungserzählungen für die Berliner Republik stellen diese demokratische Rebellion kühn in die Reihe der großen europäischen Freiheitsrevolutionen - vom Sturm auf die Bastille bis zu den Umbrüchen des 89er Herbstes. Nur eine soziale Gruppe möchten sie von solchem Heldenlied ausgenommen wissen: die Intellektuellen, die Künstler. Sie hätten sich "von der Erhebung distanziert" und "meist sogar bereitwillig für die Propaganda der SED einspannen" lassen, testiert ihnen zum Beispiel Hubertus Knabe. Walter Ulbricht tätschelte nach dem "Sieg über die Konterrevolution" seine Intelligenzler: sie hätten "in den Tagen der faschistischen Provokation loyal gearbeitet".Die Berliner Akademie der Künste hat ihre eigenen und weitere Archive nach Künstlerzeugnissen aus jenen Junitagen durchsucht. Vertieft man sich in die Auswahl ihrer Funde, die seit Ende Mai und noch bis zum 31. August am Robert-Koch-Platz 10 (Berliner Zeitung vom 26. Mai) kommentarlos präsentiert werden, so findet sich in der Tat bestätigt: Der 17. Juni war nicht der Aktionstag der Intellektuellen. Er sah sie als Zaungäste, Beobachter am Straßenrand oder gar gegen die Streiks agitierend. Einerseits machten sich viele namhafte Künstler - Tribut an die SED-Propaganda? Traumata aus der erst acht Jahre zurückliegenden NS-Zeit? - die DDR-offizielle Lesart vom west-gesteuerten Putsch zu Eigen. Der Aufstand mit seinen zerstörerischen Ausschreitungen wurde etwa von Stefan Heym, Otto Nagel oder Erich Loest als das Werk von "faschistischen Rowdys", von "Abschaum" aus West-Berlin betrachtet; Friedrich Wolf sah "Nazibrandstifter" sich austoben. In makabrem Ton begrüßte Fritz Cremer die verhängten Todesurteile, "die einzige Sprache, die diese Banditen verstehen". Zugleich wurde unverblümt auf die "Massenunzufriedenheit" im Staate DDR verwiesen (Stefan Heym), wurden "berechtigte wirtschaftliche Forderungen" konstatiert und die "Korrektur schwerer Fehler" angemahnt (Otto Nagel, Hanns Eisler). In einer bislang unbekannt gebliebenen Resolution wehrt sich der von Erich Loest geführte Leipziger Schriftstellerverband gegen "unwahre, lückenhafte und beschönigende Informationen" in den DDR-Medien, "...vor allem gegen die Versuche, die Demonstrationen zahlreicher Arbeiter lediglich als die Folge von Agentenarbeit darzustellen". Sieht man von bornierten Apologeten des Sowjetsozialismus ab, so war die ambivalente Haltung der kritischen Intellektuellen gegenüber dem 17. Juni, mitten im Kalten Krieg, doch von der - aus heutiger Sicht illusionären - Hoffnung begleitet, die "schweren Fehler" des stalinistischen Systems seien auf einem "dritten Weg" reformerisch zu beheben. Ein "klassischer" Beleg dafür ist die listig gewundene Verbundenheitsadresse Brechts an Ulbricht, die den brachial in Gang gesetzten Sozialismus als "revolutionäre Ungeduld" dem Urteil der Geschichte anheim stellte und "die große Aussprache mit den Massen" über das Aufbautempo einforderte. Bekanntlich sprach Wolf Biermann noch bei seinem legendären Kölner Konzert 1976 vom "Januskopf" des 17. Juni - "schon ein demokratischer Arbeiteraufstand und noch eine faschistische Erhebung". Noch immer würde er, meinte er damals, "genauso wie mein verehrter Meister Brecht, ...wenn die russischen Panzer kommen am 17. Juni ... verzweifelt und mit Tränen in den Augen die Mütze runterreißen und diese Panzer begrüßen". Eine historisch gerechte Sicht auf die damalige Position bedeutender DDR-Intellektueller darf sich nicht auf ihr Agieren in den auf-ständischen Junitagen beschränken; sie hat auch das Wirken in den Monaten davor und danach zu erfassen. Darauf insistiert der Historiker Siegfried Prokop in seiner jüngst erschienen Publikation über "Intellektuelle im Krisenjahr 1953". Er wendet sich einer ganzen Kette von bemerkenswerten kritischen Analysen und Aktionsprogrammen zu, die seinerzeit die Deutsche Akademie der Künste, der Förderungsausschuss für die deutsche Intelligenz und der von Johannes R. Becher begründete Kulturbund zur Situation im Lande leisteten. Gestützt auf diese Quellen, die zu erschließen weder das verschreckte SED-Regime noch notorische Antikommunisten im Westen ein Interesse hatten, setzt er dem Pauschalvorwurf von der Systemhörigkeit der Geistesschaffenden in der DDR seine Antithese entgegen: Die Intelligenz habe "am empfindlichsten" auf die umfassende Systemkrise des Sozialismus in den Jahren 1952/53 reagiert und Reformen angemahnt. In der Akademie-Ausstellung findet man die eindringliche, schon im Januar 1953 an die Regierung gerichtete Analyse des damaligen Akademie-Direktors Rudolf Engel, worin er die Missstimmung beklagt, die namhafte Künstler wie Arnold Zweig, Brecht, Felsenstein, Gustav Seitz, Palucca, Wagner-Regeny, Eisler, Nagel oder Cremer erfasst habe. "Typisch für fast alle ist eine merkwürdig gedrückte und unfrohe Haltung... Es fehlt jede kämpferische Stimmung, jede Fröhlichkeit..." Eine ungeschminkte Enquête zur Lage der Intelligenz, die der Präsidialrat des Kulturbundes im März 1953 aus allen Bezirken der DDR anforderte und eine anschließende Zentrale Intelligenzkonferenz im Mai in Berlin gingen der allgemeinen "Vergrämung" und dem Brodeln unter den Geistesschaffenden auf den Grund. Man schlug Alarm gegen Sozialabbau und Gleichmacherei, dogmatische Bevormundungen, engstirnige Berichterstattung in den Medien und Verfolgung Junger Christen. Unmittelbar nach dem 17. Juni forderten die Akademie und der Kulturbund in weit reichenden "Punkte-Programmen" die Wiederherstellung der geistigen und politischen Freiheiten. Die intellektuellen Proteste kulminierten - freilich hinter Saaltüren und fernab der niedergeschlagenen Aufständischen - auf einer denkwürdigen Präsidialratstagung des Kulturbundes am 3. Juli 1953. Ernst Niekisch verwahrte sich dort - in harscher Kontroverse mit Becher - gegen die vom Regime vorgenommene "nicht nur irreführende, sondern geradezu gefährlich Interpretation" des 17. Juni. Wohl hätten "faschistische Elemente und Provokateure" eine Rolle gespielt. "Aber das Wesentliche...ist doch, dass hier ein elementarer Ausbruch aus der Arbeiterschaft erfolgt ist..." Viktor Klemperer, Arnold Zweig und andere geißelten mit scharfen Worten die recht- und gesetzeswidrige Verfolgung der streikenden Demonstranten. "Man sagt, es sind die Faschisten", rief der angesehene greise Mediziner Theodor Brugsch. "Nein, es ist das Volk!" In düsterer Prophetie kennzeichnete der Greifswalder Medizindekan Hanns Schwarz die Epoche der DDR, "die wir augenblicklich durchgemacht haben und vielleicht sogar noch durchmachen" als "Epoche des Regimes der Funktionäre". Alle diese Wortmeldungen charakterisieren Mittenzwei und Prokop als den "17. Juni der Intelligenz"; keine andere Schicht habe analytisch so klar auf die Systemkrise reagiert. Diese Diktatur der Funktionäre zu überwinden, unternahmen im Verlauf des Sommers 53 vor allem Bertolt Brecht und Wolfgang Harich noch einige mutige Vorstöße - sie setzten an bei der dogmatischen Kulturpolitik, im Angriff auf die verhasste Staatliche Kunstkommission unter Helmut Holtzhauer. Kaum dass Ulbricht politisch wieder fest im Sattel saß und mit seinen Widersachern abgerechnet hatte, zwang die Führung den Kulturbund zum Einlenken und die Künstler unter alte Botmäßigkeiten. Es sollte sich schon damals der tragische Grundirrtum der Intelligenz offenbaren, man könne das "Regime der Funktionäre" durch systemimmanente Reformen zerbrechen. Der 17. Juni war für die DDR-Intelligenz, in den Worten Werner Mittenzweis, "die erste größere Desillusionierung der Nachkriegshoffnungen". Es "verschwand das naive Vertrauen in die Zukunftslosungen". Die Idee von einem vermeintlich "besseren" Deutschland hatte ihren Zauber, der Dienst dafür seine Unschuld verloren."Typisch für fast alle ist eine merkwürdig gedrückte und unfrohe Haltung. . . " Rudolf Engel.BERLINER VERLAG/JACOBSON-SONNENFELD Der 17. Juni 1953 war nicht gerade der Aktionstag der Intellektuellen - hier Schriftstellerin Anna Seghers am "Tag des freien Buches" 1947 in Berlin.

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