Hoch hinaus mit den Liberalen

Jan Thomsen Thomas Rogalla
2 Min

Eine der angenehmen Pflichten seines Amtes hatte Klaus Wowereit (SPD), Regierender Bürgermeister, am Freitag zu erledigen. Er durfte wie jedes Jahr den Verdienstorden des Landes verleihen, aber - darin besteht der Hauptspaß - wie üblich nicht nur an einen einzigen, sondern gleich an ein gutes Dutzend verdienstvoller Hauptstädter. Darunter Schauspielerin Nina Hoss, Marmeladenmogul Arend Oetker, Baumparlamentarier Ben Wagin, die Surrealismussammler Ursula und Heiner Pietzsch und Integrationsaktivist Safter Cinar. Wowereit lobte alle und jeden, lächelte und verteilte so fleißig Orden an Zivilisten wie früher allenfalls Ostblock-Staatschefs an ihre Militärs. Dass auch er zu den Ehrwürdigen des Tages gehörte, wurde erst später deutlich, als die frisch gekürten Würdenträger dem Regierenden herzlich zurückgratulierten: zum 57. Geburtstag nämlich. Wir gratulieren von hier aus nachträglich!----Den Freidemokraten Berlins machen Umfragen derzeit wenig Freude: Sie haben sich, auch infolge eines schwachen Bundestrends, ganz unten bei drei bis vier Prozent stabilisiert: deutlich über der Wahrnehmungsschwelle, ebenso deutlich aber unter der Fünf-Prozent-Hürde. Dass man bei dieser traurigen Datenlage gegenteilige Symbole setzen will, verwundert nicht. So wurde der jüngste "Medientreff" der FDP, zu dem Vertreter von Presse, Funk und Fernsehen zwecks zwangloser Gespräche geladen sind, auf höchste Höhen verlegt: nämlich ins Panoramacafé im Kolhoff-Haus am Potsdamer Platz, mit tollem Blick von rund 100 Metern über Straßenniveau auf die größte Stadt der Republik. Sogar ein rasanter Aufstieg, von vielen Liberalen heiß ersehnt, ist in dem Gebäude erlebbar: Transportiert doch der nach Portierauskunft "schnellste Lift der Welt" seine Fahrgäste mit einer Geschwindigkeit von achteinhalb Metern pro Sekunde. Allerdings nicht nur nach oben.----Es ist immer gut, wenn Politiker wissen, wovon sie reden. Sandra Scheeres, Familienpolitikerin der SPD, hat soeben ihre Fachkompetenz ausgebaut. Ihr Sohn Peter (6) bekam jüngst ein Brüderchen (3350 Gramm, 54 Zentimeter), das auf den Namen Caju hören soll. Das kommt aus dem Französischen, wo es "Kleiner Kieselstein" bedeutet. Um Lehrer, Mitschüler und Meldebehörden nicht zu überfordern, hat Scheeres auf die fehleranfällige Original-Schreibweise Caillou verzichtet und so weiteren Überfremdungstendenzen getrotzt. Die Sarrazin-Debatte ging an der jungen Mutter übrigens nicht vorbei: Sie erhielt von Genossen mehr oder weniger ernst gemeinte Glückwünsche, dass mit Klein-Caju ganz im Sinne von Thilo S. ein intelligentes sowie genetisch korrektes, deutsches Mittelschichtskind mehr Berlin bevölkert. (jan., tr.)

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema