Friedrich Hölderlin erinnert uns an ein großes Einstmals, an eine Zeit, die noch heil und voller Anmut war. Statt sich mit dem Klein-Klein des Lebens abzufinden, ringt seine Dichtung stets um alles oder nichts. Wer also heute, in einer Zeit, der alle großen Konstanten abhandengekommen sind, Hölderlin liest, mag durchaus das Gefühl verspüren, sich ein wenig fernab unserer Welt zu befinden. So manches erscheint dem zeitgenössischen Menschen inzwischen fremd und kryptisch. Warum eine Wiederentdeckung des wohl vernachlässigsten Dichters unter den Klassikern dennoch lohnt, belegen vor dessen 250. Geburtstagsjahr mitunter zwei kluge Bücher. Zum einen Karl-Heinz Otts Essayband „Hölderlins Geister“, zum anderen Rüdiger Safranskis so profunde wie erhellende Biografie.
Die All-Einheit
Durch Letzteren wird der Schriftsteller, den im Laufe der Geschichte Faschisten wie Kommunisten, überhaupt sämtliche politische Lager für sich zu vereinnahmen suchen, ein Mensch: ein Kind, das in der schwäbischen Enge aufwächst, in Klosterschulen in die Tiefen der theologischen Bildung durchdringen muss und dabei eigentlich immer nur den Traum hegt, Dichter zu werden. Was im Tübinger Dunstkreis um Hegel, Schelling und ihm als philosophisches Systemprogramm entsteht, wird er im Poetischen realisieren. Es ist – vereinfacht gesagt – die Idee von einer All-Einheit, der innigen Verbindung von Mensch, Natur und Gott, von Freiheit und Würde. Gegen die frühmoderne, rationalistische Vermessung des Daseins infolge der Aufklärung erschallt der Lobpreis des Universalismus und Idealismus.
Hölderlin glaubt den geistigen Nährboden und Ursprung dafür in der griechischen Mythologie zu finden, denn „das Rettende“, so Safranski, den Autor anzitierend, „mag etwas Künftiges sein, es liegt aber auch in der Erinnerung an eine große Vergangenheit“, jene der Helden und olympischen Götter. Dass der Autor jedoch das Gestern nicht einfach nur kopiert, sondern neu denkt und in die Zukunft überträgt, ist sein gewaltiges Verdienst.
Mensch und Himmel
Das Utopische in seinen lyrischen Werken oder seines „Hyperion“-Romans liegt in der ganz besonderen Synthese aus christlichen und antiken Motiven. Man denke nur an die „Stuttgart“-Elegie. Sowohl der monotheistische Gott als auch die hellenischen Götter sind in ihr präsent. Angerufen werden sie – wie so oft in Hölderlins Langgedichten – durch ein lyrisches Ich, das zu Beginn die vitale Natur besingt: „es schwellen die Bäch und alle gebundnen / Fittige wagen sich wieder ins Reich des Gesangs. / Voll ist die Luft von Fröhlichen jetzt und die Stadt und der Hain ist / Rings von zufriedenen Kindern des Himmels erfüllt.“ Die menschliche und die himmlische Sphäre treffen aufeinander, wobei sich schon in den nachfolgenden Strophen das Ende dieser Feier anzukünden droht, um schließlich noch einmal die große Gemeinschaft zu beschwören. Denn „des Gottes freundliche Gaben, / Die wir teilen, sie sind zwischen den Liebenden nur. / […] Kommt und reicht, ihr Lieben, die Hand! das möge genug sein“.
Wie sich gerade an diesen Versen verdeutlichen lässt, ist Poesie bei Hölderlin „nicht einfach nur weltabbildend und welterklärend, sondern sie ist im eminenten Sinne weltschaffend.“ Mit derlei Beobachtungen und Deutungen seiner wichtigsten Schriften reicht Safranskis Biografie glücklicherweise weit über eine Abhandlung von Lebensstationen hinaus. Er geht dem Geheimnis von dessen Schreiben auf den Grund und betont die damit verbundene schöpferische Dimension. Statt einer alleinigen Flucht in die Kunst hebt es letzthin auf die Veränderung der Realität ab. Geprägt von den Maximen der französischen Revolution sinnt der Meister des Pathos auf eine herrschaftsfreie Gesellschaft im Geist der Gleichheit.
Ein Dichterpriester
Wie später auch Stefan George und Rainer Maria Rilke wird er zu den sogenannten Dichterpriestern gezählt. Indem sie Kontakt zum Höheren herstellen, werden sie zu Kündern einer neuen Zeit und Ordnung. Die Dichtung ist daher „Lehrerin der Menschheit“, wie Karl-Heinz Ott in seiner schlaglichtartigen Annäherung an den Sprachkünstler festhält. Dass dessen überschaubares Panorama an Texten eine enorme Wirkung, insbesondere posthum, hervorrufen sollte, kann man wunderbar in „Hölderlins Geister“ studieren. Während Safranski die Genese eines Genies aus einem Reifen an Welt, Ideen und Zeitgenossen verfolgt, entfaltet Ott eher unsystematisch, aber nicht minder anregend ein Netz an Bezügen, Querverweisen und Prägungen. Wir springen in Miniaturessays von Ernst Jünger zu Martin Heidegger, über Peter Weiss bis hin zum postmodernen Denker Foucault, der wie Hölderlin den Reiz der orientalischen Kultur schätzte.
Auf dem Weg zur Utopie
Mehr noch als der Biograf richtet Ott seinen Blick auf die Wendungen und die Dynamik in den Gedichten: Ost und West, Dies- und Jenseits, Ordnung und Chaos. Was sie ausmacht, sind dialektische Bewegungen – „hier das Dingfeste, dort das Delirieren. Kein Wunder, dass Hölderlin so gern Dionysos anruft, den großen Entgrenzer“. Verehrt wird der Gott des Weins, der mitunter im Sinne der Neudeutungen Hölderlins auch mal mit Jesus assoziiert wird, nicht nur seiner Rauschhaftigkeit wegen. Mit ihm verbindet sich ebenso das Wachstum. Denn der „Weinstock / Dämmert und wächst und erwarmt unter dem sonnigen Duft“. So endet das Gedicht „Der Gang aufs Land“. Die Pflanze streckt sich empor zum Licht, nach oben, wo vielleicht noch die zurückgezogenen Götter zu finden sein mögen.
Wem das altmodisch vorkommt, verkennt die eigentlich verblüffende Aktualität dieser Dichtung. Gerade in einer Zeit realpolitischen Pragmatismus ermutigt das Werk des 1843 verstorbenen Schriftstellers wieder dazu, Utopien zu entwickeln und in der Literatur genauso wie im Leben nach dem zu suchen, woran wir in der Epoche von Fake News und allgegenwärtigen Relativierungen kaum mehr zu glauben wagen: nach dem Wahren, das zumindest bei Hölderlin noch das Gute in sich birgt.
Rüdiger Safranski: Hölderlin. Komm! ins Offene, Freund! Hanser, München 2019. 336 S., 28 Euro.
Karl-Heinz Ott: Hölderlins Geister. Hanser, München 2019. 240 S., 22 Euro.
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