Hörfunk für die iPod-Generation: Vier Berliner Journalisten machen am Küchentisch Radio zum Runterladen: Reden, trinken, telefonieren

Berlin, eine Küche im Prenzlauer Berg. Ein kleiner Raum, gelb gestrichen, mit Blick auf das Grün im Hinterhof. Getränke stehen auf dem Tisch, auch alkoholische, man hört Musik und plaudert. Die Szene sieht wie ein gemütliches Stammtisch-Treffen aus und nicht wie Radiomachen. Ist es aber: "Herzlich willkommen zur zehnten Ausgabe von Küchenradio", begrüßt Philip Banse die Hörer seiner Sendung. Einmal in der Woche trifft er sich mit den Journalisten Andreas Baum, Gerd Brendel und Katja Bigalke in der Küche.Geladen sind dann auch immer mehr oder minder prominente Gäste: Künstler, Architekten, Musiker. Mit ihnen unterhalten sich die Küchenradio-Macher eine Stunde lang über ihre Arbeit, über die Liebe, das Leben oder auch darüber, wie man Spargel kocht. Normalerweise arbeiten Banse und seine Kollegen für den öffentlich-rechtlichen Hörfunk. Jeden Dienstag aber nehmen sie ihr eigenes Programm auf. "Küchenradio: Jeden Mittwoch frisch vom Küchentisch" - als Audiodatei können alle Besitzer eines MP3-Players die Sendung über das Internet auf ihr Gerät herunter laden."Podcasting" heißt das neue Medium. Der Begriff leitet vom englischen Wort "Broadcasting" und dem Namen des MP3-Players iPod ab. Der ehemalige MTV-Moderator Adam Curry machte das Prinzip im vergangenen Jahr in den USA populär. Mittlerweile gibt es auch in Deutschland mehr als einhundert Web-Adressen mit einem Podcasting-Angebot."Als ich das erste Mal davon gehört habe, fand ich das sofort attraktiv", sagt Philip Banse. "Es ist einfach ein unkomplizierter Weg, ein eigenes kleines Format zu erarbeiten." Alles was der Radiomacher dafür braucht, ist ein Mikrofon, ein Headset und ein Notebook. Eine Audiosoftware erstellt die Sendung auf dem Rechner. Danach hinterlegt Philip Banse die Datei unter www.kuechenradio.org zum Download. Mittels eines bestimmten Programms können die Nutzer eines MP3-Players das Küchenradio-Podcast auch kostenlos abonnieren. Dann erhalten sie jede Folge ganz automatisch auf ihr Gerät.Die erste Sendung von Küchenradio am 26. April 2005 hatte 500 Hörer in ganz Deutschland. Seitdem gab es für das jeweils einstündige Programm viel Lob von den Hörern. Das liegt auch an der Spontanität, mit der die Sendung entsteht. "Hier kann man alle Sachen machen, die man sonst nicht tun darf, wenn man mit Radio sein Geld verdient", sagt Banse. Im Küchenradio dürfen Gäste und Moderatoren ruhig mal mit dem Handy telefonieren. Oder auf die Toilette gehen. Auch kann während der Aufzeichnung gekocht werden.Zur zehnten Ausgabe vor einer Woche gab es Nudeln mit Öko-Rinderhack, Vanillepudding und Erdbeeren. Zwei Architekten vom Berliner Label Raumlabor waren an diesem Tag zu Gast. Sie erzählten, wie sie einmal den Palast der Republik mit 100 000 Liter Wasser geflutet haben. Wie sie in Halle-Neustadt ein leer stehendes Hochhaus zusammen mit Jugendlichen in ein Hotel umwandelten.Zuvor war auch schon der Erfinder einer Ameisenreiseagentur im Küchenradio zu Besuch, außerdem ein Katastrophenforscher, ein Experte für Western und ein Musiker aus dem Verein der "Polnischen Versager"- skurrile Personen, die sonst wohl kaum in einem Radioprogramm auftauchen würden. Die Gespräche sind ausführlich, authentisch und ungeschnitten. "Ich bin ganz froh, dass wir mit dem Küchenradio kein Geld verdienen", sagt Banse. "Sonst wären wir wieder den Zwängen ausgesetzt, wie es sie im Rundfunkbetrieb gibt."Das Küchenradio ist denn auch ein soziales Ereignis, eins, das Spaß machen soll. Ein Medienexperiment, das kein Ersatz zum konventionellen Radio sein will. Noch hat ja kein Weblog die Zeitung abgelöst, kein Podcast das Radio. Zumindest aber brauchen die Abonnenten von Küchenradio.org keine Angst zu haben, eine Sendung zu verpassen. Wenn heute "der Mann, der nicht schlafen kann" in der Küche im Prenzlauer Berg zu Gast ist, wird die Sendung beim nächsten Besuch der Website automatisch auf dem MP3-Player gespeichert sein.------------------------------Foto : Radiomacher Andreas Baum, Philip Banse, Gerd Brendel (v. ...

BLZ
9 Min

Berlin, eine Küche im Prenzlauer Berg. Ein kleiner Raum, gelb gestrichen, mit Blick auf das Grün im Hinterhof. Getränke stehen auf dem Tisch, auch alkoholische, man hört Musik und plaudert. Die Szene sieht wie ein gemütliches Stammtisch-Treffen aus und nicht wie Radiomachen. Ist es aber: "Herzlich willkommen zur zehnten Ausgabe von Küchenradio", begrüßt Philip Banse die Hörer seiner Sendung. Einmal in der Woche trifft er sich mit den Journalisten Andreas Baum, Gerd Brendel und Katja Bigalke in der Küche.Geladen sind dann auch immer mehr oder minder prominente Gäste: Künstler, Architekten, Musiker. Mit ihnen unterhalten sich die Küchenradio-Macher eine Stunde lang über ihre Arbeit, über die Liebe, das Leben oder auch darüber, wie man Spargel kocht. Normalerweise arbeiten Banse und seine Kollegen für den öffentlich-rechtlichen Hörfunk. Jeden Dienstag aber nehmen sie ihr eigenes Programm auf. "Küchenradio: Jeden Mittwoch frisch vom Küchentisch" - als Audiodatei können alle Besitzer eines MP3-Players die Sendung über das Internet auf ihr Gerät herunter laden."Podcasting" heißt das neue Medium. Der Begriff leitet vom englischen Wort "Broadcasting" und dem Namen des MP3-Players iPod ab. Der ehemalige MTV-Moderator Adam Curry machte das Prinzip im vergangenen Jahr in den USA populär. Mittlerweile gibt es auch in Deutschland mehr als einhundert Web-Adressen mit einem Podcasting-Angebot."Als ich das erste Mal davon gehört habe, fand ich das sofort attraktiv", sagt Philip Banse. "Es ist einfach ein unkomplizierter Weg, ein eigenes kleines Format zu erarbeiten." Alles was der Radiomacher dafür braucht, ist ein Mikrofon, ein Headset und ein Notebook. Eine Audiosoftware erstellt die Sendung auf dem Rechner. Danach hinterlegt Philip Banse die Datei unter www.kuechenradio.org zum Download. Mittels eines bestimmten Programms können die Nutzer eines MP3-Players das Küchenradio-Podcast auch kostenlos abonnieren. Dann erhalten sie jede Folge ganz automatisch auf ihr Gerät.Die erste Sendung von Küchenradio am 26. April 2005 hatte 500 Hörer in ganz Deutschland. Seitdem gab es für das jeweils einstündige Programm viel Lob von den Hörern. Das liegt auch an der Spontanität, mit der die Sendung entsteht. "Hier kann man alle Sachen machen, die man sonst nicht tun darf, wenn man mit Radio sein Geld verdient", sagt Banse. Im Küchenradio dürfen Gäste und Moderatoren ruhig mal mit dem Handy telefonieren. Oder auf die Toilette gehen. Auch kann während der Aufzeichnung gekocht werden.Zur zehnten Ausgabe vor einer Woche gab es Nudeln mit Öko-Rinderhack, Vanillepudding und Erdbeeren. Zwei Architekten vom Berliner Label Raumlabor waren an diesem Tag zu Gast. Sie erzählten, wie sie einmal den Palast der Republik mit 100 000 Liter Wasser geflutet haben. Wie sie in Halle-Neustadt ein leer stehendes Hochhaus zusammen mit Jugendlichen in ein Hotel umwandelten.Zuvor war auch schon der Erfinder einer Ameisenreiseagentur im Küchenradio zu Besuch, außerdem ein Katastrophenforscher, ein Experte für Western und ein Musiker aus dem Verein der "Polnischen Versager"- skurrile Personen, die sonst wohl kaum in einem Radioprogramm auftauchen würden. Die Gespräche sind ausführlich, authentisch und ungeschnitten. "Ich bin ganz froh, dass wir mit dem Küchenradio kein Geld verdienen", sagt Banse. "Sonst wären wir wieder den Zwängen ausgesetzt, wie es sie im Rundfunkbetrieb gibt."Das Küchenradio ist denn auch ein soziales Ereignis, eins, das Spaß machen soll. Ein Medienexperiment, das kein Ersatz zum konventionellen Radio sein will. Noch hat ja kein Weblog die Zeitung abgelöst, kein Podcast das Radio. Zumindest aber brauchen die Abonnenten von Küchenradio.org keine Angst zu haben, eine Sendung zu verpassen. Wenn heute "der Mann, der nicht schlafen kann" in der Küche im Prenzlauer Berg zu Gast ist, wird die Sendung beim nächsten Besuch der Website automatisch auf dem MP3-Player gespeichert sein.------------------------------Foto : Radiomacher Andreas Baum, Philip Banse, Gerd Brendel (v. l.)

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema