Es brodele im Osten, behauptet jedenfalls Jessy Wellmer. Die in Güstrow geborene RBB-Journalistin, bundesweit bekannt geworden als „Sportschau“-Moderatorin, hat sich zum zweiten Mal für die ARD auf eine Rundreise durch Ostdeutschland begeben und Stimmen eingefangen. Vor knapp einem Jahr hatte sie nach dem Verhältnis der Ostdeutschen zu Russland gefragt, dabei nicht nur ihre Eltern und Prominente wie Gregor Gysi interviewt, sondern auch einen ehemaligen NVA-Offizier gefunden, der Russland bis heute für einen „Friedensgaranten“ hält.
Der neue Titel „Hört uns zu!“ klingt fast schon quengelnd – wie die Forderungen von Kindern, endlich am Erwachsenengespräch teilnehmen zu dürfen: „Mama, Papa, jetzt sind wir auch mal dran!“ Auch die Vereinnahmung aller Ostdeutschen zu einem gemeinsamen „Wir“ bereitet dem Rezensenten, Jahrgang 1964, gebürtiger Sachse, Bauchschmerzen: Denn was habe ich mit jenen Brandenburger Burschen gemein, die nach der Wende geboren wurden und sich nun auf dem Stadtfest in Seelow darüber beschweren, dass „die da oben“ nur „unmenschliche“ und „sinnlose Scheiße“ von sich geben würden, während die Vertreter der AfD „für das Volk“ reden würden?
33 Jahre nach der Wiedervereinigung gebe es „überraschend viel zu besprechen“, verspricht Jessy Wellmer eingangs. Sie trifft zunächst einen Flugzeugtechniker in Zeuthen, der sich darüber beschwert, dass er für das gleiche Gehalt zweieinhalb Stunden länger als die Westkollegen arbeiten muss. Doch statt konkret nachzufragen oder zu erklären, auf welcher rechtlichen Basis diese Herabstufung eigentlich noch beruht, verplätschert das Gespräch im allgemeinen Stimmungsbild.
Bei den rund fünf Minuten langen Begegnungen bleibt zu wenig Zeit, in die Tiefe zu gehen. Steffen Baumgart, der früher für Jessy Wellmers Lieblingsverein Hansa Rostock viele Tore schoss und nun den 1. FC Köln trainiert, ist nicht nur stolz auf seine ostdeutsche Vita, sondern verrät auch, dass er wegen seiner Herkunft mal als Trainer abgelehnt wurde – und zwar von einem Ostverein. Leider erfährt die Fußballwelt nicht, von welchem Verein – doch klar ist: „Der Westen“ ist nicht immer schuld.
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„Geil“, aus dem Osten zu stammen
Als weitere Vertreter Ostdeutschlands werden die Musikerinnen der Chemnitzer Band Blond besucht, deren neues Album laut Jessy Wellmer gerade „von der Musikpresse“ (noch so eine Verallgemeinerung) als „wichtigste Platte des Jahres“ gefeiert werde. Die Schwestern Nina und Lotta Kummer finden es „geil“, aus dem Osten zu stammen, und machen sich darüber lustig, dass ihre reichen Kommilitoninnen aus dem Westen Pferde haben. Deutlich unentspannter und konfrontativer wirkt der Leipziger Literaturprofessor Dirk Oschmann, der mit seiner Philippika „Der Osten – eine westdeutsche Erfindung“ einen Bestseller geschrieben hat und im Osten vor vollen Sälen liest. Begeisterte Leserinnen beziehen aus der Kampfschrift neues Selbstvertrauen. Jessy Wellmer hält Oschmann vor, er habe ein „Handbuch der Verweigerung“ verfasst. Politisch geht es auch zu bei den Treffen mit dem sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer und dem Wahlvolk in Seelow, wo der bisherige amtierende Stellvertreter die Bürgermeisterwahl haushoch gegen einen AfD-Mann gewann, dessen Partei von vielen als Bedrohung wahrgenommen wird.
Immer wieder werden die Gespräche ergänzt und untermauert durch aktuelle Umfragen. So fühlen sich 43 Prozent der Ostdeutschen immer noch als Bürger zweiter Klasse, 40 Prozent erleben sich eher als Ostdeutsche denn als Deutsche. Die AfD als „Gefahr für die Demokratie“ sehen 54 Prozent der Ostdeutschen – im Westen sind es 67 Prozent. Nach dem Umgang mit Migranten, vor Ort in Seelow ein Thema, wird aber leider nicht gefragt. Bei der Frage, ob Ost und West schon „stark“ zusammengewachsen wären, sind sich Ost und West überraschenderweise fast einig: 62 Prozent der Ostdeutschen und 56 Prozent der Westdeutschen finden, Deutschland wäre wenig oder gar nicht zusammengewachsen.
Das Fazit der Reporterin fällt reichlich allgemein, fast banal aus: „Die Vielfalt im Osten ist größer, als viele denken“, erklärt Jessy Wellmer. „Osten ist Heimat, Hoffnung, aber auch eine Aufgabe.“ Doch wem muss oder will sie das eigentlich erklären? „Dem Westen“? Der Soziologe Daniel Kubiak rät zum Schluss, die Komplexität und Vielfältigkeit anzuerkennen, so wie die Unterschiede zwischen den Menschen aus Schleswig-Holstein und Bayern. Der Rezensent fühlt sich kurioserweise am ehesten vertreten vom Bayer Jochen Wolff, der 20 Jahre lang als Chefredakteur die Ost-Postille Super-Illu leitete. Er kann das „Gefasel“ von den Bürgern zweiter Klasse nicht mehr hören und hält es für eine überholte „Selbstverzwergung“.
Hört uns zu! Wir Ostdeutsche und der Westen. Ab Fr., 22.9., 18 Uhr in der ARD-Mediathek, am Mo., 25.9., um 20.15 in der ARD
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