Homeland wird in Berlin gedreht – und braucht jede Menge Komparsen. Die sollten am Wochenende in Kreuzberg gecastet werden. Nicht offiziell natürlich, was den Dreh angeht, halten sich alle Beteiligten bedeckt. Deswegen sucht die Agentur Filmgesichter in ihrer Ausschreibung lediglich Komparsen für eine "internationale TV-Serie", die in Berlin gedreht werden soll – so viele gibt es davon derzeit bekanntlich allerdings nicht.
Keine Frage also - ich muss dorthin, wittere ich doch schon die Chance auf einen exklusiven Undercover-Reportereinsatz direkt am Homeland-Set. Immerhin erfülle ich die Casting-Voraussetzungen: Alter egal, Geschlecht egal, keine Modelmaße erforderlich. Passt alles!
Gut, einen klitzekleinen Haken gibt es: in der Ausschreibung heißt es, man solle doch bitte wie die Bürger des Mittleren Ostens aussehen. Arabisch oder türkisch, persisch, nordafrikanisch, syrisch, oder wenigstens südeuropäisch.
Bewerber, die diese Kriterien nicht erfüllen, könne man leider nicht berücksichtigen. Zugegeben ein kleines Problem, denn ich bin blond, blass und blauäugig. Aber ob in heutigen, globalen Zeiten wirklich so kleinkariert auf diese Bestimmung geachtet wird? Ich könnte doch auch einen Backpacker darstellen oder eine Erasmusstudentin – würde das die Serie nicht viel realistischer machen? Und so sehr blond bin ich nun auch wieder nicht.
Deshalb bin ich am Samstag pünktlich zur Mittagszeit am Ort des Geschehens, dem TAK Theater am Moritzplatz. Eine lange Menschenschlange steht geduldig wartend in der Sonne. Ich tappe ans Ende und frage zwei Schülerinnen, wie lange sie schon anstehen. Knapp eine Stunde. In der prallen Sonne.
Wenn ich das mache, bin ich, bis ich an der Reihe bin, nicht mehr blass, sondern krebsrot. Mehr Türkei-Pauschaltouristin, als weltoffene Erasmus-Studentin. Die beiden Schülerinnen mit ihren langen dunklen Haaren teilen mein Problem nicht. Ich frage, ob sie auch Homeland-Fans sind, aber tatsächlich kennen beide die Serie kaum, sind hauptsächlich wegen des Jobs hier. 85 Euro pro Drehtag plus Zuschläge klingen nach einem netten Nebenverdienst, nicht nur für Schülerinnen.
Trotzdem bin ich entsetzt. Wo sind die Homeland Fans? "Die wirst du hier kaum finden", erklärt mir Burak Gülseni, der ein bisschen weiter vorne in der Schlange steht, "die meisten sind sicher wegen des Geldes hier". Der 26-Jährige guckt die Serie auch nicht regelmäßig, versucht sich aber als Regisseur und Schauspieler und wäre gern als Komparse beim Dreh dabei, um lernen zu können, wie das Homeland-Team arbeitet.
Und er soll Recht behalten. Fast alle Wartenden, die ich frage, warum sie sich für eine Komparsenrolle bewerben, haben nur ein paar Folgen der Serie gesehen – oder kennen sie überhaupt nicht. Dafür treffen die meisten die optischen Kriterien der Ausschreibung deutlich besser als ich. Nur wenige helle Haarschöpfe finden sich in der Schlange.
Ich frage einen rothaarigen jungen Mann mit Bartstoppeln, was er eigentlich hier sucht und er zuckt ein bisschen resigniert mit den Schultern. "Ich heiße Can – und es ist schade. Ich bin zwar türkischer Abstammung, aber sehe leider überhaupt nicht so aus." Noch tragischer: "In der Ausschreibung stand, sie suchen Leute mit Bart, den habe ich mir aber leider vor zwei Tagen abrasiert". Ich fühle mit Can, denn einen Bart habe ich auch nicht.
Ich möchte sehen, was im Theater passiert. Als ich mich nach vorne dränge, treffe ich auf eine junge Frau mit deutlich blonderen Haaren als meinen – und habe endlich einen Homeland-Fan gefunden. Eine 27-jährige Schauspielschülerin, die anonym bleiben möchte, findet Homeland großartig und deswegen ist es ihr auch völlig egal, ob sie ins optische Konzept passt oder nicht. Immerhin spricht sie persisch. "Ich hoffe, dass ich damit punkten kann, man weiß nie, ob man nicht vielleicht entdeckt wird", sagt sie.
Ich selbst rechne mir keine großen Chancen mehr aus – erst Recht nicht, als ich einen Blick auf das Geschehen im Theater erhasche. Ein provisorisches Fotostudio hat die Casting-Agentur dort aufgebaut. Wer an der Reihe ist, hält gut erkennbar seinen Bewerberbogen mit der darauf gedruckten Bewerbernummer in die Kamera, der Fotograf klickt zweimal und dann ist es auch schon wieder vorbei.
Privatssphäre für die Fotos gibt es nicht. Die wartende Menge schaut einfach zu. Das ist nichts für mich, ich werde schon nervös, wenn ich für ein Urlaubsfoto vor Freunden posieren muss. Außerdem würden die beiden großen Scheinwerfer auch das letzte bisschen Frühlingsbräune von meiner Haut verbannen.
Also mache ich kehrt und erwische am Ausgang die Chefin der Castingagentur, Johanna Ragwitz. Sie bestätigt mir, dass sich ein ungewöhnlich großer Teil der Bewerber wirklich an die Ausschreibung gehalten hat: "Das ist normalerweise anders. Als wir für Tarantino blonde und blauäugige Menschen gesucht haben, kamen sogar Afroamerikaner. Das passte nur eben nicht in einen Film über den Zweiten Weltkrieg. Aber wir nehmen jeden Bewerber in unsere Kartei auf und kontaktieren dann bei Bedarf. Und es ist ja nicht so, dass wir für die kommende Produktion gar keine blonden Menschen brauchen", sagt Ragwitz, "Wir haben davon nur schon genug in der Kartei."
Mit rund 2000 Menschen rechnet Ragwitz an diesem Castingtermin. Soll ich mich also doch noch anstellen? Ragwitz beruhigt mich: Wer es am Samstag nicht in Theater geschafft hat, kann sich bei der Agentur einfach online anmelden. Das spart Zeit – und Photoshop kann ja bekanntlich viel, und aus mir sicher auch eine Südeuropäerin machen. Wir sehen uns dann am Set!
So war das Homeland Casting in Berlin
"Nervös muss man nicht sein, auch wenn die ganze Menge dabei zusieht, wie man für die Fotografen posiert". Suzanne Awada, 21, Studentin
© BLZ7Julia Grass Lizenz
"Ich hoffe, dass ich vom Homeland-Team was lernen kann." Burak Gülseni, 26, freier Schauspieler und Regisseur.
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"Ich kenne Homeland nicht, aber ich bin jung und brauche das Geld." Michael Seidel, 59, Kraftfahrer.
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"Ich bin türkischer Abstammung, sehe aber leider gar nicht so aus." Can, 17, Schüler.
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